Herzkrankheiten: Kardiologie-Fortschritte könnten Todesrate um 25% senken

Drei Milliarden Mal schlägt das Herz in 80 Jahren. Kardiologe Scherr erklärt, mit welchen neuen Strategien die Todesfälle bis 2035 um ein Viertel reduziert werden sollen.
Ein anatomisches menschliches Herz mit sichtbaren Blutgefäßen und stilisiertem Herzschlag im Hintergrund.

Der erste Blick auf den Zeitverlauf ist positiv: 1980 starben in Österreich 1050 von 100.000 Menschen an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems. 2000 waren es 681, 2024 sank die Zahl auf 317. Dennoch sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor die häufigste Todesursache in Österreich. Von 88.486 Todesfällen 2024 entfielen knapp mehr als 30.000 darauf (16.000 Frauen, 14.000 Männer). 

„Der starke Rückgang der Sterblichkeit liegt in erster Linie an der exzellenten Reparaturmedizin“, sagt der Kardiologe Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Daniel Scherr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie: Fortschritte in der Diagnostik und Therapie sowie raschere Versorgung bei akuten Ereignissen wie Herzinfarkten sind hier entscheidend. 

„Aber unsere Schwachstelle liegt in der Prävention. Deshalb stirbt nach wie vor alle 15 Minuten ein Mensch in Österreich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Das Tragische ist, viele dieser Todesfälle – mindestens 25 bis 30 Prozent – wären vermeidbar gewesen“, betont der Kardiologe: „Also jährlich knapp 10.000 in Österreich. Und es könnten viele gesunde Lebensjahre gewonnen werden.“

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Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Daniel Scherr ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie und stv. Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie der Med Uni Graz.

Scherr ist einer der Autoren eines „Safe Heart Plan“ der EU und hat dafür Daten zur Herz-Kreislauf-Gesundheit in den EU-Ländern analysiert. „Ein großer Teil der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und rund 80 Prozent der vorzeitigen kardiovaskulären Todesfälle hängen mit beeinflussbaren Risikofaktoren zusammen und wären durch Prävention potenziell vermeidbar“, heißt es in dem Bericht: „Dennoch entfallen in der EU nur drei Prozent der Gesundheitsausgaben auf Prävention, obwohl diese die kosteneffektivste Investition darstellt. Das Ausmaß des Problems ist eindeutig.“

Das ehrgeizige Ziel: Bis 2035 soll die Zahl von vorzeitigen, kardiovaskulär bedingten Todesfällen um 25 Prozent gesenkt werden. Aber wie? Und wie in Österreich?

Wo Österreich Aufholbedarf hat

„Die Hälfte der EU-Länder hat bereits einen Herz-Kreislauf-Gesundheitsplan mit konkreten Plänen, wie zentrale Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Adipositas oder Diabetes reduziert werden. Bei einem weiteren Viertel ist ein solcher Plan im Entstehen. Österreich hingegen ist noch säumig.“

Wesentlich wäre ein verstärktes Augenmerk auf Präventionspolitik: „Es gibt schon sehr viele gute Initiativen zur Gesundheitsvorsorge, etwa in Reha-Zentren, in Ordinationen, Spitälern oder auch in Schulen. Wasserschulen etwa, die keine gesüßten Getränke anbieten, oder solche, die einen Schwerpunkt in der Ernährungserziehung setzen.“ 

Was fehle, seien Maßnahmen auf politischer Ebene: „Österreich zählt zu den EU-Ländern mit überdurchschnittlich hohem Alkohol- und Tabakkonsum. Bei gesunder Ernährung schneiden wir schlechter ab als viele andere Staaten. Wir müssen uns fragen: Warum liegen wir so schlecht? Ein Grund ist, dass andere Länder strengere gesetzliche Regelungen haben, etwa Werbeverbote für Kinderlebensmittel mit einem ungünstigen Nährwertprofil.“

HerzMobil: Mit der App Messdaten ans Spital

Gleichzeitig fehle es an Anreizen für moderne, ganzheitliche Versorgungsmodelle wie „HerzMobil“: Patienten mit Herzschwäche werden vor der Entlassung aus dem Spital mit der HerzMobil-App auf einem speziellen Mobiltelefon vertraut gemacht. Über die App übertragen sie täglich Messdaten (Gewicht, Puls, Blutdruck) sowie ihren Gesundheitszustand an das Spital: „Eine Verschlechterung wird so frühzeitig erkannt, erneute Spitalsaufenthalte werden vermieden. In vier Bundesländern – Tirol, Steiermark, NÖ, Kärnten – ist das Projekt umgesetzt, aber es gibt es noch nicht in der Regelversorgung in ganz Österreich.“

Close up of hand touching smartwatch with health app on the screen, gadget for fitness active lifestyle.

Aktivitätscheck nach der Laufrunde: Fast 80 Prozent der Herz-Erkrankungen können durch Änderungen des Lebensstils verhindert werden.

Ein positives Beispiel, aber mit Verbesserungsbedarf, sei die Vorsorgeuntersuchung: „Weniger als 20 Prozent der Bevölkerung nehmen sie derzeit in Anspruch – hier ist eine Bewusstseinskampagne notwendig. Gleichzeitig sind etwa die Laborwerte nicht am aktuellen Stand.“

 So brauche es ein differenzierteres Profil des Fettstoffwechsels. bei dem „nicht nur das Gesamtcholesterin und das HDL-Cholesterin ein Pflichtbestandteil der Laboruntersuchung sind, sondern auch das LDL-Cholesterin“. 

