Experten-Tipps: Was tue ich, wenn mein Kind süchtig nach Computerspielen ist?
Jeder zehnte heranwachsende Teenager-Bub erfüllt zumindest punktuell die Kriterien einer Computerspielsucht, legt eine neue Studie nahe.
"Computerspielen ist grundsätzlich nichts Böses", sagt der Psychotherapeut Robert Kiesinger. Zur Ablenkung oder zum Zeitvertreib mit Freunden hätten Computerspiele etwa durchaus eine Berechtigung im Leben Jugendlicher. Zum Problem wird Gaming, wie die Nutzung von digitalen Spielen auf PCs, Konsolen, Smartphones oder Tablets auch genannt wird, "wenn der Jugendliche seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann".
Oft äußert sich ein problematisches Spielverhalten in schulischem Leistungsabfall, weiß der Experte. "Auch die Beziehung zu den Eltern wird häufig krisenhafter, Betroffene verheimlichen das Spielen zunehmend, ziehen sich zurück, weil das Spielen zum emotionalen und kognitiven Monopol im Leben wird."
Depressionen, Angst, Rückzug
Häufig treten depressive Symptome, Angst oder sozialer Rückzug begleitend auf. Kürzlich argumentierten Fachleute in einer australischen Studie, es ließe sich an einer Wochenstundenzahl festmachen, ab wann Videospiele schaden können. "Lange Spielzeiten sind ein Warnsignal, aber entscheidend sind Kontrollverlust und spürbare Folgen im Alltag", erläutert Kiesinger: "Es geht vorrangig um das Funktionsniveau, sprich, wie gut der Jugendliche in wichtigen Lebensbereichen zurechtkommt."
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt die Häufigkeit der Computerspielsucht laut Metaanalysen weltweit zwischen einem und zwei Prozent. In einer 2020 erschienenen deutschen Studie erfüllten 2,7 Prozent der Jugendlichen (3,7 % Burschen, 1,6 % Mädchen) im Alter von zehn bis 17 Jahren die Kriterien einer Gaming Disorder.
In einer aktuellen norwegischen Untersuchung kommen Forschende zu höheren Werten. Demnach erfüllt bereits einer von zehn Buben zwischen dem zehnten und dem achtzehnten Lebensjahr zumindest einmal bzw. punktuell die Kriterien für eine Computerspielsucht. Es zeigte sich: Wenn Kinder schon früh – im Alter von zwölf Jahren oder noch früher – mit Computerspielen in Kontakt kommen, steigt das Risiko für einen späteren problematischen Konsum.
Wie sich Geschlechterunterschiede erklären lassen
Wie viele andere Erhebungen zeigt auch die norwegische Studie: Buben sind deutlich anfälliger als Mädchen. "Das liegt in der Sozialisation begründet", sagt Kiesinger. Während für Mädchen die soziale Rückmeldung wichtiger sei, würden Buben eher zu einer Wettbewerbsorientierung erzogen. "Sie tendieren dazu, Leistung zeigen zu wollen, sich zu messen." Das Gros der Computerspiele ist mit hierarchischen Strukturen, Rankings, Belohnungsschleifen und virtuellen Schatzkisten auf diese Bedürfnisse zugeschnitten.
Doch Mädchen holen beim Gaming auf, was insbesondere mit dem Aufkommen immer neuer Spielgenres zusammenhängt, wie Fachleute betonen. Studien zeigen, dass sie Simulationsspiele oder kooperative Games bevorzugen. Zudem zeige sich eine problematische Mediennutzung bei ihnen oft weniger über Gaming, sondern eher über soziale Medien, mahnt Kiesinger: "Das Risiko ist real, häufig ist nur die Plattform eine andere."
Bei welchen Warnzeichen sollten Eltern hellhörig werden? "Das Wichtigste ist das Schlafverhalten", sagt Kiesinger. Auch Veränderungen im Freundeskreis des Kindes und bei der Körperpflege, schlechtere Noten und vernachlässigte Interessen seien Alarmzeichen.
Oft ist die Computerspielsucht nur die Spitze des Eisbergs. "Viele Jugendliche nutzen das Spiel als Bewältigungsstrategie, weil sie sich im realen Leben verloren fühlen oder nicht mehr zurechtfinden", sagt Kiesinger. Schlittern Jugendliche in Krisen, erscheint es für sie oft verlockend, sich virtuellen Welten hinzugeben – "und sich von ihren Problemen wegzubeamen".
Auch bestehende soziale Unsicherheiten, Ängste oder Depressionen können die Entstehung begünstigen, ebenso wie ADHS.
Man muss die Spiele von ihrem Podest herunterholen.
Psychotherapeut
"Reine Verbote führen oft zu Eskalation"
Der Weg aus dem Bann der Games führt über die Beziehung. "Reine Verbote ohne Beziehung und Struktur führen oft zu Eskalation", sagt Kiesinger. "Es muss eine Bezugsperson geben, die eine Beziehung aufbaut, Interesse zeigt, ein Stück in diese Welt eintaucht. Das braucht Zeit und Geduld."
Wichtig sei, zusammen nach alternativen Freizeitaktivitäten zu suchen. "Man muss die Spiele von ihrem Podest herunterholen, dann verlieren sie an Relevanz und der Konsum lässt sich schrittweise in einen gesunden Rahmen bringen."
Letztlich gehe es darum, herauszufinden, "welche Lücke das Spielen im Leben des Kindes füllt – egal ob selbstständig in der Familie oder in einer Therapie". Dann kann Stabilisierung gelingen.
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