Vom ersten Schrei bis ins hohe Alter: Wie man in Bewegung bleibt
Beweglichkeit ist kein statischer Begriff – sie verändert ihre Bedeutung im Laufe des Lebens immer wieder. Während sie bei einem Baby vor allem die Bereitschaft beschreibt, sich einer zunächst unbekannten Welt zuzuwenden, steht sie in späteren Lebensphasen für Selbstständigkeit, die Suche nach Identität, das Tragen von Verantwortung oder die Fähigkeit, trotz Verlusten und Einschränkungen aktiv am Leben teilzunehmen. „Entwicklung vollzieht sich dabei nicht geradlinig, sondern in Form immer neuer Bewegungen nach außen in die Welt und nach innen zu sich selbst. „Bewegung bedeutet nicht nur körperliche Aktivität, sondern auch die Bereitschaft, sich auf Erfahrungen, Beziehungen und die Herausforderungen des Lebens zuzubewegen“, erklärt Mag. Hiina Kanna Smyth, Psychotherapeutin am Institut Wiener Couch. Jede Entwicklungsphase stellt dabei andere Anforderungen und damit auch andere Fragen an unsere physische, mentale und psychische Beweglichkeit.
Die Neugier der Kleinen
Am Anfang des Lebens steht die Frage nach Sicherheit. Babys kommen mit einer natürlichen Neugier auf die Welt, gleichzeitig sind sie vollständig auf andere Menschen angewiesen. Bevor sie die Welt erkunden können, müssen sie erleben, dass diese Welt verlässlich genug ist, um sich ihr zuzuwenden. Entwicklung bedeutet in dieser Phase nicht Leistung, sondern Exploration. Feinfühlige Bezugspersonen helfen dem Kind dabei, innere Zustände wie Hunger, Müdigkeit, Angst oder Frustration zu verstehen und einzuordnen. „Dadurch entsteht Vertrauen: in andere Menschen und in die eigene Wahrnehmung“, sagt Smyth.
Mit dem Kleinkindalter verschiebt sich der Fokus. Nun beginnt die Entwicklung von Autonomie. Kinder entdecken, dass sie eigenständige Menschen mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen sind. Die berühmte Trotzphase ist deshalb weit mehr als ein Erziehungsproblem. Sie markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt, in dem Kinder beginnen, ihre eigene Richtung zu finden. Das häufige „Nein“ ist Ausdruck des Bedürfnisses, selbst zu entscheiden und Einfluss auf die eigene Umwelt zu nehmen. „Beweglichkeit bedeutet in dieser Lebensphase, die Welt aktiv mitzugestalten, auszuprobieren, Fehler zu machen und die Erfahrung zu sammeln: Ich kann etwas bewirken“, betont die Psychotherapeutin.
Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen und Individualpsychologie. wienercouch.at
Vom Schulkind zum Jugendlichen
Mit dem Eintritt in die Schule wird die Welt größer und komplexer. Neben der Familie gewinnen Gleichaltrige, Lehrpersonen und soziale Regeln an Bedeutung. Kinder beginnen nun, ihren Platz in einer größeren Gemeinschaft zu suchen. Gleichzeitig erleben sie zum ersten Mal regelmäßig Vergleiche, Leistungsbewertungen, Enttäuschungen oder Zurückweisungen. „Wer Neues ausprobiert, macht Fehler. Wer sich zeigt, macht sich verletzlich. Wer auf andere zugeht, kann abgelehnt werden. Beweglichkeit bedeutet in dieser Phase deshalb nicht, unangenehme Gefühle zu vermeiden, sondern trotz Unsicherheit, Frustration oder Misserfolgen neugierig zu bleiben und den Mut zu behalten, sich weiterhin auf die Welt zuzubewegen“, sagt Smyth.
Besonders deutlich wird diese Herausforderung während der Pubertät. Jugendliche bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Individualität, Freiheit und Sicherheit, Nähe und Abgrenzung. Die Welt wird komplexer, einfache Antworten reichen nicht mehr aus. Während Kinder vor allem lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, besteht die Entwicklungsaufgabe Jugendlicher zunehmend darin, Widersprüche auszuhalten. „Jugendliche müssen lernen, dass viele wichtige Fragen nicht sofort beantwortet werden können“, sagt Smyth. Gleichzeitig verändert sich der Körper rasant, Gefühle werden intensiver, und die Suche nach der eigenen Identität gewinnt an Bedeutung. Gerade deshalb wird körperliche Bewegung in dieser Lebensphase zu einer wichtigen Ressource. Sport, Tanz, Aktivitäten in der Natur oder gemeinsame Herausforderungen schaffen nicht nur körperlichen Ausgleich, sondern vermitteln Selbstwirksamkeit, Orientierung und Gemeinschaft. Sie helfen Jugendlichen dabei, sich als handlungsfähige Menschen zu erleben und den oft überwältigenden inneren Prozessen etwas entgegenzusetzen.
