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Der Satz, der uns alt und unbeweglich macht: „Ich bin halt so“

Beweglichkeit heißt mehr, als den Körper zu trainieren. Auch das Gehirn braucht neue Reize, um anpassungsfähig zu bleiben – die Neurowissenschaft nennt das Neuroplastizität.
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Luise Sommer sieht sofort einen Weg vor sich, wenn sie das Wort beweglich hört. Einen Weg, auf dem man unterwegs ist, neugierig auf das, was daherkommt. Sie ist neugierig auf die Welt, 71 Jahre alt, Gedächtnisweltmeisterin, Vortragende, Großmutter, Skifahrerin, Hula-Hoop-Übende, Treppensteigerin aus Prinzip. 

Und sie hat beschlossen, noch einmal bei einer Gedächtnis-Weltmeisterschaft anzutreten: Im Dezember will sie in Ho-Chi-Minh-Stadt wieder Karten memorieren und Zahlenketten speichern. Eine Disziplin, die sie zehn Jahre lang nicht gebraucht hat und die deshalb, wie sie sagt, „komplett einrostet“.

Beweglichkeit ist für Sommer also nicht nur eine Frage von Gelenkigkeit und Ausdauer, sie beginnt im Kop und in der Haltung zum Leben. „Die Basis für Beweglichkeit heißt, dass ich bereit bin, immer wieder Neues dazuzulernen über die Welt, über das Leben und vor allem über mich selbst“, sagt sie. 

Körperlich hält sie sich mit unterschiedlichen Ritualen fit: Bauchmuskelübungen im Bett, Kniebeugen, Liegestütze, Balance, Treppen statt Lift. Nach einem Kreuzband- und Innenbandriss beim Skifahren trainierte sie sich hartnäckig zurück auf die Piste. Aber mindestens ebenso wichtig ist ihr innere Beweglichkeit. Es bedeutet, offen zu bleiben, Rückmeldungen zulassen, sich selbst nicht hinter folgendem Satz verstecken: „Ich bin halt so, ich werde mich sicher nicht mehr ändern.“

Beweglichkeit bedeutet Spielraum

Dieser Satz ist nämlich einer der größten Feinde eines bewegten Lebens. So harmlos er auch klingen mag, markiert er oft den Moment, in dem Menschen beginnen, sich einzubetonieren. Körperlich, mental, emotional. 

Beweglich zu bleiben heißt also nicht, bis ins hohe Alter jugendlich zu wirken, sondern einen gewissen Spielraum zu behalten: Also aufstehen zu können, wenn man gefallen ist; anders zu denken, wenn alte Lösungen nichts mehr bringen oder Gefühle wahrzunehmen, ohne ihnen automatisch ausgeliefert zu sein.

Die Neurowissenschaft liefert dafür ein Schlüsselwort: Neuroplastizität. Gemeint ist die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen, Lernen, Übung und Umweltreize zu verändern. 

Lange wurde das Gehirn des Erwachsenen eher als fertiges Organ verstanden, das irgendwann vor allem abbaut. Heute ist klar: Es kann sich lebenslang verändern. Nicht grenzenlos, nicht mühelos, nicht nach jedem coolen Motivations-Mantra – aber es bleibt anpassungsfähig. Diese Anpassungsfähigkeit verbindet körperliche, mentale und emotionale Beweglichkeit.

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Luise Sommer, 71: emotional, mental, körperlich immer in Bewegung

 „Die Basis für Beweglichkeit heißt, dass ich bereit bin, immer wieder Neues dazuzulernen über die Welt, über das Leben und vor allem über mich selbst.“

von Luise Sommer

Das Gehirn profitiert

Die Neurowissenschafterin und Buchautorin Dr. Manuela Macedonia forscht und schreibt über den Zusammenhang von Bewegung, Lernen, Gedächtnis und Gehirngesundheit. Ihre Bücher tragen Titel wie: „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“ oder „Wellness für das Gehirn“.

Sie beschreibt Bewegung nicht als klassisches Training für Muskeln und Gelenke. Sobald wir uns bewegen, profitiere auch das Gehirn, sagt sie. Muskelarbeit setzt Botenstoffe und Wachstumsfaktoren frei, die Nervenzellen schützen, ihre Vernetzung fördern und Lernprozesse unterstützen können. Zugleich verbessert Bewegung die Durchblutung des Gehirns. „Bewegung wirkt wie ein biologisches Wartungsprogramm für unser Denkorgan“, formuliert sie.

