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30 Jahre Klonschaf Dolly: Wie ein Lamm die Welt veränderte

Gefürchtet wurde vor allem, dass Menschen geklont werden. Tatsächlich hatte die Geburt des Schafes wissenschaftlich aber eine andere Bedeutung.
Das Klonschaf Dolly steht in einem Haufen Stroh.

Vor 30 Jahren, am 5. Juli 1996, ahnte noch keiner, welche Welle des Staunens und Entsetzens das kleine Lamm auslösen würde, das an diesem Tag im schottischen Roslin Institute auf die Welt kam. Das Schaf mit der Nummer 6LL3 wurde zwar erst acht Monate später schlagartig weltberühmt, seine Geburt gilt jedoch bis heute als wissenschaftlicher Meilenstein. Erstmals war es gelungen, ein erwachsenes Säugetier erfolgreich zu klonen. 

Das Verfahren funktionierte nach dem Prinzip des sogenannten somatischen Zellkerntransfers: Aus dem Euter eines sechs Jahre alten Schafs entnahmen die Forschenden um den britischen Embryologen Ian Wilmut eine Körperzelle. Deren Zellkern übertrugen sie in eine entkernte Eizelle eines weiteren Schafs. Nach 277 Versuchen und 13 eingesetzten Embryonen kam schließlich ein lebensfähiges Lamm zur Welt, genetisch identisch mit dem Spendertier: das Klonschaf Dolly, benannt nach der US-amerikanischen Country-Sängerin Dolly Parton.

Dolly revolutionierte die Stammzellforschung

„Dolly hat unser Verständnis vom Leben verändert“, sagt Umweltmedizinerin Daniela Haluza von der MedUni Wien. „Ich erinnere mich noch gut daran. Damals war ich Oberstufenschülerin im Gymnasium und fasziniert von der Vorstellung, dass Wissenschaft Dinge möglich machen kann, die zuvor undenkbar erschienen“, erzählt Haluza.

Dolly war aber mehr als eine wissenschaftliche Leistung. Der eigentliche wissenschaftliche Durchbruch lag nicht in der Erschaffung einer genetischen Kopie, sondern im Nachweis, dass spezialisierte Körperzellen wieder in einen flexiblen Zustand zurückversetzt werden können. Diese Erkenntnis revolutionierte die Stammzellforschung. „Viele verbinden Dolly bis heute mit der Vorstellung vom menschlichen Klonen. Aus wissenschaftlicher Sicht war die Bedeutung aber eine ganz andere. Bis dahin ging man davon aus, dass eine spezialisierte Körperzelle ihre Entwicklungsmöglichkeiten endgültig verloren hat. Dolly hat gezeigt: Der Zellkern einer Hautzelle kann wieder in einen Zustand versetzt werden, aus dem ein vollständiger Organismus entstehen kann“, sagt Haluza. 

Heute profitieren wir von diesem Wissen in vielen Bereichen, etwa bei der Entwicklung patientenspezifischer Zellmodelle, beim Verständnis von Krankheiten oder langfristig bei der Regeneration geschädigter Gewebe. Haluza: „Das eigentliche Vermächtnis von Dolly ist also nicht das Klonen, sondern die Erkenntnis, wie erstaunlich flexibel unsere Zellen sind.“

Menschliches Klonen weltweit verboten

Die Sorge vor geklonten Menschen, die damals die Debatte dominierte, hat sich als unbegründet erwiesen. Weltweit ist das menschliche Klonen aus ethischen Gründen verboten. Die auch als Genschere bezeichnete Methode Crispr/Cas, mit der das Genom von Zellen verändert werden kann, gilt als vielversprechender. Sie kann, vereinfacht gesagt, DNA-Sequenzen gezielt aufspüren, herausschneiden und durch neue ersetzen. Die Genschere gilt als Hoffnung im Kampf gegen bestimmte Erbkrankheiten oder Krebsformen. 

Im Bereich von Nutztieren mit besonderen Eigenschaften wird Klonen allerdings in manchen Ländern kommerziell eingesetzt. In den USA besteht etwa keine Kennzeichnungspflicht derart gezüchteter Tiere, chinesische Unternehmen planen Produktionen im großen Stil. In der EU ist das Klonen in der Landwirtschaft an strikte Regeln gebunden und wird nicht praktiziert. 

Ethische Debatte bis heute

Dolly hat zudem eine weitere Debatte ausgelöst, die bis heute topaktuell ist: Nur, weil wir etwas technisch können, sollten wir es auch tun? „Diese ethische Frage begleitet jede große biomedizinische Innovation, die Genomeditierung mit der Genschere bis hin zur Künstlichen Intelligenz und genau hier wird Dolly wieder erstaunlich aktuell. Denn das Prinzip des Kopierens begegnet uns inzwischen ständig“, sagt Haluza. Sie verweist auf digitale Zwillinge in Medizin und Industrie, an denen sie auch selbst forscht, bis hin zu Künstlicher Intelligenz, die digitale Abbilder von Sprache, Bildern oder sogar menschlichen Stimmen erzeugen kann. „Wir arbeiten derzeit etwa an einem Projekt, das einen digitalen Zwilling der Stadt Wien für Klimamodellierungen entwickelt. Natürlich ist das nicht dasselbe wie biologisches Klonen, aber die Grundidee ist vergleichbar: Wir erstellen möglichst präzise Abbilder der Realität, um sie besser zu verstehen, vorherzusagen oder zu verbessern.“

Dolly markierte den Beginn einer Entwicklung, in der das Erstellen von Kopien – biologisch oder digital – zu einem zentralen Werkzeug der Wissenschaft geworden ist, meint Haluza. „Nicht das menschliche Klonen hat unsere Zukunft verändert, sondern das Wissen, das wir durch Dolly über unsere Zellen gewonnen haben, und die Denkweise, die daraus entstanden ist.“

Dolly selbst hat von dem Wirbel um ihre Entstehung wenig mitbekommen. Das meistfotografierte Schaf der Welt führte ein Leben abseits von Weiden und Sonnenschein in einem bewachten Betonblock. Trotzdem bekam sie Nachwuchs, 1998 ein weibliches Schaf namens Bonnie, im Jahr darauf Drillinge. Mit nur sechs Jahren verstarb Dolly an einer Lungenkrankheit. Heute steht das Schaf ausgestopft in einer Vitrine im National Museum in Edinburgh. 

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