Polyphenole: Wie Beeren, Nüsse, Tee und Vollkorn das Herz schützen
Äpfel, Beeren, grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Knoblauch, Nüsse, Zitrusfrüchte und Zwiebel haben eines gemeinsam: Sie sind – wie andere pflanzliche Lebensmittel auch – reich an Polyphenolen. Diese Pflanzenstoffen werden mit verschiedenen positiven Effekten auf die Gesundheit – etwa von Herz, Gehirn und Darm (Stichwort: Mikrobiom) – in Verbindung gebracht werden.
Besonders für eine Verringerung des Risikos, an Herzgefäßerkrankungen zu sterben, gebe es eine wachsende Beweislage, schreibt ein Forschungsteam des King‘s College London in einer neuen Studie: So hemmen Polyphenole die Verklumpung von Blutplättchen, reduzieren Entzündungen, verbessern das Profil der Blutfette und senken den Blutdruck.
Und sie erhöhen die Elastizität der Blutgefäße, diese können sich bei erhöhtem Blutfluss – etwa bei körperlicher Aktivität – stärker erweitern. Eine hohe Elastizität senkt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Doch viele Untersuchungen bisher hatten ein großes Problem: Wie verlässlich sind die Daten zum Ernährungsverhalten der Studienteilnehmer überhaupt?
Polyphenolreiche Lebensmittel: Von Birnen bis zum Tee
Für die neue Studie des King‘s College wurden einerseits die Daten von 1.555 Zwillingspaaren ausgewertet:
Alle mussten einen umfangreichen Fragebogen zum Verzehr von 130 verschiedenen Lebensmitteln ausfüllen.
Insbesondere wurden neben der gesamten Ernährung 20 polyphenolreiche Nahrungsmittel detailliert erfasst. Zusätzlich zu den eingangs genannten waren das noch Birnen, Erdäpfel, Kaffee, Kakao und Schokolade, Karotten, Olivenöl, Paprika, Sojaprodukte, Tee, Vollkornprodukte, Weintrauben und Zwetschken.
Darüber hinaus analysierte das Forschungsteam von 200 Teilnehmenden Harnproben auf spezielle Stoffwechselprodukte von Polyphenolen.
Polyphenole, Flavonoide
Polyphenole sind eine große Gruppe von sekundären Pflanzenstoffen. Die größte Untergruppe sind die Flavonoide, zu denen rund 8.000 Stoffe gehören. Diese und weitere Untergruppen an bioaktiven Verbindungen haben verschiedene positive Eigenschaften. Sie wirken zellschützend, entzündungshemmend und antimikrobiell.
Primär und sekundär
Als primäre Pflanzenstoffe werden die Hauptbestandteile von Pflanzen bezeichnet, dazu zählen Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett. Sekundäre Pflanzenstoffe beeinflussen viele Stoffwechselprozesse im Menschen.
„Damit konnte gezeigt werden, dass anhand von Abfragen der Verzehrsmengen bestimmter Lebensmittel man schon sehr gut einschätzen kann, wie polyphenolreich die Alltagsernährung einer Person ist“, sagt der Ernährungswissenschafter Tilman Kühn von der Hochschule Fulda zum KURIER. Er hat in den vergangenen Jahren selbst als Gastprofessor an der MedUni Wien und der Uni Wien Studien zu Polyphenolen durchgeführt.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine langfristige polyphenolreiche Ernährung das Ansteigen eines Risikos für die Herzgefäße mit zunehmendem Alter erheblich verlangsamen kann“
Elf Jahre lang dauerte die Beobachtungsphase mit einer Dokumentation des Gesundheitszustandes der Probandinnen und Probanden: Jene, die eine höhere Konzentration an Polyphenol-Stoffwechselprodukten im Harn aufwiesen, hatten gesündere Blutdruck- und Cholesterinwerte und ein geringeres Risiko einer Herzgefäßerkrankung.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine langfristige polyphenolreiche Ernährung das Ansteigen eines Risikos für die Herzgefäße mit zunehmendem Alter erheblich verlangsamen kann“, sagt Ana Rodriguez-Mateos, Professorin für Humanernährung am King‘s College.
Risiko steigt langsamer
Zwar nahm das Risiko für eine Herzerkrankung entsprechend dem Anstieg des Lebensalters bei allen Personen zu – ein natürlicher Prozess –, bei einer höheren Polyphenolaufnahme war dieser Anstieg allerdings geringer.
„Selbst kleine, nachhaltige Veränderungen hin zu Lebensmitteln wie Beeren, Tee, Kaffee, Nüssen und Vollkornprodukten können im Laufe der Zeit das Herz schützen“, so Rodriguez-Mateos.
Der Erstautor der Studie, Yong Li, ergänzt: „Diese Arbeit liefert starke Beweise dafür, dass die regelmäßige Aufnahme von polyphenolreichen Lebensmitteln eine einfache Möglichkeit ist, die Herzgesundheit zu unterstützen.“
Die Studie ist im Journal BMC Medicine erschienen.
Kühn hält die Studie für sehr gut. „Trotzdem bleiben zwei offene Fragen. Könnte es nicht sein, dass trotz noch besserer Messung Personen, die sich polyphenolreich ernähren, auch ansonsten einen gesundheitsbewussten Lebensstil haben, der die bessere Herz-Kreislauf-Gesundheit eigentlich erklärt?
Oder könnten nicht andere Inhaltsstoffe polyphenolreicher Lebensmittel (z. B. Ballaststoffe, Koffein) die Effekte erklären?“ Dass andere Inhaltsstoffe zusätzlich eine Rolle spielen, halte er für plausibel. „Allerdings sprechen Experimente unter Laborbedingungen schon für einen genuinen Polyphenoleffekt.“
Auch die in den vergangenen Jahren an der MedUni Wien und der Uni Wien von Gastprofessor Kühn durchgeführte Studien zeigten positive Auswirkungen auf die Blutgefäße. Durch die höhere Elastizität verbessern sich die Fließeigenschaften des Blutes.
„Das schützt die Gefäße vor der Ablagerung von Plaques an den Innenwänden und dadurch vor der Gefäßverkalkung.“ Hohe Blutdruckwerte können etwas gesenkt werden. „Aber auch auf die geistigen, die kognitiven Fähigkeiten wirkt sich der antientzündliche Effekt positiv aus.“
Neues auch speziell von der Kakaobohne
Theobromin, ein sekundärer Pflanzenstoff vor allem im Kakao, werden viele positive Eigenschaften zugeschrieben. Eine entzündungshemmende Wirkung, die die Herzgefäße schützt, wird schon lange diskutiert. Zuletzt waren drei weitere Aspekte Thema der Forschung:
Anti-Aging: Theobromin könnte Anti-Aging-Eigenschaften haben. Das vermuten Forschende des King‘s College London. Sie haben Theobromin-Werte im Blut mit speziellen Markern für das biologische Alter verglichen. Jene Studienteilnehmer mit höheren Theobromin-Werten im Blut hatten ein biologisches Alter, das niedriger war als ihr kalendarisches Alter.
Gehirn: Eine japanische Studie mit Mäusen erbrachte kürzlich Hinweise darauf, dass Inhaltsstoffe der Kakaobohnen Aufmerksamkeit, Lern- und Gedächtniskapazität zumindest kurzfristig erhöhen können.
Stoffwechsel: Personen, die regelmäßig dunkle Schokolade aßen (etwa 140 g pro Woche), hatten ein um 20 Prozent geringeres Diabetes-Risiko.
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