Auch die „Albumin-Kreatinin-Ratio“, mit der frühzeitige Anzeichen von Nierenerkrankungen erkannt werden können, sollte erhoben werden, ebenso wie der Langzeitzucker (HbA1c-Wert). Er spiegelt den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der letzten 8 bis 12 Wochen wider. „Und einmal im Leben wäre es wichtig, das Blutfett Lipoprotein (a) zu erfassen.“

Aktuelle Forschungsgebiete der Kardiologie

„Gleichzeitig müssen Initiativen wie ‚Know Your Numbers‘ – kenne deine Werte – bekannter werden. Die meisten Menschen wissen auf Anhieb ihr Autokennzeichen, aber nur wenige kennen ihre Blutdruckwerte oder ihren Langzeitzuckerwert.“ Viele Erkrankungen könnten durch Früherkennung verhindert, oder zumindest frühzeitig und damit erfolgreicher therapiert werden.

Darüber hinaus seien einige weitere Themen in der Kardiologie sehr aktuell:

  • Frauenherzen: 

    „Bei der Frauengesundheit haben wir nach wie vor großen Aufholbedarf“, sagt Scherr. Bei Frauen zeigt sich der Herzinfarkt oft nicht durch den typischen Brustschmerz, sondern durch andere, häufig als „atypisch“ bezeichnete Symptome wie etwa Schulter-, Rücken- oder Bauchschmerzen. „In der Folge wird die Herzerkrankung bei Frauen oft nicht oder zu spät erkannt. Wir müssen davon wegkommen, Symptome von Frauen als ,atypisch‘ und jene von Männern als Normalfall zu bezeichnen. Es gibt verschiedene Formen von ,normal‘ und ,typisch‘."

Wir müssen davon wegkommen, Symptome von Frauen als ,atypisch‘ und jene von Männern als Normalfall zu bezeichnen. 

von Kardiologe Daniel Scherr

  • Neue Medikamente: 

    „Die medikamentöse Therapie in der Kardiologie erlebt eine Renaissance“, so Scherr. 

    SGLT2-Inhibitoren: Ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes , werden sie zunehmend auch bei Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen eingesetzt. „Neben der Senkung des Blutzuckers senken sie bei Herzschwäche das Risiko für Spitalsaufnahmen und kardiovaskuläre Ereignisse und schützen zusätzlich die Niere.“

    Lipoprotein(a)-Senker: Lipoprotein(a) ist ein Blutfett, das bei hohen Werten ebenfalls ein Herz-Risikofaktor ist. Es lässt sich nicht mit Statinen senken. Man kann das Risiko reduzieren, indem man behandelbare Risikofaktoren in den Griff bekommt. „Mehrere neue Wirkstoffe zur gezielten Senkung von Lipoprotein(a) befinden sich in klinischer Entwicklung, sind derzeit aber noch nicht regulär zugelassen.“

    PCSK9-Inhibitoren: Wer nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall mit den Statinen seine LDL-Zielwert nicht erreicht, für den sind injizierbare PCSK9-Antikörper eine neue Therapie. „Diese Therapien befinden sich derzeit – so wie die Präparate zur Gewichtsreduktion – auf dem Übergang von der Spritzen- zu einer oralen Therapie.“

    Gicht-Mittel gegen Entzündungen: Der entzündungshemmende Wirkstoff Colchicin aus der Gichttherapie konnte in Studien das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall bei bestehenden Gefäßerkrankungen senken – ist aber für diese Anwendung noch nicht zugelassen. Er könnte die Basistherapie (Senkung von Blutdruck, LDL-Cholesterin, Gewicht) ergänzen.

  • Digitale Hilfsmittel: 

    Moderne Smartwatches erkennen Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern mit hoher Genauigkeit. „Aber nicht jeder kann sich eine Smartwatch leisten. Um den Trend zur Zwei-Klassen-Medizin nicht zu verstärken, suchen wir kostengünstige Lösungen. Da ein großer Teil der Bevölkerung ein Smartphone besitzt, ist die Pulskontrolle über das Handy ein Ansatz.“ 

    Im Rahmen des Austrian Digital Heart Program der Med Unis Innsbruck und Graz, geleitet von Univ.-Prof. Dr. Axel Bauer aus Innsbruck, sowie des Austrian Institute of Technology (AIT) und UMIT Tirol wurde die App „Pulskontrolle“ entwickelt. Sie nutzt Kamera und Blitz des Smartphones, um Pulssignale an der Fingerspitze zu messen. 

    Spürt eine betroffene Person Unregelmäßigkeiten wie Herzrasen, aktiviert sie die App und hält eine Fingerspitze auf die Handykamera. Die Aufzeichnungen werden automatisiert auf Unregelmäßigkeiten analysiert. „Damit könnten Rhythmusstörungen frühzeitig erkannt werden.“ Derzeit läuft noch eine Testphase mit Studien. Ein auffälliger Befund muss aber immer durch ein medizinisches EKG bestätigt werden.

  • Herzmedizin der Zukunft: 

    Ein großer Trend in Spitälern ist das Arbeiten in Herz-Teams: "Herzchirurgie, Herzanästhesie und Kardiologie entscheiden gemeinsam, welche Therapie die beste ist.“ So sind Verfahren mit Herzkathetern – etwa beim Implantieren einer neuen Herzklappe oder eines Herzschrittmachers, beim Setzen von Stents oder der Therapie von Rhythmusstörungen – stark im Wachsen.

    Gleichzeitig hat die klassische Herzchirurgie unvermindert ihren Stellenwert. Im Herzteam wird fächerübergreifend entschieden, welches Verfahren für welchen Patienten am besten ist. Scherr: „Wir sprechen also nicht mehr von Kardiologie und Herzchirurgie, sondern nur von Herz- oder Herz-Kreislauf-Medizin. Die Zukunft ist die Herzmedizin aus einer Hand.“

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