Hitze: Warum das Hirn besonders leidet und welche Risiken das birgt
Fast jede zweite Österreicherin bzw. jeder zweite Österreich lebt mit einer neurologischen Erkrankung, so die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN): Dazu zählen u. a. Migräne, Multiple Sklerose, Epilepsie, Demenz, verschiedene Muskelerkrankungen, Neuropathie und Schlaganfall.
„Und die Häufigkeit steigt angesichts der alternden Bevölkerung“, sagt die Neurologin Julia Ferrari, Leiterin der Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien und Präsidentin der ÖGN.
Menschen mit neurologischen Erkrankungen sind in Hitzewellen eine besonders belastete Gruppe, betont Ferrari: „Steigende Temperaturen führen häufig zu Krankheitsverschlechterungen.“
- Bei Parkinson oder Multipler Sklerose verstärken sich die Symptome, Aufnahmen im Krankenhaus nehmen zu.
- Hohe Temperaturen können Migräneattacken auslösen oder verschlimmern.
- Lange Hitzeperioden mit sehr warmen Nächten erhöhen auch das Schlaganfallrisiko deutlich. Laut einer heuer veröffentlichten Studie steigt bei Hitze die Schlaganfallsterblichkeit in der Allgemeinbevölkerung um 13,8 Prozent, bei älteren Menschen sogar um 16,4 Prozent.
Schlaganfall: Wieso das Risiko ansteigt
Mehrere Mechanismen sind dafür verantwortlich:
Bei Hitze versucht der Körper, durch eine Erweiterung der Blutgefäße – besonders nahe der Hautoberfläche – Wärme abzugeben. Da mehr Blut durch die erweiterten Gefäße fließt, gelangt mehr Wärme durch Schwitzen aus dem Körper.
Neurologin Julia Ferrari: "Die Gefahr von Thromben steigt."
„Dadurch aber bleibt weniger Blut für die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff“, erläutert Ferrari. Bei höheren Temperaturen steigt der Energiebedarf des Gehirns, für die Verwertung von mehr Energie aus Glukose würde das Gehirn auch mehr Sauerstoff benötigen. „Der Sauerstoffmangel ist ein Grund für die Verschlechterung neurologischer Symptome.“
Gleichzeitig beeinträchtigt Hitze die Signalübertragung an die Nervenzellen, „was auch bei Gesunden Konzentrationsprobleme und Kopfschmerz auslösen kann“.
Häufigkeit
Insgesamt sind in Österreich jährlich rund 20.000 Menschen von einem Schlaganfall betroffen.
Hirninfarkt
Häufigste Form (mehr als 80 % aller Schlaganfälle). Es kommt zur Verengung oder zum Verschluss einer Hirnarterie. Umliegendes Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt und stirbt ab. Hitze und Austrocknung erhöhen das Hirninfarkt-Risiko.
Hirnblutung
Seltenere Form eines Schlaganfalls (20 %), das austretende Blut schädigt das umliegende Gewebe.
Hinzu kommt, dass das Blut durch den verstärkten Flüssigkeitsverlust eindickt, zähflüssiger wird. Gleichzeitig muss das Herz bei Hitze schneller und stärker schlagen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten, was den Sauerstoffverbrauch auch dieses Organs erhöht. Diese Mehrbelastung und Dehydration können bei Vorerkrankten das Risiko für Herzinfarkt, aber auch für Herzrhythmusstörungen ansteigen lassen.
Ferrari: „Bei Patienten, die bereits Vorhofflimmern haben, kann das eine Flimmerepisode auslösen – das Blut wird nicht vollständig aus den Herz-Vorhöfen gepumpt, ein Thrombus bildet sich, gelangt ins Gehirn und verursacht einen Schlaganfall.“
Hitze bedeutet Stress für die Zellen
Hitze bedeutet generell einen Stresszustand für die Zellen: Entzündungsbotenstoffe werden ausgeschüttet, „dadurch wird auch die Innenseite der Blutgefäße, das Endothel, beeinträchtigt. Die Entzündungsprozesse erleichtern einerseits die Bildung von Ablagerungen, Plaques, und andererseits werden diese instabiler, können sich leichter ablösen und im Gehirn ein Blutgefäß verstopfen“.
„Sauerstoffmangel ist ein Grund für die Verschlechterung neurologischer Symptome.“
Und auch die beeinträchtigte Regeneration des Gehirns in der Nacht durch den hitzebedingt gestörten Schlaf scheint eine Rolle bei der Entstehung von Gefäßverschlüssen zu spielen.
Chinesische Forscherinnen und Forscher haben ein Modell zur „Schlaganfallvorhersage“ entwickelt. Unter Bewertung persönlicher Daten wie Alter, Geschlecht, Risikofaktoren und Medikamenteneinnahme prognostiziert das Modell die hitzebedingten Gesundheitsrisiken im Hinblick auf Schlaganfälle für die nächsten Tage.
„Eine solche App könnte künftig das Bewusstsein für das individuelle Risiko erhöhen und zur Anpassung des eigenen Verhaltens führen – so weit die Möglichkeit dazu vorhanden ist, wie etwa einen kühlen Raum aufzusuchen.“
Leichter umzusetzen ist, auf eine ausreichende Trinkmenge zu achten – hier mangle es an Bewusstsein und der richtigen Einschätzung des Risikos.
„Ältere Menschen mit einem geschwächten Herzen etwa sind da naturgemäß vorsichtig, um ihr Herz nicht zu überlasten. Aber was sie an Flüssigkeit mehr ausschwitzen, können sie auch bedenkenlos mehr trinken. Und generell fehlt es an Bewusstsein, welches Risiko ein Flüssigkeitsmangel gerade auch für das Gehirn bedeutet.“
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