Wissen | Gesundheit
17.07.2018

Diese Tipps helfen gegen Wetterfühligkeit

Kopf und Gelenke schmerzen, der Kreislauf spinnt – bei großen Temperaturschwankungen kommt der Körper oft nicht mit. Was steckt dahinter?

Liefert der Himmel über uns eine Performance, werden wir schnell  zum Spielball der Natur: Tritt ein Hoch als strahlender Held auf, steigen Laune und Tatendrang, während ein Tief – der  designierte Bösewicht des Schauspiels  –  beides rauben  will. Gerade im Frühjahr treten Temperaturschwankungen oft auf und rücken das Thema  Wetterfühligkeit mit all seinen Auswirkungen – Kreislaufbeschwerden, Kopf- und Gliederschmerzen, Reizbarkeit, allgemeinem Unwohlsein – ins Rampenlicht. Hochgerechnet sehen hierzulande  circa 2,5 Millionen Menschen das Wetter als Verursacher   gesundheitlicher Probleme. Das zeigte  eine  Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes „Spectra“ aus den Jahren 2012/2013. 35 Prozent der rund 11.000 Befragten gaben  an, von  Wetterfühligkeit betroffen zu sein.
   

Mehr als ein Luftschloss?

Der Begriff ist nicht  klar  definiert, die Nachweisbarkeit schwierig und es fehlen aussagekräftige wissenschaftliche Studien.  Die Sache mit der Wetterfühligkeit –  in Fachkreisen Meteoropathie genannt –  ist also kompliziert.  „Besonders zum kausalen Zusammenhang zwischen Wetterfühligkeit und den Symptomen  gibt es fast nichts“, betont  Christian Csekits von der ZAMG-Wettervorhersage auf der Hohen Warte in Wien. „Belegt ist  nur  ein statistischer Zusammenhang: Bei gewissen Wetterlagen –  vor allem bei den extremen – treten  Veränderungen im Wohlbefinden häufiger auf.“  
Was  fehlt, ist das Wissen, ob das  Wetter tatsächlich der Auslöser ist oder den Betroffenen eher als   Sündenbock dient, um ihre   unspezifischen Beschwerden zu erklären. „Das ist  auch der Punkt, an dem Kritiker  einhaken und sagen, es sei nur  Einbildung. Wobei man bei einzelnen Parametern   schon eine  Erklärungen finden kann: Wird es  etwa  plötzlich sehr warm, erweitern sich die  Blutgefäße, der Blutdruck sinkt.  Das kann   Dinge wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Abgespanntheit hervorrufen.  Gleiches gilt im umgekehrten Fall:  Wird es massiv kälter,   ziehen sich die Blutgefäße zusammen, der Blutdruck steigt akut an. Interessanterweise sind die   Symptome sehr ähnlich:  Kopfschmerzen, Müdigkeit,  Schwindel.“

 

Warm anziehen

Ein großer Faktor, der den Organismus auf die Probe stellt, ist wohl der  plötzlich auftretende Luftmassenwechsel, bei dem sich Temperatur, Luftfeuchte und Luftdruck ändern: „Da treffen viele  Parameter aufeinander“, so Csekits. „Für den Körper bedeutet das eine  Umstellung bzw. eine Störung des Wohlbefindens.“ Wobei einen Beitrag zur Misere auch unser modernes, von klimatischen Verhältnissen gut geschütztes Leben zu leisten scheint. Im Alltag ist die Fähigkeit,  mit  Wetterveränderungen fertig zu werden, nicht mehr oft gefragt. Im Frühjahr kommt es dann aber gleich doppelt dick.
Nach dem Winter gesellt sich  die Frühjahrsmüdigkeit hinzu:  „Die Tage werden länger. Das Mehr an Licht – eigentlich etwas Positives –  bringt den Hormonhaushalt  durcheinander“, so der Experte. „Betroffen sind das  Melatonin, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, und das Serotonin, das vor allem für den Gemütszustand und den Schlafrhythmus zuständig ist. Der Körper reagiert mit Abgespanntheit und Müdigkeit und braucht zwei bis drei Wochen, um sich umzustellen.“ Dass viele weit länger  über  Erschöpfung  klagen, könnte daran liegen, dass das Wetter ebenfalls seinen Tribut zollt. „Heuer zum Beispiel sind wir vom  Spätwinter direkt in den Frühsommer übergegangen. Der starke   Temperatursprung wirkt zusätzlich auf den Kreislauf“, so Csekits.  Die Umstellung kann sich dann über Wochen und Monate ziehen.
   
