PSA-Screening & Co: So soll die Medizin in Österreich werden
Die Gesundheitsversorgung soll stärker darauf aufgebaut werden, die Zahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen und den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern.
Der frühere Finanzminister und jetzige Präsident der Gesundheitsplattform Praevenire, Hans Jörg Schelling, hat es kürzlich selbst im Krankenhaus erlebt: „Der Papierakt wird täglich größer, und wenn du die Abteilung wechselst, fängt es wieder von vorne an.“ Schelling machte bei der Jahrespressekonferenz der Plattform auf die Herausforderungen im Gesundheitssystem aufmerksam. Eine Digitalisierungsstrategie werde helfen, Kosten zu sparen.
Schelling kritisiert, dass in der Öffentlichkeit „lauter einzelne Mosaiksteine“ diskutiert werden: zum Beispiel die Diskussion um Gastpatienten oder die künftige Zuständigkeit der Spitäler, seien es die Länder oder der Bund: „Wir verunsichern damit die Menschen.“
Einiges sei aber schon umgesetzt, etwa die Ausweitung des öffentlichen Impfprogramms um die Pneumokokken- und die Gürtelrose-Impfung – „sofern Impfstoff verfügbar ist“. Bei der Praevenire-Tagung diskutierten Fachleute über Herausforderungen in ihrem Bereich.
Generelle Versorgung:
„Ein wichtiges Ziel ist, die Primärversorgung auszubauen“, sagte Gesundheitsministerin Korinna Schumann per Videobotschaft. Eine entscheidende Rolle müsse die Prävention bekommen: „Ein modernes Gesundheitssystem darf sich nicht nur auf Behandlung konzentrieren, es muss auch Krankheit verhindern.“ Derzeit gibt es 112 Primärversorgungseinheiten, davon 14 für Kinder.
Sozialversicherung:
„Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit braucht es starke öffentliche Systeme“, sagte die Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, Claudia Neumayer-Stickler. Auch wenn die finanzielle Lage besonders bei der Krankenversicherung ernst sei, sei klar, „was keine Antwort sein darf: Leistungen kürzen, Selbstbehalte ausbauen oder bei den Einrichtungen der Sozialversicherungsträger zu sparen. Das würde die Probleme nicht lösen, sondern sie auf die Versicherten abwälzen.“
Frauengesundheit:
Oft angetrieben von Körperbildern in den sogenannten sozialen Medien stieg in den vergangenen Jahren die Nachfrage nach ästhetischen Eingriffen im Genitalbereich bei Frauen. Die Gynäkologin Petra Kohlberger, MedUni Wien, betonte die Bedeutung von Aufklärung, wann eine medizinische Notwendigkeit für einen Eingriff vorliegt und wann es sich um einen ästhetischen Eingriff handelt. „Frauen müssen ermächtigt werden, selbst zu sagen, was gut für sie ist, sie dürfen keinem Druck und Einfluss von außen ausgesetzt sein.“ Auch unrealistische Erwartungen müssen thematisiert werden.
Männergesundheit:
Für ein österreichweites organisiertes Prostatakarzinom-Screening – ähnlich dem Brustkrebs-Früherkennungsprogramm – sprach sich Shahrokh Shariat, Leiter der Urologie und des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien, aus. Dieses führe zu einer nachgewiesenen Reduktion der Sterblichkeit durch frühzeitige Tumor-Erkennung, sei kostengünstiger und sozial fairer als das derzeitige unstrukturierte Testen des PSA-Wertes.
„Dieses führt zu Überdiagnosen und es werden die falschen Männer getestet, hauptsächlich solche über 70 Jahren. Im Alter von 40 bis 70 hingegen erreichen wir derzeit nicht einmal 30 Prozent der Männer.“ Auch könnten viele MRT-Untersuchungen vermieden werden. „Die EU verlangt, dass wir das umsetzen. Österreich ist als einziges EU-Land säumig.“
Psychische Gesundheit:
„Die Depression ist in den Industrieländern unangefochten die Nummer eins bei der Krankheitslast“, sagte der Psychiater Georg Psota. „Psychische Erkrankungen sind keine Rarität und haben massive gesellschaftliche Folgen.“ Jahr für Jahr kommt es bei rund einem Viertel der Bevölkerung zu einer eine behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung.
Weil viele davon schon früh im Leben beginnen, wäre es wichtig, Angebote für die Psyche von Kindern ab dem Babyalter (einschließlich ihrer Eltern) und Jugendlichen deutlich auszubauen. Dies gelte auch für Angebote rund um die Schwangerschaft und Geburt.
Lungengesundheit:
„Rund 20 Prozent der Jugendlichen rauchen“, erläuterte Arschang Valipour, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Klinik Floridsdorf. Während das Zigarettenrauchen zurückgeht, nehme der Konsum von E-Zigaretten oder Nikotinbeuteln stark zu: „80 Prozent der Konsumenten greifen später auch zu Tabakzigaretten.“
Lungenerkrankungen zählen zu den häufigsten und zugleich am meistenunterschätzten Gesundheitsproblemen in Österreich, betonte Valipour. "Viele Erkrankungen werden zu spät diagnostiziert, gleichzeitig werden geschlechterspezifische Unterschiede - etwa bei COPD, Asthma oder Lungenkrebs - noch zu wenig berücksichtigt."
Gesundes Hören:
Für regelmäßige Hörtests über alle Altersgruppen tritt HNO-Facharzt Harald Schlögel, Präsident der Ärztekammer NÖ, ein. Hörgeräte müssen enttabuisiert werden.
Arbeitsmedizin:
„Die Chancen der Arbeitsmedizin werden vertan“, so Arbeitsmedizinerin Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank. Es gebe eine „extrem rigide Regelung“, was Arbeitsmedizinern erlaubt ist. „Sie dürfen z. B. eigentlich nur dann impfen, wenn sie eine Berufskrankheit verhindern – etwa einen Gärtner gegen FSME.“ Es bräuchte mehr Autonomie.
Tagesmedizin:
Von 2000 bis 2024 nahm die Zahl der tagesmedizinischen Behandlungen in Österreich um 26 Prozent zu, sagt Medizinerin Lisa Leutgeb von der Ärztekammer Wien. „Das schafft Ressourcen.“
Kommentare