Ein besonders oft untersuchter Faktor in diesem Zusammenhang ist BDNF, der „brain-derived neurotrophic factor“. Man kann diesen Nervenwachstumsfaktor vereinfacht als eine Art Unterstützungsstoff für die Nervenzellen beschreiben, deshalb wird er oft als „Dünger fürs Gehirn“ bezeichnet. 

Er hilft, Nervenzellen zu schützen, Verbindungen zu stärken und Lernprozesse zu ermöglichen. Einer der stärksten Auslöser für eine BDNF-Ausschüttung im Gehirn ist intensives Bewegen. So werden biologische Bedingungen geschaffen, unter denen das Gehirn besser anpassungsfähig bleibt.

Alltägliche Bewegungen

Es muss gar nicht immer die große Sporteinheit sein. Wie stark bereits Alltagsbewegungen das Befinden verändern können, zeigt eine aktuelle Meta-Analyse in Nature Human Behaviour. Forschende bündelten 67 Datensätze aus 14 Ländern: mehr als 8.200 Personen, über 321.000 Smartphone-Angaben zum Befinden und fast eine Million Stunden objektiv gemessener Bewegung. 

Das Ergebnis: Wer sich im Alltag mehr bewegt als üblich, fühlt sich danach energiegeladener, wacher und positiver. Umgekehrt bewegen sich Menschen auch eher, wenn sie sich bereits besser oder aktivierter fühlen. Am stärksten war der Zusammenhang mit dem Gefühl von Energie. Ruhe nahm dagegen eher ab, was plausibel ist: Bewegung macht aktiv, nicht zwingend entspannt.

Dabei reicht es nicht, Bewegung nur als Ausdauertraining zu verstehen. Macedonia hält eine Kombination aus Ausdauer und Kraft ideal. Gehen, Wandern, Laufen, Radfahren oder Tanzen regen die Durchblutung und Wachstumsfaktoren an.

Krafttraining wiederum kann helfen, die Stresssysteme zu regulieren. Im Alter wird Kraft zu einer Frage von Freiheit: Es geht also darum, eine Tasche zu tragen, vom Sessel aufzustehen, eine Stiege bewältigen, einen Sturz abfangen zu können. All das braucht Kraft, Balance und eine gewisse Reichweite an Bewegungen.

Doch der Körper sollte nicht nur stark sein, er soll insgesamt flexibel bleiben. Muskeln, Sehnen, Faszien und Gelenke brauchen ein Maß an Beweglichkeit, sonst wird aus Stärke schnell Steifheit. Ab einem gewissen Alter zählt also auch die Frage: Komme ich noch in die Hocke? Kann ich mich drehen? Kann ich vom Boden aufstehen? Solche Aspekte messen Beweglichkeit oft besser als das Bild jugendlicher Gelenkigkeit.

Luise Sommer beschreibt stolz, wie es ist, mit Rucksack, Tasche und Scooter unterwegs zu sein und dabei sogar noch den Kinderwagen zu schieben. Sie versteht Beweglichkeit nicht als Akrobatik, sondern eher, im Alltag gut zurechtzukommen.

Auch diverse Studien legen nahe, dass körperliche Beweglichkeit mehr ist als nur eine praktische Zugabe. In einer prospektiven Kohortenstudie, erschienen im Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, wurde die Flexibilität von mehr als 3.000 Menschen mittleren Alters mit Hilfe eines standardisierten Beweglichkeitstests erhoben. 

Das Ergebnis: Personen mit geringerer Flexibilität hatten im Beobachtungszeitraum ein höheres Sterblichkeitsrisiko. Das heißt nicht, dass das Dehnen allein das Leben verlängern kann, viel wahrscheinlicher ist, dass Beweglichkeit einen Teil jener körperlichen Reserve bedeutet, die im Alltag oft unterschätzt wird. 

Praktisch bedeutet das: Wer sich gut bücken, drehen, aufrichten, abfangen und aufstehen kann, verfügt nicht nur über geschmeidigere Gelenke, sondern meist auch über mehr Kraft, Koordination und Körperkontrolle.

