Lebenserwartung: Dieser Faktor für Langlebigkeit wurde bisher unterschätzt
Es ist eine bemerkenswerte Studie: Brasilianische Forschende der Universität von São Paulo suchen in einer Gruppe von bisher 160 zumindest Hundertjährigen nach Gemeinsamkeiten, die das hohe Alter der Betroffenen erklären können. Darunter sind beeindruckende Persönlichkeiten: Eine 106-jährige Frau, die erst mit 70 Jahren mit dem Schwimmen begann und im Alter von 100 Jahren ihren ersten Schwimmwettbewerb gewann.
Oder ein 107-jähriger Mann, der sich nach wie vor in einem Supermarkt um die Einkaufswagerln kümmert. Erste Daten dieser Untersuchung und Ergebnisse einer Donnerstagabend publizierten Studie zeigen jetzt: Möglicherweise gibt es einen Faktor, den viele dieser sehr alten Menschen gemeinsam haben, der bisher aber unterschätzt wurde.
Unter den bisherigen Teilnehmenden der brasilianischen Studie sind auch 20 "Supercentenarians", also Personen, die mindestens 110 Jahre alt sind. Erste Daten der noch nicht abgeschlossenen Studie zeigen, dass diese Supercentenarians keine besonders gesunden Ernährungsgewohnheiten hatten, kein spezielles, regelmäßiges Bewegungsprogramm absolvierten und während der meisten Zeit ihres Lebens keinen Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung hatten, heißt es in einem Artikel von Nature News zu der Studie.
Viele leben in kleinen Dörfern, weit entfernt von medizinischen Zentren mit dem Angebot der besten Therapien bzw. auch mit der Möglichkeit, Screeningprogramme etwa zur Früherkennung von Krebserkrankungen in Anspruch nehmen zu können.
Zu den Studienteilnehmerinnen zählte übrigens auch die Klosterschwester Inah Canabarro Lucas, die zum Zeitpunkt ihres Todes im April 2025 mit einem Alter von 116 Jahren die älteste lebende Person der Welt war. Wie auch viele andere der untersuchten hochbetagten Menschen legte sie sich keinerlei Beschränkung etwa beim Zucker- und Fettkonsum auf.
Es muss also noch einen anderen Faktor geben, der gesundes Altern ermöglicht und antreibt, mutmaßen die Forschenden. Das Geheimnis ihres langen Lebens könnte in ihren Genen liegen. In einem vorläufigen Bericht zu den ersten Studiendaten, der kürzlich veröffentlicht wurde, argumentiert das Forschungsteam, dass die genetische Vielfalt der Teilnehmenden ein Faktor für ihr hohes Alter sein könnte.
Die brasilianische Ordensfrau Inah Canabarro Lucas galt vom 29. Dezember 2024 bis zu ihrem Tod am 30. April 2025 als ältester lebender Mensch der Welt. Sie wurde 116 Jahre alt.
Die Vorfahren vieler Brasilianerinnen und Brasilianer stammen aus der lokalen indigenen Bevölkerung, aus Europa und aus Afrika. Diese Mischung verschiedener Populationen und ihrer Genome "könnte zur Langlebigkeit beitragen", sagt die Genetikerin Mayana Zatz von der Universität von São Paulo.
Lebenserwartung: Einfluss der Gene größer als bisher gedacht?
Auch in der neuen Studie, die Donnerstag im Fachjournal Science veröffentlicht wurde, kamen US-Forschende zu dem Schluss, dass die Gene etwa die Hälfte der Unterschiede des Sterbealters zwischen Menschen erklären könnten, wenn äußere Todesursachen wie Infektionskrankheiten oder Unfälle herausgefiltert werden. Bisherige Studien gingen von einem genetischen Anteil von etwa 20 bis 25 Prozent aus.
Auf den hohen Wert von 50 Prozent kamen die Wissenschafter, indem sie einerseits die Daten von knapp 14.000 Geschwisterpaaren analysierten, die zwischen 1870 und 1935 geboren und mindestens 15 Jahre alt wurden. Diese Daten wurden mit einer US-amerikanischen Kohorte von Geschwistern Hundertjähriger verglichen. Übereinstimmend zeigte sich, dass die Unterschiede in der Lebenserwartung zu etwa 50 Prozent durch die Gene erklärt werden können, sobald äußere Todesursachen herausgerechnet werden.
Forscherin in Innsbruck sieht Studiendaten gut abgesichert
Aber wie erklärt sich der große Unterschied zwischen früheren Studien mit 20 bis 25 Prozent Anteil der Gene, und dem aktuellen Studienergebnis mit 50 Prozent genetischem Anteil?
Die Modellierungen der Forscherinnen und Forscher sowie deren Validierung anhand realer Daten würden überzeugend zeigen, "dass frühere Studien die Vererblichkeit der Lebensspanne unterschätzt haben", schreibt die Molekularmedizinerin Chiara Herzog in einem Statement zu der Studie für das deutsche Science Media Center.
Sie forscht an der Universität Innsbruck (European Translational Oncology Prevention and Screening Institute) und ist Arbeitsgruppenleiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie am King´s College London. Insgesamt seien die Ergebnisse methodisch gut abgesichert.
Und sie sind laut Herzog grundsätzlich nicht überraschend, da die maximale Lebensspanne von Säugetieren genetisch bedingt sei. "Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artenspezifische Obergrenze besteht."
Herzog betont aber auch, dass innerhalb dieser biologischen Grenzen ein großer Spielraum bleibt: "Auf individueller Ebene haben Umwelt- und Lebensstilfaktoren einen starken Einfluss darauf, wie lange und wie gesund wir tatsächlich leben."
Neue Daten sind kein Argument gegen Präventionsmaßnahmen
Die Vererblichkeit sei auf eine Population bezogen und erlaube keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Personen. "Auf individueller Ebene spielen Verhaltensfaktoren wie Bewegung, Ernährung und soziale Einbindung ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen - etwa der Zugang zu sauberer Luft, Wasser und Grünflächen - weiterhin eine zentrale Rolle, nicht nur dafür wie lange, sondern auch wie gesund wir innerhalb dieser Zeit leben."
Herzog betont, dass sie diese Ergebnisse "daher nicht als Argument sieht, individuelle oder gesellschaftliche Präventionsmaßnahmen zu vernachlässigen. Vielmehr eröffnen sie neue Möglichkeiten, genetische Faktoren der Langlebigkeit besser zu verstehen und die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen zu entschlüsseln. Langfristig könnten daraus neue Ansätze für Prävention und Therapie entstehen."
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