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Wissen Gesundheit
01/19/2021

Pandemiemüde: "Die Menschen brauchen Perspektive"

Warum sich trotz drei Wochen Lockdown noch immer zu viele Menschen mit dem Virus anstecken.

von Theresa Bittermann, Ingrid Teufl

Seit mehr als drei Wochen ist über Österreich ein harter Lockdown verhängt. Erst in den vergangenen Tagen stellte Statistiker Erich Neuwirth einen leichten Abwärtstrend in den Zahlen fest. Vergleicht man die Werte mit anderen Ländern, könnten die Zahlen eigentlich viel schneller zurückgehen. Vom oft genannten Ziel einer 7-Tages-Inzidenz von 50 sind wir in Österreich noch weit entfernt. Warum ist das so? Und wo stecken sich die Menschen eigentlich an, da Gastronomie, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geschlossen sind?

Vor allem im Haushalt und im Freizeitbereich, antwortet man bei der AGES. In Woche 53 des Jahres 2020, als der dritte Lockdown begann, konnten zwei Drittel aller Infektionen diesen beiden Clustern zugeordnet werden. Aktuellere Daten liegen derzeit nicht vor. Was manche wiederum fragen lässt, warum die Nachverfolgung und Analyse so langsam vorangeht. Die Auswertung komplexer Datensammlungen benötige ausreichend Zeit, heißt es bei der AGES.

Noch vorsichtig bewerten Experten einen möglichen Anteil der neuen – ansteckenderen – Virus-Varianten. Oswald Wagner, Vizerektor für Klinische Angelegenheiten der MedUni Wien, vermutete die britische Variante am Wochenende in zehn bis 20 Prozent der Infektionsfälle in Wien. Gesicherte Angaben könne man Mitte der Woche machen.

Vertrauensverlust

Epidemiologie Hans-Peter Hutter, MedUni Wien, bemerkt den Widerstand vieler. „Die Menschen brauchen eine Perspektive. Die Maßnahmen dürfen sich nicht gegenseitig infrage stellen. Sonst versteht das keiner mehr und das fördert eine fatalistische Einstellung.“ Politikwissenschafterin Barbara Prainsack und Soziologe Bernhard Kittel forschen beide zur Stimmungslage in der Bevölkerung. Prainsack stellte fest: „Die Menschen finden die aktuellen Regeln nicht mehr nachvollziehbar. Offene Skischulen und -lifte, aber geschlossene Schulen. Da haben viele das Vertrauen in das Krisenmanagement der Regierung verloren.“

Kittel betont: „Es ist wichtig, dass die Akzeptanz der Verhaltensregeln wieder steigt. Das setzt voraus, dass sich die Menschen ernst genommen fühlen.“ Dann tragen sie auch Maßnahmen mit, weiß Prainsack. „Die Menschen sind sehr wohl bereit, sich stark einzuschränken, wenn sie die Regeln fair und sinnvoll finden.“ Hutter regt deshalb einen „unabhängigen Expertenrat“ an, um die Wichtigkeit jeder Maßnahme zu erklären.

Lockdown-Alternativen?

Alternativen zu einem harten Lockdown sollten zumindest Teil in diesem Diskurs sein, sagte der Freizeitforscher Peter Zellmann zum KURIER. Er bezieht sich auf die jüngste Studie der Stanford Universität, die zeigte, auch in der Wissenschaft herrscht nicht immer Einigkeit. Diese Studie wirft an Hand von Vergleichen auf: Ob harter, leichter oder kein Lockdown schlage sich kaum in den Zahlen nieder. „Das heißt nicht, der Lockdown bringt nichts und soll beendet werden. Aber wir müssen endlich damit anfangen, das öffentlich zu diskutieren“, sagt Zellmann.

Epidemiologe Hutter fordert zudem, nicht allein auf Testen und Impfen zu setzen. „Die Nachverfolgung ist ebenso wichtig. Sie ist eine der wichtigsten – wenn nicht die wichtigste – Säule einer Pandemiebekämpfung. Wenn es einen neuen, infektiösen Virenstamm gibt, umso mehr.“

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