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Neurowissenschafterin Dr. Manuela Macedonia forscht und schreibt über den Zusammenhang von Bewegung, Lernen, Gedächtnis und Gehirngesundheit.

„Körper und Geist bilden eine Einheit. Ein leistungsfähiges Gehirn braucht einen aktiven Körper.“ 

von Dr. Manuela Macedonia, Neurowissenschafterin und Buchautorin

Tanzen als Rundum-Training

Tanzen scheint ein besonders gutes Bild für Beweglichkeit. Wer tanzt, macht nicht nur ein paar Schritte zu Musik, es ist viel komplexer: Der Körper muss die Balance halten, komplexe Schritte koordinieren, das Tempo immer wieder von Neuem wechseln. 

Das Gehirn hingegen muss Rhythmen erkennen, Bewegungsfolgen abspeichern, reagieren, korrigieren und sehr viel improvisieren. Zugleich ist Tanzen sozial und emotional: Man stimmt sich auf andere Menschen ein, lässt sich vom Partner führen oder übernimmt die Führung. Man erlebt Nähe, Fehler, Freude, manchmal auch ein wenig Unsicherheit.

Diese Mischung macht Tanz wissenschaftlich besonders interessant: Eine große Übersichtsarbeit zu Tanzinterventionen bei älteren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung oder Demenz, 2025 erschienen in BMC Geriatrics, fand Hinweise auf Verbesserungen bei der allgemeinen geistigen Leistungsfähigkeit und einzelnen kognitiven Bereichen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, psychomotorischer Geschwindigkeit und geistiger Flexibilität. Auch auf die Lebensqualität wirkte sich Tanzen aus, depressive Symptome und Angst wurden gemildert. Tanzen ist kein Wundermittel, aber ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie körperliche, mentale, emotionale und soziale Beweglichkeit ineinandergreifen.

Macedonia formuliert es so: „Körper und Geist bilden eine Einheit. Ein leistungsfähiges Gehirn braucht einen aktiven Körper.“ Wer sich regelmäßig bewegt, schafft also nicht nur Kondition, sondern auch die biologische Voraussetzung dafür, dass das Gehirn gesund bleibt und seine Anpassungsfähigkeit behält.

Und die mentale Beweglichkeit?

Mentale Beweglichkeit folgt sehr ähnlichen Regeln: Aus neurowissenschaftlicher Sicht bedeutet diese, dass sich das Gehirn immer weider an neue Situationen anpassen, flexibel denken und ein Leben lang lernen kann. 

Geistige Herausforderungen halten die neuronalen Netze des Gehirns aktiv, betont Macedonia. Es hilft, eine Sprache zu lernen, ein Instrument zu spielen, komplexe Probleme zu lösen oder sich in ein unbekanntes Thema einzuarbeiten. Entscheidend ist dabei nicht die Tätigkeit an sich, sondern der Anspruch an sich selbst.  Ein paar Vokabeln zwischendurch oder gelegentliches Klimpern am Klavier reichen nicht. Wenn alles bequem bleibt, geht nichts weiter.

Das Gehirn verändert sich vor allem dann, wenn wir regelmäßig etwas tun, das Konzentration verlangt, uns fordert und gelegentlich an Grenzen bringt. „Es liebt Herausforderungen“, sagt Macedonia.

Das erklärt gut, warum Luise Sommers Kartentraining mehr ist als ein kurioser Ehrgeiz. Sie nimmt eine Fähigkeit, die zehn Jahre brachgelegen ist, und zwingt ihr Gehirn, wieder Strategien zu suchen, Tempo aufzubauen, alte Bahnen zu reaktivieren und neue Sicherheit zu gewinnen. 

Dabei erlaubt sie sich, dass das Training aufwendiger sein darf als früher. Was sie nicht akzeptiert, ist die Vorstellung, dass es nun vorbei sei. Sommer: „Für mich ist auch das mentale Beweglichkeit: nicht zu behaupten, alles gehe immer gleich leicht, sondern zu prüfen, was noch möglich wird, wenn man wieder beginnt.“

Deshalb hält Macedonia es auch für sinnvoll, über das Pensionsalter hinaus geistig aktiv zu bleiben: durch berufliche Tätigkeiten, ehrenamtliches Engagement, anspruchsvolle Projekte oder andere Aufgaben, die Verantwortung und Aufmerksamkeit verlangen. Das Gehirn bleibt nicht jung, weil es geschont wird, es bleibt nur beweglich, wenn es gebraucht wird.

