Insulin bis Psychopharmaka: Wie Hitze die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflusst
„Kein Medikament hält hohe Hitze gut aus“, warnt Pharmazeut Johann Goldberger von der Marien-Apotheke im 6. Bezirk in Wien anlässlich der aktuellen Hitzewelle im Gespräch mit dem KURIER. Doch es gibt große Unterschiede in der Hitzeempfindlichkeit.
Besonders anfällig sind Zäpfchen: Sie bestehen aus Hartfett, das bei 37 Grad Körpertemperatur schmelzen soll. „Wenn man eine Raumtemperatur von 32, 33 Grad hat, kann das Zäpfchen schon anschmelzen“, erklärt Goldberger. Auch Cremes sind problematisch: Als Emulsion aus Wasser- und Fettphase können sich diese Bestandteile bei Hitze trennen. „Sieht man, dass das Wasser sich absetzt, sollte man die Creme nicht mehr verwenden. Auch wenn sich Cremes verfärben, sollten sie besser entsorgt werden“, rät der Apotheker.
„Abnehmspritze“ und Insulin reagieren sensibel bei Hitze
Bei Gelen kann sich die Konsistenz verändern, manche werden bei Hitze dünnflüssiger. Ob damit auch die Wirksamkeit verloren geht, hängt vom jeweiligen Wirkstoff ab. Bei Antibiotika-Cremes etwa mit Erythromycin kann sich der Wirkstoff durch Hitze abbauen. Tabletten sind generell hitzebeständiger als flüssige Arzneiformen, auch hier gilt aber: Die Stabilität ist wirkstoffabhängig. Eine Rücksprache in der Apotheke hilft, zu entscheiden, wie hitzeempfindlich das jeweilige Präparat ist.
Besonders sensibel reagieren Insulin und die neuen GLP-1-Rezeptoragonisten (Wirkstoffe wie Semaglutid und Tirzepatid), auch bekannt als „Abnehmspritze“. „Grundsätzlich kann man sie bei Raumtemperatur lagern, sobald man sie in Verwendung hat“, sagt Goldberger. „Aber in Hitzeperioden wie jetzt wäre es sinnvoller, die Medikamente doch wieder in den Kühlschrank zu geben, weil man die Raumtemperatur mit 25 Grad in den meisten Wohnungen nicht halten kann.“
Jedenfalls in den Kühlschrank müssen Impfstoffe – die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Wer bei den aktuell hohen Temperaturen damit von der Apotheke nachhause oder zum Arzt fährt, sollte eine Kühltasche verwenden, insbesondere bei längeren Wegen oder dem Transport im Auto.
Kühlschrank nicht automatisch der richtige Lagerort
Adrenalin-Injektoren (EpiPens), die Allergikerinnen und Allergiker mit sich führen, sollten unter 25 Grad und lichtgeschützt gelagert werden. „Wenn sich eine Verfärbung oder Trübung der Lösung ergibt, ist das ein Hinweis darauf, dass die Wirksamkeit nicht mehr gegeben ist“, warnt Experte Goldberger. Bei Asthma-Inhalatoren mit Druckgas gilt: Niemals im Auto lagern.
Viele Menschen denken bei Hitze sofort an den Kühlschrank als Lagerort für empfindliche Medikamente. Doch Vorsicht: „Der Kühlschrank ist nicht automatisch der richtige Ort für alle Präparate. Bei manchen Wirkstoffen können Substanzen auskristallisieren und ihre Wirkung verlieren“, betont der Experte. Besser: „Den kühlsten Ort in der Wohnung suchen, der aber nicht der Kühlschrank ist.“ Das kann eine lichtundurchlässige Box unter dem Bett oder in einem Schrank im Schlafzimmer sein. Ungünstig sind Räume mit Temperaturschwankungen wie Badezimmer oder Küche. Wichtig dabei: Medikamente immer so lagern, dass Kinder und Haustiere keinen Zugriff haben.
Wenn Medikamente im Kühlschrank gelagert werden, dann im mittleren Fach. In der Kühlschranktür sind sie zu häufig Temperaturschwankungen ausgesetzt. Ebenfalls nicht empfehlenswert ist die Kühlschrankrückwand, da die Gefahr des Anfrierens besteht, wodurch Medikamente ihre Wirksamkeit verlieren. Das gilt übrigens auch in Kühltaschen: Medikamente nie in direkten Kontakt mit Kühlakkus bringen.
Wie Hitze die Wirkung im Körper beeinflusst
Nicht nur die Lagerung ist problematisch, auch die Wirkung im Körper kann sich bei Hitze verändern. Durch Wärme stellen sich die Gefäße weiter, der Blutdruck sinkt. „Personen sagen dann: Ich habe das Gefühl, mein Blutdruckmedikament ist zu stark“, berichtet Goldberger. Symptome können Schwindel und Unwohlsein sein. In diesen Fällen muss meist die Dosis angepasst werden, allerdings nicht alleine, sondern in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin. Zudem wird eine engmaschige Blutdruckmessung zu Hause empfohlen.
Besonders gefährdet sind Personen, die entwässernde Medikamente (Diuretika) einnehmen. Sie verlieren zusätzlich Flüssigkeit, was bei Hitze schnell zu einer Dehydrierung führen kann, vor allem bei älteren Menschen, die meist ein geringeres Durstempfinden haben. Sie müssen besonders darauf achten, ausreichend zu trinken.
Bei Psychopharmaka werden oft anticholinerge Nebenwirkungen beobachtet – davon spricht man, wenn Medikamente den Botenstoff Acetylcholin im Nervensystem blockieren. Dieser steuert viele unwillkürliche Körperfunktionen. Eine mögliche Folge ist reduziertes Schwitzen und damit eine Beeinträchtigung des körpereigenen Schutzmechanismus zum Abkühlen. Diese Medikamente greifen in die Temperaturregulation des Körpers ein, was bei Hitze problematisch werden kann.
Wer Wirkstoffpflaster trägt – etwa mit Schmerzmitteln oder Hormonen – sollte darauf achten, diese nicht an Körperstellen zu kleben, die direktem Sonnenlicht ausgesetzt sind. „Es kann zu vermehrter Freisetzung kommen, was bei hochdosierten Schmerzmitteln problematisch werden kann.“
Keine Panik bei kurzzeitiger Hitzeexposition
Trotz aller Vorsicht: "Ich möchte auch ein bisschen Panik herausnehmen", betont der Apotheker. Die Abbauprozesse passieren nicht nach kurzer Zeit. Wenn ich zehn Minuten nach Hause gehe und mein Medikament nicht kühlen kann, passiert nicht sofort etwas."
Auch Tabletten, die ein bis zwei Tage bei 30 Grad gelagert wurden – aber in der Originalverpackung und nicht im Sonnenlicht –, sind in den meisten Fällen noch verwendbar. Bei Unsicherheit gilt: In der Apotheke nachfragen. Dort wird im Detail geprüft, wie das Medikament gelagert werden sollte. Generell rät der Pharmazeut zu regelmäßigen Kontrollen der Hausapotheke, mindestens zweimal jährlich. Dabei sollte man prüfen: Ist alles richtig gelagert? Ist etwas abgelaufen? Richtig entsorgt werden Medikamente dann in der Apotheke.
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