Ein Fläschchen mit dem russischen Impfstoff Sputnik V.

© APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV

Wissen Gesundheit
01/28/2021

Infektiologe: "Sputnik V ist wirksamer als Impfstoff von Astra Zeneca"

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin der Uni Tübingen, leitet die Zulassungsstudie zum mRNA-Impfstoff von Curevac und entwickelt auch eine Schluckimpfung gegen SARS-CoV-2.

von Ernst Mauritz

"Die Impfstoff-Lieferverzögerungen sind bedauerlich – aber insgesamt bin ich optimistisch", sagt Peter Kremsner. Der Österreicher ist Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie der MedUni Tübingen und leitet die Zulassungsstudie für den mRNA-Impfstoff der Tübinger Firma Curevac.

KURIER: Worauf gründet Ihr Optimismus?

Peter Kremsner: Innerhalb eines knappen Jahres bereits zwei hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung zu haben, ist eine Erfolgsgeschichte. Und es werden in absehbarer Zeit weitere Erfolgsgeschichten dazu kommen, die Versorgung wird bald besser werden. Die EU-weite Beschaffung von regulär in der EU zugelassenen Impfstoffen ist der richtige Weg. Alleingänge, wie Deutschlands Ankauf von Antikörper-Präparaten ohne EU-Zulassung, von denen man gar nicht genau weiß, ob sie wirklich wirken, ist hingegen ein Rückschritt.

Wann könnte der Curevac-Impfstoff erhältlich sein?

In die Zulassungsstudie werden weltweit 36.500 Probanden aufgenommen, einige Tausend sind bereits rekrutiert. Im März, April könnte das rollende Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA beginnen. Läuft alles gut, könnten schon im April die ersten Dosen ausgeliefert werden. Da die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Curevac sehr ähnlich sind und es nur in Details Unterschiede gibt, erwarte ich auch eine ähnlich hohe Wirksamkeit. Zur Sicherheit und Verträglichkeit haben wir jetzt schon sehr gute Daten. Und wir wissen ja auch bereits, dass das Immunsystem sehr gut mit der Bildung von Antikörpern auf die Impfung reagiert.

Wie sehen Sie die Debatte um die Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffes?

Die vorliegenden Wirksamkeitsdaten sind für die beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffe eindeutig besser als jene von Astra Zeneca. Darüber hinaus halte ich die bisherigen Daten für Über-65-Jährige für nicht aussagekräftig. Ganz grundsätzlich sind aber auch diese Vektorimpfstoffe – neben Astra Zeneca etwa auch Johnson & Johnson oder Sputnik V – sehr vielversprechend.

Auch Sputnik V?

Die russischen Daten der Phase-III-Studie müssen noch wissenschaftlich publiziert werden, aber was bisher bekannt wurde, sieht gut aus, aus heutiger Sicht überzeugender als die Daten von Astra Zeneca. Demnach liegt die Wirksamkeit von Sputnik V laut Zwischenauswertung mit rund 92 Prozent über jener von Astra Zeneca mit 62 Prozent bei der zweimaligen Gabe der vollen Dosis - und das auch nur bei den 18- bis 55-Jährigen. Die 90-prozentige Wirksamkeit von Astra Zeneca bei einer kleinen Gruppe, die, wie in den Medien berichtet wurde, durch ein Dosierungsversehen entstand (diese Studienteilnehmer erhielten nur die halbe erste Dosis, Anm.), müsste in einer größeren Probandengruppe bestätigt werden. Die Standarddosis ergab eben die Schutzrate von rund 60 Prozent, und das ist deutlich unter den bisher veröffentlichten Schutzraten anderer Impfungen.

Aber verhindert der Astra Zeneca-Impfstoff nicht auch Spitalsaufnahmen und schwere Verläufe?

Ja, aber das tun die anderen Impfstoffe auch, zumindest gleich gut, wenn nicht sogar besser. Aber wenn man nur den Prozentsatz aller Erkrankungen unter den Geimpften ansieht, dann ist er eben schlechter. Für mich heißt das: Wenn man keinen anderen Impfstoff hat, ist es natürlich besser, diesen Impfstoff als keinen zu nehmen. Könnte man es sich aber aussuchen, würde ich mich klar für Biontech / Pfizer oder Moderna entscheiden.

Was halten Sie von Überlegungen, die erste Teilimpfung mit dem Astra Zeneca-Präparat, und die zweite mit Sputnik V durchzuführen?

