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Wissen Gesundheit
08/31/2020

Coronavirus: Welche Impfungen jetzt noch wichtig sind

Masern, Pneumokokken, Keuchhusten: Covid-19 ist nicht die einzige Gefahr. Experten empfehlen hohe Durchimpfungsraten.

Die Covid-19-Pandemie mit noch gar nicht vorhandener sch√ľtzender Vakzine darf nicht den Blick darauf verstellen, dass in √Ėsterreich gro√üe Impfl√ľcken insgesamt bestehen. Jetzt w√§re die richtige Zeit, Defizite bei den Kinder-Schutzimpfungen, bei Influenza, Pneumokokken, Keuchhusten etc. generell zu beseitigen, hie√ü es Montag bei einem Gespr√§ch der √Ėsterreichischen Plattform Patientensicherheit in Wien.

"Man darf die Errungenschaften der Schutzimpfungen nicht vernachl√§ssigen. Wir haben (im Mai 2019; Anm.) eine allgemeine Impfpflicht f√ľr Infektionskrankheiten, die schwere Folgen haben k√∂nnen, empfohlen", sagte Christiane Druml, Vorsitzende der √∂sterreichischen Bioethikkommission. Bereits 2014 habe das Gremium auf die Probleme mit den Schutzimpfungen in √Ėsterreich hingewiesen, 2015 die Verantwortung der Besch√§ftigten im Gesundheitswesen betont.

2019 h√§tte man - "eine Woche vor 'Ibiza'" - schlie√ülich mit Bezug auf die zu geringe Durchimpfungsrate bei den Masern und mit Hinblick auf Daten, wonach in √Ėsterreich rund 80.000 Kinder ohne s√§mtliche Impfungen lebten, die Empfehlung f√ľr eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Das sei aber im damaligen politischen Wirbel gr√∂√ütenteils der Aufmerksamkeit der √Ėffentlichkeit entgangen.

Keine Impfpflicht

"Wir sind nicht f√ľr eine generelle Impfpflicht. Bis dahin w√§re noch viel zu tun", sagte Brigitte Ettl, Pr√§sidentin der √Ėsterreichischen Plattform Patientensicherheit. Die √Ąrztin, die im Wiener Gesundheitsverbund seit vielen Jahren leitende Funktionen einnimmt: "So sollte die Information verbessert werden. Menschen, die sich f√ľr die T√§tigkeit in Gesundheitsberufen interessieren oder in Gesundheitsberufen besch√§ftigt sind, sollten bei Eintritt und auch w√§hrend ihrer T√§tigkeit auf den bestehenden Impfschutz √ľberpr√ľft werden. Es gibt ja auch eine Empfehlung der WHO, dass jeder Arzt-Patienten-Kontakt zur √úberpr√ľfung des Impfschutzes benutzt werden sollte."

In √Ėsterreich bestehen bei den Schutzimpfungen insgesamt weiterhin erhebliche M√§ngel auf vielen Ebenen. Ursula Wiedermann-Schmidt, Vakzinologin an der MedUni Wien: "Die Influenza-Impfung ist da ein Schlusslicht. Da sind wir immer bei weniger als zehn Prozent Durchimpfungsraten gelegen. Bei den Kinderimpfungen haben wir bei der ersten Sechsfach-Impfung eine relativ gute Akzeptanz. Bei der zweiten Masern-Mumps-R√∂teln-Impfung liegen wir weit unter der erforderlichen Durchimpfungssrate von 95 Prozent."

Aufholbedarf

Influenza, Masern, Keuchhusten, Pneumokokken - das sind Bereiche, in denen √Ėsterreich bei den Immunisierungen - mit oder ohne Covid-19 - in vielen Bev√∂lkerungs- und Altersgruppen deutlich aufzuholen h√§tte. "Das ist jetzt eine Chance, dass man die Wichtigkeit der Impfungen generell wieder mehr erkennt und sich nicht nur auf Covid-19 konzentriert", erkl√§rte die Expertin. "Man hat ja gesehen, dass vor allem bei den Kindern gro√üe Impfl√ľcken entstanden sind, weil man (mit dem Lockdown; Anm.) pl√∂tzlich nicht mehr zum Arzt gegangen ist."

Eine Fixierung auf potenziell sch√ľtzende SARS-CoV-2- bzw. Covid-19-Impfstoffe ist derzeit umso absurder, als es √ľberhaupt noch keinen absehbaren Zeitpunkt f√ľr eine Erh√§ltlichkeit solcher Vakzine gibt. Ursula Wiedermann-Schmidt: "Man wird vielleicht im Fr√ľhjahr n√§chsten Jahres die ersten Zulassungsverfahren abgeschlossen haben. Es ist zu erwarten, dass es ein, zwei oder drei Produkte gleichzeitig geben wird. Man geht aber nicht davon aus, dass wir in der Lage sein werden, ein Konzept gleich f√ľr die gesamte Bev√∂lkerung zu haben."

Selbst wenn die ersten SARS-CoV-2-Impfstoffe auf den Markt kommen, bei erwartungsgem√§√ü notwendigen zwei Teilimpfungen bedeutet das weltweit einen riesigen Produktionsbedarf. Au√üerdem muss in den laufenden klinischen Studien der Phase III (Wirksamkeit, Sicherheit; Anm.) auch erst gekl√§rt werden, wie hoch der Schutzeffekt √ľber alle Altersgruppen hinweg ist.

Covid-Impfkampagne

Laut der Wiener Vakzinologin werden derzeit von der deutschen Impfkommission STIKO und - daran angelehnt - auch vom √∂sterreichischen nationalen Impfgremium Modelle f√ľr eine Covid-19-Impfkampagne entwickelt. "Dann wird es zu einer Priorisierung kommen. Das werden √§ltere Menschen und Risikopersonen sein. Zweitens Angeh√∂rige des Gesundheits- und Pflegepersonals (Altenbetreuer; Anm.), ebenso Besch√§ftigte in sozialen Einrichtungen."

Die Sicherheitsaspekte rund um eine allf√§llige Covid-19-Impfung m√ľssten jedenfalls penibel beachtet werden, betonte Christiane Druml: "Das einzige, was zu beschleunigen ist, sind die administrativen Abl√§ufe." Hier k√∂nnen die Arzneimittel-Zulassungsbeh√∂rden viel helfen. Das darf aber nicht auf Kosten der Qualit√§t der klinischen Studien mit Kandidat-Vakzinen gehen.

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