Fasten mit Kindern: Impulskontrolle statt Hunger
Fasten muss nicht zwangsläufig mit Essen zu tun haben – und besonders bei Kindern nicht mit Hungerphasen. „Besser ist der Begriff Verzicht“, erklärt Familienpsychologe Johannes Achammer. Bei Kindern gehe es dabei vielmehr um Impulskontrolle und nicht darum, sie zu bestrafen. „Sondern darum, ihnen beizubringen, dass man nicht immer alles sofort haben kann.“ Verzichten zu lernen, können Eltern bereits im Kindergartenalter fördern, etwa beim Einkaufen, wenn das „Habenwollen“ nicht sofort erfüllt wird.
Geduld lässt sich auch beim Essen üben: „Eine kleine Wartezeit zwischen Haupt- und Nachspeise kann den kindlichen Drang nach sofortiger Befriedigung spürbar steuern“, so Achammer.
Verzicht verstehen
Mit zunehmendem Alter wird das Prinzip verständlicher. Kleine „Fastenübungen“ lassen sich ab dem Schulalter einführen – zum Beispiel ein Wochenende ohne Süßigkeiten oder eine Woche ohne Bildschirmzeit. Ab etwa zehn Jahren können Kinder schon mitbestimmen, worauf sie verzichten möchten, und aktiv mitgestalten, wie dieser Verzicht umgesetzt wird. Fasten wird so zu einer alltagstauglichen Übung in Selbstdisziplin, die auch jederzeit im Jahr, unabhängig vom religiösen Sinn, stattfinden kann.
Weh braucht Verzicht nicht zu tun. Achammer betont: „Im Idealfall verzichtet man gemeinsam. Man kann überlegen: „Was wäre für dich etwas, auf das du nur schwer verzichten könntest?“ Dann hat man schon einen Aufhängepunkt und kann sagen: „Lass uns das gemeinsam machen.“
So wird Verzicht zu einer Übung, die nicht nur Selbstdisziplin fördert, sondern auch Spaß machen kann und als positive Erfahrung in Erinnerung bleibt. „Ich persönlich bin ein Freund von Visualisierungen“, sagt Achammer. Etwa ein Plakat im Wohnzimmer, auf dem alle festhalten, worauf sie verzichten. Die Jüngeren dürfen die Eltern ebenso kontrollieren, und sie etwa darauf hinweisen, das Handy auszuschalten.
Auch Belohnungen sind erlaubt. Am Ende der gemeinsamen Abstinenz kann es ein kleines Highlight geben. Von Bestrafung bei Nichtdurchhalten rät Achammer ab: „Sobald man mit Strafen oder Wegnehmen arbeitet, ist man sofort in der Konfrontation. Dann gibt es keinen Lerneffekt.“ Stattdessen darf es sogar auch mal ein „Cheat Day“ sein. Ein Ausrutscher ist kein Scheitern, sondern Teil des Lernprozesses. „Ein Kind darf einmal die Regeln nicht einhalten, dafür wird am nächsten Tag neu gestartet“, so der Experte.
Der Sinn dahinter
Den Sinn hinter dem Fasten erklärt Achammer so: „Wir drücken die Reset-Taste, entrümpeln die Seele und schaffen Platz für Neues.“
Ziel ist, alltäglichen Dingen wieder eine neue Wertschätzung zu geben und herauszufinden, ob man bestimmte Dinge wirklich braucht. Gerade beim Trend „Handyfasten“ entdecken Jugendliche oft, dass sie mehr Zeit haben – und wieder kreativ werden können, vom Zeichnen bis zum Brettspiel. Langfristig soll der Verzicht in den Alltag integriert werden. Wer gemerkt hat, dass eine Woche ohne Smartphone guttut, kann zum Beispiel zweimal pro Woche einen „Digitalfrei“-Abend einführen.
Wichtig: Die Eltern sollten mitmachen. Nur so erleben alle, wie wertvoll echte Quality-Time sein kann. Und die lässt sich dann auch in den Alltag retten, egal ob beim gemeinsamen Kochen oder analogen Brettspiel.
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