Beides sind ja Vektorvirusimpfstoffe. Harmlose, abgeschwächte Trägerviren transportieren die genetische Information für das Stacheleiweiß von SARS-CoV-2 in den Körper. Astra Zeneca verwendet zwei Mal dasselbe Trägervirus, bei dem russischen Impfstoff des Gamaleja-Instituts in Moskau sind es zwei verschiedene Adenoviren (abgeschwächte Schnupfenviren von Affen, Anm.). Bei zwei unterschiedlichen Trägerviren wird dem Immunsystem der Impfstoff aber auf etwas unterschiedliche Weise präsentiert - da weiß man schon lange, dass das  zu einer besseren Immunreaktion führen kann. Diesen Vorteil hätte dann auch die Kombination der beiden Impfstoffe, weil der Adenovirus der Engländer wieder ein anderes ist. Ein noch besserer Ansatz in der Zukunft wäre wahrscheinlich aber die Kombination von zwei unterschiedlichen Impfstofftechnologien, also die Erstimpfung mit einem RNA-Impfstoff, und die zweite z.B. mit einem solchen Vektorimpfstoff.

Befürworten Sie es, bei Impfstoffmangel zunächst mehr Menschen mit nur einer Dosis zu impfen?

Ja, besonders die  über 65-Jährigen. Und die zweite Impfung erst dann, wenn ausreichend Nachschub da ist – auch, wenn das erst in drei Monaten der Fall sein sollte. Das Risiko, dass Mutationen begünstigt werden, sehe ich nicht. Wenn der Schutz nach einer Impfung nur 50 bis 70 Prozent betragen sollte, ist das besser als kein Schutz.

Aber besteht nicht das Risiko, dass die Erreger, die von einer einmaligen Impfung nicht bekämpft werden, versuchen, dem Impfstoff durch vermehrte Mutationen auszuweichen?

Hier wird immer ein Vergleich mit der Bildung von Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika gezogen. Aber diese Analogie greift zu kurz. Bei Bakterien hat man in der Regel einen ganz eng umschriebenen Teil eines Erregers, an dem ein Antibiotikum ansetzt, seine Vermehrung stoppt und ihn zerstört. Mit einer einzigen Punktmutuation kann der Erreger resistent und das Antibiotikum unwirksam werden. Eine Impfung setzt hingegen an vielen verschiedenen Stellen des Erregers an mit unterschiedlichen Abwehrmechanismen: Mit Antikörpern ebenso wie Abwehrzellen (T-Zellen). Es müsste sich also genetisch schon sehr viel ändern, damit es zu einer solchen Fluchtmutation - im Fachbegriff Evasionsmutation - kommt. Hunderprozentig auszuschließen ist es nicht, aber eine Angst davor habe ich nicht. Der Nutzen ist eindeutig höher als das Risiko.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Impfstoffe gegen die neuen Virusvarianten nicht wirken?

Derzeit sehe ich das nicht. In vitro ist die Bindungsfähigkeit von Antikörpern nicht viel anders.

Wie lange wird der Impfschutz anhalten?

Wie es derzeit aussieht, sind die allermeisten Erkrankten nach einem halben Jahr noch zu über 80, 85 Prozent geschützt. Das ist schon sehr ordentlich. Möglicherweise muss man nach einem oder auch mehreren Jahren auffrischen, aber hier eine Aussage zu treffen wäre Hellseherei.

Werden die jetzigen Impfstoffe die Weitergabe von Infektionen verhindern können?

Sicher sagen können wir es noch nicht. Wir entwickeln in Tübingen aber auch - gemeinsam mit der US-Biotechfirma Protein Potential - eine Schluckimpfung. Wir haben dafür einen bewährten Typhus-Impfstoff so umgebaut, dass dieses abgewächte Typhus-Bakterium an seiner Oberfläche das Stachel-Protein des neuen Coronavirus präsentiert. Erste Daten aus Zellkulturen und Tierversuchen  sind sehr vielversprechend. Der große Vorteil einer Schluckimpfung wäre, dass sie auch eine Immunität an den Schleimhäuten im Nasen-Rachen-Raum auslöst. Und das würde bedeuten, dass das Coronavirus sofort an der Eintrittsstelle in den Körper abgefangen wird und nicht nur eine Erkrankung verhindert wird. In diesem Fall wäre man dann auch nicht mehr ansteckend, so unsere Hypothese.  Mit den jetzigen Impfstoffen funktioniert das wahrscheinlich nicht so gut, oder eben nur zum Teil.

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