Der Bann des Bildschirms: Wenn 2-Jährige swipen statt sprechen

Ein kleines Mädchen liegt in eine Decke gehüllt und schaut auf ein leuchtendes Handy.
Immer mehr Kleinkinder zeigen Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten durch zu viel Bildschirmzeit, warnen Fachleute. Warum frühe Bildschirmnutzung eine ernste Gefahr darstellt – und was Eltern hilft.

Ein zweijähriger Bub kommt in die Entwicklungsstörungsambulanz des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Linz. Er reagiert nicht auf seinen Namen, spricht nicht, stellt kaum Blickkontakt her, berichtet seine alleinerziehende Mutter. 

Mit dem Spielzeug im Untersuchungsraum kann das Kleinkind wenig anfangen, über Körpersprache kann er sich kaum ausdrücken. Als er den Seifenspender neben dem Waschbecken im Zimmer erblickt, stürmt er interessiert darauf zu. Anstatt eifrig den großen Spenderhebel zu drücken, versucht er mit zwei Fingern den kleingedruckten Text auf der Seifenflasche zu vergrößern – wie man es auf einem Smartphone-Bildschirm tun würde.

Mit Fällen wie diesen ist die Kinderärztin Arnika Thiede an der Ambulanz immer öfter konfrontiert. Inzwischen hat die auf Neuro- und Sozialpädiatrie spezialisierte Medizinerin fast täglich mit entwicklungsverzögerten oder verhaltensauffälligen Kleinkindern aufgrund von exzessivem Medienkonsum zu tun. Im Fall des zweijährigen Buben erfuhr Thiede, dass dieser täglich sechs bis acht Stunden vor Smartphone und Fernseher verbringt. "Leider ist das keine Seltenheit", schildert die Expertin.

Kleinkinder sind zunehmend digitalen Reizen ausgesetzt

In der Debatte um die Risiken des kindlichen Bildschirmkonsums würden Kleinkinder oft übersehen, kritisiert Thiede. "Auch sie sind zunehmend digitalen Reizen ausgesetzt." 

Mit nachweislich tiefgreifenden Auswirkungen. "Betroffene Kinder zeigen oft Symptome, wie wir sie von autistischen Kindern kennen: Sie interessieren sich nicht für andere, haben Aufmerksamkeitsprobleme, eine verzögerte Sprachentwicklung oder motorische Schwierigkeiten." Das stellt Kinder im Alltag vor immense Herausforderungen. "Oft können sie perfekt swipen, aber nicht mit Besteck essen."

Digitale Mediennutzungsstörungen, wie die Folgen von überbordendem Smartphone- und Tabletkonsum auch genannt werden, können sich in aggressivem Verhalten, Rückzugstendenzen und Auffälligkeiten im Sozialkontakt äußern. "Wenn immer ein Bildschirm zwischen einem Kleinkind und seinen Bezugspersonen ist, hemmt das außerdem den Bindungsaufbau", so Thiede. Bindungsstörungen in der Kindheit stellen ein erhebliches Risiko für die gesamte psychosoziale Entwicklung dar und sind ein wesentlicher Risikofaktor für psychische Erkrankungen im späteren Leben. 

Als Medizinerin sieht Thiede auch die körperlichen Folgen. Sie reichen von Muskelschwäche, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Diabetes bis hin zu orthopädischen Problemen aufgrund von mangelnder Bewegung und Übergewicht sowie Sehstörungen.

"Suchtpotenzial digitaler Geräte ist enorm"

Das Suchtpotenzial digitaler Geräte ist im Kleinkindalter enorm, weiß Dominik Batthyány, Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte und Suchtforschung an der Sigmund Freud Universität. "Digitale Plattformen sind aufs Süchtigmachen ausgelegt", bringt er die Problematik auf den Punkt. 

Die Arbeiterkammer präsentierte zum Safer Internet Day Studien, die zeigen, dass Social-Media-Plattformen gezielt süchtig machende Designs wie endloses Scrollen, Autoplay und Push-Nachrichten einsetzen. Das höchste Suchtpotenzial weist laut Untersuchung Tiktok auf – noch vor Instagram.

Mittels intelligenter aufmerksamkeitsbindender und emotionsaktivierender Algorithmen wird eine enorme Sogwirkung erzeugt. Batthyány: "Kinder können sich dieser nicht entziehen, weil unter anderem ihre Selbstkontrolle noch nicht ausgereift ist." Das kindliche Gehirn sei besonders vulnerabel: "Es ist hochgradig plastisch, lernfähig und formbar. Das macht Kinder so wunderbar neugierig, lernbereit und offen für neue Reize. In Kombination mit sozialen Medien ist das aber eine denkbar ungünstige Kombination, vor allem, wenn sie Inhalte alleine konsumieren."

