Was das Hantavirus und Covid-19 unterscheidet
Ein evakuierter Passagier im Schutzanzug formt ein Herz aus einem Bus heraus.
Alle Passagiere der „MV Hondius“ sind mittlerweile in ihren Heimatländern zurück. Sie stehen unter häuslicher Quarantäne. Denn aufgrund der langen Zeitspanne von einer Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit könnte die Fallzahl noch weiter steigen. Insgesamt 11 Fälle gelten als Hantavirus-Verdachts- oder bestätigte Fälle, darunter drei Tote.
„Alle elf Fälle traten bei Passagieren oder Besatzungsmitgliedern des Schiffs auf“, teilte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus mit. In den Niederlanden sind zudem 12 Krankenhausmitarbeitende vorsorglich für sechs Wochen in Quarantäne, die „unzureichend geschützten Kontakt“ mit einer infizierten Person hatten. „Die ersten Augenblicke der Krankheit sind die Phase, in der die Ansteckungsfähigkeit am höchsten ist“, sagte WHO-Experte Olivier Le Polain. Es dürfe bei der Isolierung möglicher Kontaktpersonen deshalb nicht gewartet werden, bis erste Symptome auftreten.
Obwohl es deutliche Unterschiede gibt, fühlen sich viele an den Beginn der Covid-Pandemie erinnert. Auch hier waren zunächst wenige Menschen erkrankt, doch das Virus verbreitete sich plötzlich rasch. Experten betonen jedoch, dass eine weitere Ausbreitung oder gar eine Pandemie nicht zu befürchten seien. „Mit den Informationen, die wir jetzt haben, gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Zudem waren auch keine Österreicher an Bord des Schiffes und auch keine Menschen, die irgendeinen Zusammenhang mit Österreich haben“, sagt Lamiss Mejdoubi, Fachärztin für klinische Mikrobiologie und Hygiene am Hanusch-Krankenhaus der ÖGK.
Am Mittwoch wurde jedoch bekannt, dass ein Österreicher mit einer mit dem Hantavirus infizierten Person in einem Flugzeug war und gilt nun als Niedrigrisiko-Kontaktperson. Der Mann habe keine Symptome, laut dem aktuellen Wissensstand ist eine tatsächliche Ansteckung äußerst unwahrscheinlich, wurde betont. Der Mann wurde angewiesen, sich bei Symptomen sofort zu melden und Großveranstaltungen sowie medizinische Einrichtungen zu meiden.
Unterschiede zwischen Sars-CoV-2 und dem Andes-Virus
Die beiden Viren – SARS-CoV-2 und das Andes-Virus, jene Hantavirus-Variante, die auf dem Kreuzfahrtschiff nachgewiesen wurde, – unterscheiden sich deutlich, so Medjdoubi. „Das Andes-Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar, was besorgniserregend ist. Aber es ist kein Vergleich zur Übertragung von SARS-CoV-2, die deutlich leichter erfolgt“, erklärt die Medizinerin.
SARS‑CoV‑2 wird hauptsächlich über Tröpfchen und Aerosole beim Sprechen, Husten oder Atmen übertragen und ist dadurch sehr leicht ansteckend. Das Andes‑Virus wird hingegen in der Regel durch den Kontakt mit Ausscheidungen infizierter Nagetiere weitergegeben, etwa durch das Einatmen von kontaminiertem Staub. Die Mensch‑zu‑Mensch‑Übertragung des Andes-Virus ist zwar möglich, aber begrenzt, das heißt selten und meist nur bei engem Kontakt. Ein kurzer Kontakt, etwa Sitzen im selben Raum, reicht nach bisherigen Daten nicht aus, um sich zu infizieren.
Kreuzfahrtschiff: "Sehr viele Menschen auf sehr engem Raum"
Dass sich das Virus auf dem Kreuzfahrtschiff dennoch verbreiten konnte, hänge mit der besonderen Situation zusammen. Mejdoubi: „Auf einem solchen Schiff sind sehr viele Menschen auf sehr engem Raum in einem geschlossenen Ökosystem unterwegs. Die Gefahr von Ausbrüchen unterschiedlicher Erkrankungen ist dadurch höher als in anderen Kontexten. Das medizinische Personal an Bord ist dafür vorbereitet und ausgebildet, dass es zu solchen Situationen kommen kann.“
Angst vor Reisen, auch auf Kreuzfahrtschiffen, brauche man aber nicht zu haben. „Es ist höchst ungewöhnlich, was an Bord des Schiffes passiert ist und es ist nicht davon auszugehen, dass sich das so schnell wiederholen wird. Eine normale Handhygiene und das Einhalten von Hygieneprotokollen am Schiff trägt dazu bei, die Verbreitung von Keimen zu reduzieren“, sagt Mejdoubi.
Sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe
Hinsichtlich des Krankheitsbildes unterscheiden sich SARS-CoV-2 und das Andes-Virus deutlich: Covid‑19 zeigt ein sehr breites Spektrum an Verläufen, von völlig symptomlosen Infektionen über grippeähnliche Beschwerden bis hin zu schweren Lungenentzündungen, Multiorganversagen und Langzeitfolgen wie Long Covid. Eine Infektion mit dem Andes‑Virus führt meist zum sogenannten Hantavirus-Lungen-Syndrom (HPS). Dieses beginnt oft mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Muskel‑ und Kopfschmerzen, kann sich aber rasch zu schwerer Atemnot, Lungenödemen und Herz‑Kreislauf‑Versagen entwickeln und verläuft häufig lebensbedrohlich.
Die Sterblichkeit ist ein weiterer wichtiger Unterschied: Während die Sterblichkeitsrate von Covid‑19 stark von Alter, Vorerkrankungen, Virusvariante und medizinischer Versorgung abhängt und insgesamt im niedrigen Prozentbereich liegt, ist die Sterblichkeit beim Andes‑Virus deutlich höher und liegt bei etwa 30 bis 40 Prozent. „Das Andes-Virus benötigt allerdings seinen Wirt, die Reisratte, die es in Europa nicht gibt. Ohne den Wirt kann sich das Virus nicht etablieren“, so Mejdoubi.
Die in Österreich vorkommende Hantavirus-Variante, das Puumala-Virus, ist deutlich weniger gefährlich – weniger als ein Prozent der Infektionen führt zum Tod. Auch sie benötigt den Wirt, das ist in Österreich die Rötelmaus, über deren Ausscheidungen eine Ansteckung möglich ist.
Keine Medikamente und Impfstoffe
Gegen Covid‑19 stehen heute mehrere wirksame Impfstoffe sowie antivirale Medikamente zur Verfügung, und es existieren inzwischen umfangreiche Erfahrungen in der Behandlung. Für das Andes‑Virus gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff und keine spezifische antivirale Therapie, die Behandlung beschränkt sich auf intensivmedizinische Unterstützung.
Anders als das Covid-19-Virus in seiner Anfangszeit ist das Andes-Virus, jene Hantavirus-Variante, die auf dem Kreuzfahrtschiff nachgewiesen wurde, aber seit den 1990er Jahren bekannt. In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder einzelne, kleine lokale Ausbrüche in Südamerika – das Virus zirkuliert vor allem in Argentinien und Chile –, die jedoch alle rasch abebbten und nur wenige Dutzend Menschen infizierten. Außerhalb der beiden Länder kommt es normalerweise extrem selten zu Infektionen, wenn dann sind diese mit Reisen verbunden.
Niederländer wahrscheinlich Patient Null
Die WHO geht davon aus, dass der Ausbruch des Andes-Virus auf ein niederländisches Ehepaar zurückgeht, das am 1. April an Bord des Kreuzfahrtschiffes ging. Der Mann ist vermutlich der Patient Null und dürfte sich bereits vor dem Ablegen des Schiffes am Festland infiziert haben. Er entwickelte wenige Tage später Fieber, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Durchfall. Am 11. April verstarb er am Schiff. Seine Frau, die seinen Körper nachhause begleitete, verstarb wenige Tage darauf.
„Die Behörden haben sehr schnell agiert und ich gehe davon aus, dass durch die Maßnahmen eine weitere Verbreitung des Virus eingedämmt wird. Es kann sein, dass aufgrund der langen Inkubationszeit weitere Menschen erkranken, aber ich rechne nicht damit, dass es weitere Mensch-zu-Mensch-Übertragungen geben wird“, erklärt Mejdoubi. Alle von Bord gebrachten Passagiere befinden sich in Quarantäne – das sei laut WHO notwendig, um das Risiko weiterer Übertragungen auf ein Minimum zu reduzieren. Die Überwachung laufe bis zum 21. Juni und betrifft rund 150 Menschen aus 23 Ländern. Sie werden engmaschig auf Symptome überwacht.
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