Emotionale Beweglichkeit

Auf der emotionalen Ebene kann Beweglichkeit mitunter durchaus fordernd sein. „Es ist viel bequemer, besserwisserisch zu werden und sich nur noch auf die eigene Lebenserfahrung zu berufen, statt offen für Neues zu bleiben“, sagt Sommer. Beweglich bleiben hingegen heißt, über sich selbst immer wieder dazuzulernen, Rückmeldungen zuzulassen und in die Beobachterrolle zu gehen.

Dafür gibt es den Begriff der „psychologischen Flexibilität“: Er meint die Fähigkeit, mit inneren Spannungen, Gefühlen und Veränderungen umgehen zu können, ohne in starren Mustern stecken zu bleiben. Angst ist dann nicht automatisch eine unüberwindbare Hürde, Kränkung kein Angriffsbefehl und etwaige Unsicherheit kein Grund, nicht neu zu beginnen. 

Studien zur „Acceptance and Commitment Therapy“ zeigen, dass diese Fähigkeit trainierbar ist und mit geringerer psychischer Belastung zusammenhängt. Auch hier wirkt das Prinzip der Wiederholung: Wer immer ausweicht, trainiert Ausweichen. Wer neue Reaktionen versucht, trainiert seinen Spielraum.

Race track

Es ist nie zu spät, beweglich zu bleiben.

Fazit: Es ist nie zu spät!

„Für positive Veränderungen ist es nie zu spät“, fasst Macedonia es zusammen. Zwar lerne man mit 70 nicht mehr genauso wie mit 20, aber die Fähigkeit des Gehirns, auf Erfahrung zu reagieren, bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Deshalb lohnt es sich in jedem Lebensalter, Bewegung, Lernen, soziale Beziehungen, aber auch Ruhe nicht als nebensächlich zu betrachten, sondern als Voraussetzung dafür, dass de Körper und das Gehirn anpassungsfähig bleiben können. 

Macedonia beschreibt, was das für den Alltag konkret bedeutet und wie man das umsetzen kann: den Körper täglich bewegen, das Gehirn regelmäßig fordern, Beziehungen pflegen und Ruhephasen zulassen. Bewegung muss nicht immer klassischer Sport sein; auch Gehen, Radfahren, Tanzen oder Gartenarbeit setzen Prozesse in Gang, die das Gehirn und die Psyche unterstützen. 

Geistige Beweglichkeit wiederum entsteht durch fordernde Aufgaben. Routine ist Gift. Ebenso wichtig sind soziale Kontakte, Gespräche, Nähe, aber auch Zeiten ohne dauernde Reize. Das Gehirn braucht nämlich beides: Reiz und Regeneration

Ein bewegliches Leben besteht aus zwei Säulen: Wiederholung und Neuheit. Wiederholung, damit sich Fähigkeiten festigen und Neuheit, damit das Gehirn gefordert wird. Auf der körperlichen Ebene heißt das: gehen, kräftigen, balancieren, tanzen, tragen, aufstehen. Mental wiederum geht es um lernen, üben, sich irren, nochmals beginnen. Und emotional? Ganz einfach: Man sollte nicht jede alte Reaktion für die einzig mögliche halten.

Die bewegliche Neurowissenschafterin

Macedonia lebt all das gerade selbst: Ende Mai hielt sie an der Waseda Universität in Tokio einen Vortrag über Bewegung und Gedächtnis für Sprache. Dann holte sie ihr Fahrrad ab, fuhr mit der Fähre rund 500 Kilometer in den Süden Japans und radelte mit Packtaschen durch das Land. Ohne E-Bike, zwischen 70 und 100 Kilometer pro Tag.

Für sie verbindet sich darin wissenschaftliche Theorie und gelebte Praxis. In Tokio sprach sie über das Gehirn, danach forderte sie es: körperlich durch die Distanzen, mental durch Orientierung und Sprache, emotional durch ihre Offenheit  für ein fremdes Land und dessen Bewohner. Ein Paradebeispiel für gelebte Beweglichkeit:  Nicht Immergleiches erleben, sondern stets unterwegs bleiben. "Auf einem Weg", wie Luise Sommer sagt. Und vor allem:  Mit großer Neugier auf das, was daherkommt.

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