Untersuchungen zeigen: Lediglich knapp die Hälfte aller Eltern begleitet den digitalen Medienkonsum ihrer Kleinkinder. Mit Gefühlen des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit bleiben viele also allein – etwa, wenn sie im Netz mit gewaltvollen Darstellungen konfrontiert sind.

Thiede kritisiert, dass analoge Familienzeit heute Mangelware sei. "In unserer schnelllebigen, auf Leistung getrimmten Welt haben viele Eltern das Spielen verlernt, dabei brauchen Kinder genau das."

Folgenschwere Auszeit für Eltern

Batthyány, der mit dem Verein Ergon kostenlose Psychotherapie für von Verhaltenssüchten betroffene Familien anbietet, weiß aus Elterngesprächen: "Viele Mütter und Väter sind sich der Problematik nicht bewusst." Häufig würden Eltern ihren Kleinkindern aus Überforderung das Handy oder Tablet in die Hand drücken. "Die Geräte werden genutzt, um die Kinder ruhigzustellen – aus Erschöpfung und Unwissen, nicht aus Gleichgültigkeit."

Ein Teufelskreis beginnt. Denn letztlich werde das Screen-Time-Management, also die Begrenzung der Bildschirmzeit, zu einem weiteren Stressfaktor innerhalb der Familie. "Das führt mitunter zu heftigen Konflikten." Auch der sozioökonomische Status kann eine Rolle spielen, betont Batthyány. "Je mehr Eltern unter Druck stehen, je stärker sie belastet sind, umso größer die Versuchung, sich eine Auszeit über die digitalen Geräte zu holen."

Eskaliert die Situation zu Hause, plagen viele Mütter und Väter Schuldgefühle, weiß Batthyány, der mehr kostenlose Programme zur Entlastung und Sensibilisierung für Eltern fordert. "Es kann nicht nur darum gehen, Kinder – wie es oft heißt – medienfit zu machen, damit sie ein überforderndes System aushalten. Wir brauchen ein Umfeld, wo die kindliche Entwicklung geschützt wird."

Neue Empfehlungen für Mütter und Väter

Bei der Sensibilisierung setzt eine neue Kampagne des Gesundheitsministeriums an. In Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle Safer Internet wurde eine Broschüre entwickelt, in der Eltern von Kleinkindern praktische Tipps für die kindliche Mediennutzung finden (siehe weiter unten). 

"Eltern stehen heute unter enormem Druck. Digitale Medien sind im Alltag oft eine kurzfristige Entlastung – das verstehen wir. Gerade deshalb ist es unsere Verantwortung, offen über die langfristigen gesundheitlichen Folgen zu sprechen", sagt Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin für Gesundheit und Konsumentenschutz. Es gehe nicht darum, Eltern zu verurteilen. "Im Gegenteil: Wir brauchen klare, verständliche Empfehlungen, damit Familien im digitalen Alltag gute Entscheidungen treffen können."

Die Broschüre soll niederschwellig über die Gemeinden, die Frühen Hilfen (bieten landesweit psychosoziale Unterstützung für Schwangere, junge Mütter und Familien, Anm.) oder Fachpersonal, das mit Eltern von Babys in Kontakt ist, verteilt werden. Eine Eingliederung von Aufklärungsangeboten in den Eltern-Kind-Pass sei derzeit nicht geplant, heißt es auf KURIER-Nachfrage. 

Bei dem zweijährigen Buben in Linz wurde eine deutliche Entwicklungsverzögerung festgestellt. "Kognitiv war er auf dem Stand eines Einjährigen", erinnert sich Thiede. Die gute Nachricht: Viele dieser Einschränkungen sind reversibel. Vorausgesetzt die Dauerberieselung verschwindet aus dem Alltag. "Therapeutisch arbeiten wir in erster Linie mit den Eltern und schulen sie darin, wie Situationen im Familienalltag konkret ohne Smartphone gehandhabt werden können. Ganz häufig stellen sich rasch Erfolge ein, die Eltern zum Dranbleiben motivieren."

Beim Zweijährigen ist Thiede zuversichtlich: "Wenn der Medienkonsum radikal eingeschränkt wird, kann er in einem Jahr alles aufholen, was er bisher nicht gelernt hat."

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