In Bewegung bleiben – ein Leben lang
Auch im Erwachsenenalter bleibt Beweglichkeit eine zentrale Entwicklungsaufgabe. Im frühen Erwachsenenalter richtet sich der Blick zunehmend auf die Gestaltung des eigenen Lebenswegs. Fragen nach Beruf, Partnerschaft, Lebensstil und Zukunftsplänen treten in den Vordergrund. Viele Menschen erleben diese Phase als Zeit des Suchens und Ausprobierens. Entwicklungspsychologen sprechen hier vom sogenannten Moratorium – einer Phase, in der unterschiedliche Wege erkundet werden können, bevor langfristige Entscheidungen getroffen werden. Beweglichkeit bedeutet in dieser Lebensphase, Erfahrungen zu sammeln, Umwege zuzulassen und den Mut zur Kurskorrektur zu behalten. Entwicklung entsteht nicht dadurch, den perfekten Weg sofort zu finden, sondern durch die Bereitschaft, verschiedene Möglichkeiten ernsthaft zu erproben.
Mit zunehmendem Alter und wachsender Verantwortung verändert sich die Bedeutung von Bewegung erneut. Viele Menschen erleben die Lebensmitte als Phase, in der nicht mehr alle Möglichkeiten offenstehen. Entscheidungen wurden getroffen, Beziehungen aufgebaut, berufliche und familiäre Verpflichtungen übernommen. Die Herausforderung besteht nun oft weniger darin, ständig neue Wege zu suchen, sondern die gewählten Wege bewusst zu gestalten. Wachstum zeigt sich in dieser Lebensphase häufig nicht durch radikale Veränderungen, sondern durch Ausdauer, Anpassungsfähigkeit und Resilienz. Beweglich bleibt, wer neugierig auf das bleibt, was sich innerhalb bestehender Beziehungen, Aufgaben und Lebensentwürfe noch entwickeln kann.
Alltag schaffen im Ruhestand
Mit dem Eintritt in die Pension verschieben sich die Koordinaten des Alltags erneut. Arbeit und andere äußere Verpflichtungen treten in den Hintergrund, viele vertraute Strukturen verändern sich. Für manche Menschen bedeutet das zunächst einen Verlust von Orientierung, für andere eröffnet sich ein neuer Freiraum. „Die zentrale Frage lautet nun nicht mehr, was von mir erwartet wird, sondern wofür ich meine Zeit und Energie einsetzen möchte“, beschreibt Smyth diese Lebensphase.
Sinn entsteht nun weniger durch Verpflichtungen als durch bewusste Entscheidungen. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, pflegen soziale Beziehungen intensiver, widmen sich kreativen Projekten oder geben Wissen und Erfahrungen weiter. Beweglichkeit bedeutet hier, weiterhin aktiv auf Menschen, Interessen und Gemeinschaften zuzugehen und dem eigenen Leben bewusst Richtung zu geben.
Beweglich im hohen Alter
Im hohen Alter schließlich verändert sich die Bedeutung von Bewegung ein weiteres Mal. Körperliche Einschränkungen, gesundheitliche Herausforderungen oder Verlusterfahrungen können den Handlungsspielraum verkleinern. „Dennoch bleibt das Bedürfnis bestehen, Teil des eigenen Lebens zu sein und Einfluss auf die eigene Welt zu nehmen. Unterstützung bedeutet deshalb häufig nicht, Aufgaben einfach zu übernehmen, sondern Möglichkeiten zur Teilhabe zu schaffen“, sagt Smyth. Ein Mensch, der sein Leben lang gerne gekocht, gearbeitet oder sich um andere gekümmert hat, möchte oft auch im hohen Alter an diesen vertrauten Tätigkeiten beteiligt bleiben. Beweglichkeit zeigt sich dann weniger in Geschwindigkeit oder Leistungsfähigkeit als in der Fähigkeit, weiterhin Beziehungen zu pflegen, Interessen nachzugehen und sich auf das Leben zuzubewegen.
Generell betrachtet, beschreibt Beweglichkeit laut der Expertin also die Fähigkeit des Menschen, sich immer wieder auf neue Lebensaufgaben einzulassen, Herausforderungen zu bewältigen und mit der Welt in Beziehung zu bleiben. „Entwicklung entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich zu bewegen – körperlich, emotional und gedanklich. Lebendigkeit zeigt sich nicht darin, niemals stehen zu bleiben, sondern darin, sich immer wieder neu auf das Leben zuzubewegen.“
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