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Notarzt-System am Limit: Neues Sanitätergesetz gefordert

Bei jedem zweiten Notarzteinsatz sei überhaupt kein Notarzt notwendig. Die Plattform Notfallmedizin fordert eine dringende Reform des Sanitätergesetzes, um Aufgaben besser verteilen zu können.
Bild einer Katastrophenschutzübung mit Notarzthubschrauber.

Österreichs Rettungssystem gerät zunehmend unter Druck: Die Zahl der Notarzteinsätze steigt massiv, doch bei rund 20 Prozent der Notarzteinsätze sei keine notärztliche Maßnahme erforderlich, mehr als die Hälfte (53%) der Fälle wäre mit gut ausgebildeten Sanitätern zu bewältigen. 

Die Plattform Notfallmedizin Österreich, die notärztliche Organisationen in Österreich vernetzt, fordert aufgrund dieser Studienlange und wiederkehrender Berichte, dass Notärzte zu spät kommen würden, eine dringende Reform des mehr als 20 Jahre alten Sanitätergesetzes (SanG) und warnt vor gefährlichen Versorgungslücken. „Wir haben ein hochqualifiziertes Notarztsystem mit Einsätzen, die das gar nicht erfordern. Notärzte müssen dort verfügbar sein, wo Menschen um ihr Überleben kämpfen“, sagte Helmut Trimml, Anästhesist und Intensivmediziner von der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (Ögari) bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. 

Längere, dreijährige Ausbildung für Sanitäter gefordert

Die Versorgungslage sei im internationalen Vergleich sehr gut: 120 Notarztfahrzeuge sind 24/7 besetzt. Hinzu kommen je nach Jahreszeit bis zu 40 Notarzthubschrauber. Gleichzeitig gebe es einen Mangel an Notärztinnen und Notärzten in vielen Regionen und "heftige Diskussionen" darüber, dass Notärzte zu spät kämen. Die Realität sieht anders aus: Hochqualifizierte Notärzte sind zunehmend mit Einsätzen beschäftigt, bei denen ihre Expertise gar nicht erforderlich wäre. Das Problem liege im System: „Das Sanitätergesetz erlaubt die Tätigkeit des Rettungssanitäters nur als Hilfstätigkeit", kritisierte Clemens Kaltenberger, Präsident des Bundesverbands Rettungsdienst (BVRD). In der Realität leisten sie längst mehr, doch rechtlich seien ihnen die Hände gebunden. 

Rund 50.000 Sanitäter gibt es in Österreich, davon bräucht es ungefähr 10.000, die eine höhere Ausbildung absolvieren, "um systemwirksam zu sein". Die Ausbildung dauert in Österreich weniger als ein Jahr, während sie in Nachbarländern längst drei Jahre beträgt. „In Tschechien, Ungarn, Slowenien, Italien, der Schweiz und Deutschland ist die dreijährige Ausbildung längst Standard", erläuterte Anästhesist und Notfallmediziner Manuel Winkler von der Interessengemeinschaft Notfallmedizin Innsbruck (IGNI). „In Österreich ist der Sanitätsberuf derzeit eine Sackgasse. Wer sich weiterentwickeln will, fällt aus dem System."

Es gäbe mehr als ausreichend qualifizierte Notärztinnen und Notärzte, viele Sanitäterinnen und Sanitäter erhielten aber nur eine „Blitzeinschulung“. „Die Unsicherheit beim Personal ist teils sehr groß, sodass häufig der Notarzt ,zum Drüberschauen‘ gerufen wird, obwohl es nicht angezeigt wäre“, sagte Matthias Aujesky von der Interessensgemeinschaft Notärzte Oberösterreich (INO). 

Weniger Kosten und weniger Fluktuation erwartet

Der Verband der Rettungssanitäter hat in einer Studie ein Einsparungspotenzial von mehr als 800 Millionen Euro jährlich errechnet, wenn Sanitäter besser ausgebildet werden. Die Mehrkosten für eine bessere Ausbildung würden sich laut dem Gesundheitsökonomen rechnen, zumal derzeit alle vier bis fünf Jahre der gesamte Rettungsdienst neu ausgebildet werden muss, weil die Fluktuation hoch ist. 

„Wir wissen aus Studien, dass je höher die Mitarbeiter im Rettungsdienst ausgebildet sind, desto länger bleiben sie“, sagt Kaltenberger. Noch immer werde der Rettungsdienst häufig als Transportdienst wahrgenommen. Hier brauche es ein Umdenken hin zum Gesundheitsdienstleister. 

Positivbeispiele aus Wien und Graz

Dass es auch anders geht, zeigen Pilotprojekte: In Graz konnte durch den Einsatz speziell ausgebildeter Sanitäter die Notarzt-Alarmierungsrate auf knapp 9 Prozent gesenkt werden, im Rest Österreichs liegt sie bei rund 23 Prozent. Gelungen ist dies über ein abgestuftes System mit einem sogenannten Notfallwagen mit speziell ausgebildeten Sanitätern als Zwischenstufe nach dem Rettungswagen und vor dem Notarztwagen, berichtete Gerhard Prause von der Arbeitsgemeinschaft für Notfallmedizin (AGN). Graz habe damit - gemessen an der Einwohnerzahl - nur etwa ein Drittel der Notarzteinsätze im Vergleich zum Wert von Gesamtösterreich. Das Grazer Modell sei effektiver und verursache weniger Kosten.

In Wien verhinderte ein Pilotprojekt mit hochspezialisierten Sanitätern und Telemedizinern in Pflegehäusern 60 Prozent der Hospitalisierungen. Sogenannte Single Responder, das sind hoch ausgebildete Sanitäter, entscheiden in Abstimmung mit Telemedizinern, ob Patientinnen und Patienten tatsächlich ins Krankenhaus gebracht werden müssen oder z. B. zuhause belassen werden können. 

Allein in Wien nahmen die Notarzteinsätze von 30.000 im Jahr 2020 auf 39.000 im Jahr 2025 zu, ein Plus von 10.000 Einsätzen in nur fünf Jahren. „Es wären noch 15.000 Einsätze mehr, wenn wir nicht Gegenmaßnahmen ergriffen hätten. Wir haben etwa eingeführt, dass Sanitäter Schmerztherapie verabreichen dürfen, z. B. bei einem isolierten Unterarmbruch. Das System gerät zunehmend unter Druck, es ist Zeit zu handeln“, betonte Mario Krammel, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin sowie Chefarzt der Berufsrettung Wien. 

Dringende Reform gefordert

Die Reform des Sanitätergesetzes steht im Regierungsprogramm, alle Gesundheitssprecher im Parlament hätten ihr Commitment gegeben. Doch die Umsetzung lasse auf sich warten. „Wir fordern eine dringende Reform. Wir sind mit unseren Hausaufgaben fertig, haben alles auf den Tisch gelegt und warten auf die Umsetzung", sagte Kaltenberger. „Wir orten gewachsene Strukturen, die blockieren, und Angst vor Veränderungen." Problematisch seien die komplexen Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden. Ein bundesweit einheitlich geregeltes Sanitätsgesetz sei daher notwendig. 

„Es ist jetzt Zeit zu handeln", mahnte auch Krammel. „Wir müssen schaffen, Sanitäter besser auszubilden, um das System fit für die Zukunft zu machen. Moderne Rettungssysteme im Ausland haben gezeigt, dass das gut funktioniert. Es geht nicht darum, Notärzte abzubauen, sondern sie zu stärken, indem wir die richtige Qualifikation zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen."

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