 

Wetterfrosch

Wetterfühligkeit scheint auch ein Problem des älteren Menschen zu sein“, so der Experte. „Er hat oft Probleme mit der Schlaflänge und -intensität. Das   wirkt sich auf den Organismus aus, setzt ihn unter Stress, macht ihn anfälliger.“ Ähnliches ist bei  Pubertierenden  feststellbar, die   lange in die Nacht hineinarbeiten – oder feiern: „Vorübergehend spüren sie dann das Wetter stärker.“ Und noch eine Gruppe muss sich abfinden, für eine Weile, im übertragenen Sinn,  im Regen zu stehen: „Bei Frauen in der Menopause stellt sich  der  Hormonhaushalt um. Da besteht   ein  Zusammenhang zur Wetterfühligkeit, der nicht von der Hand zu weisen ist.“
Eine mögliche Erklärung, warum manche im Vorfeld  empfindlich reagieren, findet Csekits in elektromagnetischen Wellen: „Sie bewegen sich sehr schnell und können deutlich vor dem Wetterphänomen auftreten – etwa   bei  gewitterträchtigen Lagen im Sommer mit sehr viel Hitze und hoher Feuchte. Das nachzuweisen ist aber sehr schwierig.“   Worauf  der ZAMG-Experte     besonderen  Wert legt, ist die Unterscheidung zwischen   Wetterfühligkeit und Wetterempfindlichkeit.  Zur zweiten Gruppe zählen Personen mit einer Grunderkrankung –  etwa  Herz- und-Kreislauf-, Asthma- oder Rheumapatienten. Hier verstärken sich die  bestehenden Beschwerden bei einer   Wetteränderung.  Soll der   Körper gegenüber Wetterphänomenen widerstandsfähiger gemacht werden,  ist diese  Trennung  wichtig. Denn während   Wetterfühlige mehrere Optionen  haben (siehe Kasten auf Seite 16), sollten Menschen mit Erkrankungen vorsichtig sein und zuvor ihren  Arzt kontaktieren. „Der Körper könnte  durch die Maßnahmen zusätzlich geschwächt werden“, warnt  Csekits. „So sollten Patienten mit sehr niedrigem Blutdruck  nicht bei der größten Hitze hinausgehen, um sich abzuhärten.  Schlimmstenfalls endet das im   Kreislaufkollaps.“ Für alle anderen gilt: Hinaus ins Freie und Wind und Wetter trotzen!

So machen Wetterfühlige einen Sprung vorwärts

Die Widerstandskraft  des Körpers gegenüber äußeren Reizen  kann  trainiert werden. Diese Maßnahmen können  bei Wetterfühligkeit helfen:

  1. Kalt-warm
    Regelmäßige Kneippkuren und  Saunagänge  bereiten den Körper auf  starke Temperaturschwankungen im Wetter vor. Durchblutung, Kreislauf und Immunsystem profitieren.
  2.  Raus aus dem Raum
     Klimaanlagen, die im Büro rund um die Uhr laufen, machen den Organismus träge. Das Rezept dagegen: Geräte öfters mal ausschalten, Pausen machen und hinausgehen, um den Körper an die klimatischen Verhältnisse im Freien zu gewöhnen. Im Prinzip gilt: Selbst Regen oder fallende Temperaturen stellen kein Hindernis für einen Spaziergang dar. Eine Ausnahme davon sind  Gewitter und dergleichen.
  3. Fitness steigern
    Wer schon vor der Haustür steht (siehe Tipp 2),  integriert regelmäßige Bewegung in den Alltag. Je größer die Fitness, desto besser reagiert der Körper auf veränderte Gegebenheiten.  Ideal sind Ausdauersportarten wie  Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking. Durch den Sprung ins Wasser lehrt Schwimmen zudem dem Organismus, auf  veränderte Außenreize zu reagieren. Übertreiben darf man es nicht:  Der Körper soll  gestärkt, nicht geschwächt werden.
  4. Gesunder Tag-Nacht-Rhythmus
    Ausreichender Schlaf kann Wetterfühligkeit lindern, daher ist es gut, auf fixe Schlafzeiten zu achten. Wer  untertags ein  Mittagsschläfchen einlegt, sollte sich nicht mehr als eine halbe Stunde gönnen. Mehr zum Thema guter Schlaf von Seite 6 bis 11.
  5. Wettertagebuch
    Bringt man Beschwerden mit dem Wetter in Verbindung, kann ein Tagebuch Aufklärung bringen. Zeitpunkt, Art und Stärke der  Probleme werden dabei  notiert. Eine tägliche Eingabe ist nicht erforderlich. Dem Arzt bzw. Medizinmeteorologen  geben die Aufzeichnungen  Aufschluss, ob ein Zusammenhang mit dem Wetter besteht – oder  gar eine noch nicht diagnostizierte Grunderkrankung dahintersteckt.