Hot Water Trend: Was ist dran am Wellness-Hype um heißes Wasser?
Heißes Wasser wird als Wundermittel gefeiert.
Das Trinken von heißem Wasser wird von Influencernin sozialen Medien aktuell als Geheimtipp für Gesundheit und Wohlbefinden propagiert. Insbesondere in den USA werden Online-Suchmaschinen täglich zigfach mit Fragen zum Trend gefüttert.
Besonderes Interesse besteht an den Effekten von heißem Wasser auf die Verdauung. Propagiert werden anregende Wirkungen auf die Darmperistaltik – jene wellenartigen Kontraktionen der Darmmuskulatur, die den Darminhalt durch den Verdauungstrakt befördern. Heißes Wasser soll die Muskulatur entspannen und den Transport der Nahrung erleichtern, weswegen es idealerweise morgens konsumiert werden sollte.
Dafür, dass heißes Wasser einer trägen Verdauung auf die Sprünge hilft, gibt es keine wissenschaftliche Evidenz, sagt die auf Darmgesundheit spezialisierte Ernährungsexpertin Katharina Bruner im KURIER-Interview. "Eine ausreichende Trinkmenge ist natürlich essenziell für die Verdauung. Es gibt aber keine Belege dafür, dass die Verdauung durch heißes Wasser besser funktioniert."
Das sagt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zum Trend
Der menschliche Verdauungstrakt arbeitet bei konstanter Körpertemperatur von etwa 37 Grad Celsius. Egal ob kaltes, warmes oder heißes Wasser getrunken wird – es passt sich innerhalb kurzer Zeit dieser Temperatur an. Ein nachhaltiger Wärmeeffekt im Magen oder Darm entsteht nicht.
Zur Begründung der Gesundheitsversprechen wird häufig auf die ostasiatische Medizin, konkret die Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM, verwiesen, weiß Jisun Kim, TCM-Therapeutin am Wiener Trinicum, einem Zentrum für Integrative Medizin und Schmerztherapie. In alten Schriften werden Wasser-Mischungen bei akuten Magen-Darm-Störungen empfohlen. "Historische TCM-Konzepte sind medizinhistorisch bedeutsam, ersetzen jedoch keine evidenzbasierte medizinische Bewertung", betont Kim.
Um eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung zu gewährleisten, eignet sich erwärmtes wie kaltes Wasser gleichermaßen gut, sagt Bruner. "Es ist wichtig, ausreichend zu trinken, rund eineinhalb Liter täglich." Vor allem morgens sollte man den Flüssigkeitsverlust, der sich über Nacht entwickelt, ausgleichen.
Auch Kim betont die Bedeutung von Wasser zur Aufrechterhaltung der Hydratation. Warmes Wasser könne zudem subjektiv als angenehm empfunden werden und kurzfristig Effekte auf Wohlbefinden oder Verdauung haben. "Diese begrenzten Effekte dürfen aber nicht mit den weitreichenden gesundheitlichen Heilsversprechen gleichgesetzt werden, die derzeit in sozialen Medien kursieren", sagt Kim.
Hilft heißes Wasser beim Abnehmen und Entgiften?
Heißes Wasser soll auch Giftstoffe aus dem Körper spülen. Den Hype ums sogenannte Detoxen sieht Bruner kritisch: "Die Entgiftung erledigt der Körper seit Jahrtausenden selbst." Dass der gesunde Organismus hier einer Unterstützung bedürfe, entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage. Auch Kim erklärt: "Der menschliche Organismus verfügt über hochwirksame physiologische Entgiftungssysteme, insbesondere Leber und Nieren, deren Funktion durch heißes Wasser nicht zusätzlich aktiviert wird."
Abnehmerfolge werden ebenfalls an heißes Wasser geknüpft – über die Anregung von Stoffwechsel und Fettabbau und eine etwaige Appetitzügelung. Mehrere Studien zeigen, dass 500 Milliliter Wasser vor einer Mahlzeit bei übergewichtigen Erwachsenen zu einer geringfügig reduzierten Kalorienaufnahme führen können. Der Effekt ist allerdings klein, die Temperatur des Wassers spielt keine Rolle. Ein Glas Wasser vor dem Essen kann laut Physiologen durch frühere Sättigungssignale indirekt beim Abnehmen helfen.
Das sagen Studien zum Effekt von heißem Wasser
In einer Studie der Berliner Charité aus dem Jahr 2003 konnte gezeigt werden, dass das Trinken von warmem Wasser bei gesunden Erwachsenen einen kurzfristigen, messbaren Anstieg des Energieverbrauchs auslöst. Diese thermogene Wirkung von Wasser sollte im Rahmen von Diätprogrammen berücksichtigt werden, so die Fachleute. In einer israelischen Studie aus dem Jahr 2011 konnte der Grundumsatz bei adipösen Kindern durch die Gabe von kaltem Wasser kurzfristig um bis zu 25 Prozent erhöht werden. Die Ergebnisse würden zeigen, dass das Trinken von Wasser übergewichtigen Kindern bei der Gewichtsabnahme helfen könnte, heißt es.
Temperaturbedingte metabolische Effekte seien in Summe "gering und klinisch nicht relevant", erläutert Kim. "Diese Arbeiten zeigen überwiegend nur vorübergehende Effekte und erlauben keine Rückschlüsse auf langfristige Wirkungen." Wasser könne beim Gewichtsmanagement allenfalls indirekt eine Rolle spielen, etwa durch den Ersatz kalorienhaltiger Getränke.
Insgesamt wohltuende Wirkungen seien laut Bruner allenfalls durch eine verbesserte Flüssigkeitszufuhr insgesamt und den Placebo-Effekt erklärbar. "Jemand, der immer zu wenig getrunken hat und nun mehr Flüssigkeit zuführt, merkt natürlich, dass das guttut." Insbesondere das Trinken des Wassers am Morgen im Sinne eines Rituals kann auch psychologisch entlastend wirken.
Potenziell krebserregend?
Bruner und Kim weisen auf potenziell schädliche Folgen hin: "Diskutiert wird, dass der regelmäßige Konsum von Getränken mit einer Trinktemperatur über 65 Grad Celsius zu einem erhöhten Risiko für Speiseröhrenkrebs führen könnte. Vermutet wird, dass durch die ständigen Verbrühungen am Gewebe Plattenepithelkarzinome häufiger auftreten", berichtet Bruner. Ein Risikofaktor für ein Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre ist auch starker Alkohol- und Nikotinkonsum.
Sofern Wasser unter 60 Grad Celsius konsumiert werde, sei es aber nicht schädlich.
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