Einsam am Laptop? Studie zeigt Schattenseite des Homeoffice
Wirkt sich Homeoffice negativ auf die psychische Gesundheit aus? Eine neue Studie heizt die Diskussion um die Auswirkungen des Arbeitens von zu Hause aus neuerlich an, zumal die Ergebnisse nicht unumstritten sind. Laut der US-Studie, die im renommierten Fachjournal Science erschienen ist, haben US-amerikanische Beschäftigte aus Berufen, in denen mobiles Arbeiten in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet wurde, in der Folge weniger Sozialkontakte gehabt. Sie waren dadurch signifikant stärker psychisch belastet als Personen aus Berufen, in denen nicht verstärkt mobil gearbeitet wurde.
Allerdings traf dies in erster Linie auf Alleinlebende mit mehr Homeoffice zu: Bei ihnen stieg der Anteil an alleine verbrachten Tagen in der Pandemie stärker an als bei Personen in weniger mobil arbeitenden Berufen. Und sie glichen ihre geringeren Sozialkontakte in der Arbeit auch nicht durch stärkere private Kontakte aus. Bei Personen, die zu Hause im Familienverbund lebten, waren die negativen Effekte auf die psychische Gesundheit durch vermehrtes Homeoffice deutlich geringer.
Insgesamt, so die Autorinnen und Autoren, könne etwa ein Drittel des Anstiegs der psychischen Belastung in den USA während der Coronapandemie durch mobiles Arbeiten erklärt werden. Für die Studie wurden die Daten von mehr als einer halben Million Personen aus Erhebungen zwischen 2011 und 2024 ausgewertet.
Experten warnen vor voreiligen Schlüssen
Nico Dragano, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, warnt in einer Stellungnahme für das deutsche Sciencemediacenter vor voreiligen Schlüssen: "Es gibt viel Forschung, die zeigt, dass Homeoffice sowohl gut als auch schlecht für die Gesundheit sein kann. Es kommt also auf den Kontext an, zum Beispiel, wie gut man außerhalb der Arbeit sozial eingebunden ist oder wie gut sich ein Unternehmen um Personen, die mobil arbeiten, kümmert."
Und die Studie weist auch keinen kausalen Zusammenhang nach: War tatsächlich das vermehrte Homeoffice die Ursache dafür, dass es dieser Gruppe schlechter ging? Oder spielten auch noch andere Faktoren eine Rolle, etwa Zukunftsängste aufgrund von KI, die eher Schreibtischjobs betreffen, wie der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Uni Leipzig in Die Zeit erklärt?
Auch Heike Ohlbrecht, Soziologie-Professorin an der Universität Magdeburg, rät dazu, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Trotzdem seien die Ergebnisse "bedeutsam, weil sie die Arbeitswelt als Ausgangspunkt für Veränderungen sozialer Beziehungen sichtbar machen".
Unternehmen und Betriebe seien "nicht nur Orte der Leistungserbringung, sondern zugleich soziale Räume, in denen Freundschaften, Gemeinschaften, Solidarität, Anerkennung und Zugehörigkeit entstehen. Dieser – soziologisch gesprochen – soziale Integrationsraum kann durch Homeoffice erodieren, wie die Autorinnen für die USA herausarbeiten, und damit langfristig Teilhabemöglichkeiten und soziale Einbindungsprozesse von Erwerbstätigen schwächen“.
Digitale Kommunikation kein Ersatz für die Kaffeeküche
Der Verlust alltäglicher Begegnungen – auf dem Gang, in der Kaffeeküche oder während gemeinsamer Arbeitsprozesse – könne offenbar nicht ohne Weiteres durch digitale Kommunikation ersetzt werden.
Ein zentrales Ergebnis sei der Befund, dass viele Menschen die durch das Homeoffice wegfallenden Kontakte nicht automatisch durch zusätzliche soziale Aktivitäten außerhalb der Arbeit kompensieren. "Dies deutet auf einen möglichen Verstärkungseffekt hin: Weniger soziale Kontakte im Arbeitsalltag können dazu beitragen, dass sich soziale Isolation auch über die Erwerbsarbeit hinaus verfestigt."
Und was ist die Konsequenz aus dieser Studie? "Ein einfaches und pauschales ‚Back to Office‘, wie es manche Unternehmen derzeit forcieren, wird angesichts der zeitlichen Vorteile von Homeoffice und der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeit weder realistisch noch zielführend sein."
Die Konsequenz aus der Studie könne daher nicht die Abschaffung von Homeoffice sein. "Die eigentliche Herausforderung besteht vielmehr darin, die Vorteile flexibler Arbeitsformen mit Möglichkeiten sozialer Begegnung zu verbinden. Die Autorinnen der Studie verweisen selbst darauf, dass hybride Arbeitsmodelle, koordinierte Präsenztage, Co-Working-Spaces oder andere neue Formen gemeinsamer Arbeitsorte an Bedeutung gewinnen könnten, um den negativen Effekten sozialer Isolation entgegenzuwirken", erläutert Ohlbrecht.
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