Lungenkrebsscreening: "Es gibt keinen Freibrief fürs Rauchen"

Deutschland startet am 1. April ein Lungenkrebs‑Screening für spezielle Risikogruppen. Experten wie Lungenkrebsspezialist Bernd Lamprecht wollen auch in Österreich eine Einführung vorantreiben, betonen aber: Vorsorge ersetzt nicht Prävention.
Smoke visible on chest X-ray image

Am 1. April 2026 startet in Deutschland ein bundesweites Lungenkrebs‑Screening für starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren. Ziel ist es, mithilfe einer Niedrigdosis‑Computertomographie Tumoren bereits im Frühstadium zu erkennen – und damit die Heilungschancen deutlich zu verbessern. Das Programm gilt als Meilenstein in der Krebsfrüherkennung und basiert auf jahrelanger Vorbereitung, klar definierten Qualitätsstandards und internationalen Studien.

In Österreich hingegen warten Risikopersonen noch auf eine vergleichbare Maßnahme. Mit 5.000 Neuerkrankungen pro Jahr und einer Sterblichkeit von jährlich 4.000 Fällen ist Lungenkrebs für rund ein Viertel aller Krebs-Todesfälle verantwortlich. Trotz der hohen Sterblichkeit und überzeugender internationaler Daten, die für ein Screening sprechen,  hat das Screening‑Komitee des Gesundheitsministeriums bisher keine Empfehlung für eine Umsetzung ausgesprochen. 

Bernd Lamprecht, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin 4, Pneumologie, am Kepleruniklinikum in Linz, erklärt, welche Risikogruppen davon profitieren und welche Schritte nötig wären, damit auch Österreich in den kommenden Jahren nachzieht, aber auch warum das Screening kein Freibrief fürs Rauchen sein soll.

KURIER: Herr Professor Lamprecht, ab dem 1. April 2026 startet in Deutschland ein bundesweites Lungenkrebs‑Screening für Risikogruppen. Warum ist diese Maßnahme aus Ihrer Sicht so wichtig – und welche Chancen bietet sie?

Lamprecht: Wir wissen aus internationalen Daten, dass wir mit einem solchen Programm Leben retten können. Eine Früherkennung von Lungenkrebs mittels Low‑Dose‑CT‑Screening (niedrigere Strahlendosis als bei einer Standarduntersuchung, Anm.) senkt die Sterblichkeit in Risikogruppen signifikant. Technisch ist das möglich. Und wird Lungenkrebs früh erkannt, sind die Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen deutlich besser. Leider sind aktuell bei Erstdiagnose rund zwei Drittel aller Fälle bereits weit fortgeschritten, und etwa die Hälfte ist sogar schon metastasiert.

Wäre es nicht besser auf Prävention zu setzen?

Natürlich ist es am besten, Lungenkrebs gar nicht erst entstehen zu lassen – und das gelingt nur, wenn die Risikofaktoren konsequent reduziert werden.
Deshalb sollte jedes Früherkennungs‑ oder Screeningprogramm von einer wirksamen Raucherberatung und Raucherentwöhnung begleitet werden. So wird ausgeschlossen, dass der Eindruck entsteht, ein organisiertes Screening sei ein „Freibrief“ fürs Rauchen. Denn wer glaubt, mit den bestehenden Risikofaktoren einfach weiterleben zu können, weil man einmal im Jahr zur Früherkennungsuntersuchung geht, irrt.
Das Screening hat seinen größten Nutzen dort, wo das Risiko bereits hoch ist und es darum geht, das „Unausweichliche“ zumindest möglichst früh zu erkennen und wirksam zu behandeln. Langfristig bleibt Prävention jedoch die wichtigste und kosteneffizienteste Maßnahme.

Wie lange arbeiten unsere Nachbarn schon an der Umsetzung?  

In Deutschland wurde im Oktober 2023 ein Positionspapier veröffentlicht, das alle Rahmenbedingungen für ein flächendeckendes Screening beschreibt. Herausgegeben wurde es von drei Fachgesellschaften: der Deutschen Röntgengesellschaft, den deutschen Lungenfachärzten und den deutschen Lungenchirurgen. Darauf basierend hat man die Umsetzung und Finanzierung geplant – jetzt hat das Programm Hand und Fuß. Zwar wird es möglicherweise nicht überall gleichzeitig starten, aber man hat sich grundsätzlich auf ein flächendeckendes Vorgehen geeinigt. Entscheidend ist dabei, die Risikopopulation klar zu definieren.

Die da wäre?

Das Screening richtet sich an Menschen mit einer langen und intensiven Raucherkarriere. Konkret bedeutet das: mindestens 15 sogenannte „Packungsjahre“ – also beispielsweise eine Packung Zigaretten pro Tag über 15 Jahre – sowie insgesamt mindestens 25 Jahre starken Konsums. Rauchpausen dürfen höchstens zehn Jahre betragen. Anspruch haben sowohl aktive Raucher als auch Ex‑Raucher, die erst seit wenigen Jahren abstinent sind. Zusätzlich sollten auch berufliche Belastungen, etwa durch Staub, Gase und Dämpfe, in die Risikoeinschätzung einbezogen werden. Ein weiterer Risikofaktor, der in Österreich relevant ist, ist die Belastung durch Radon. Radon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas, das beim Zerfall von Uran im Boden entsteht. Es ist unsichtbar, geruchlos und spielt im Freien keine Rolle, weil es sich dort sofort verflüchtigt. In geschlossenen Räumen jedoch – insbesondere in Gebäuden mit undichter Gebäudehülle – kann es sich in hoher Konzentration ansammeln.

Ist Radon ein Risikofaktor für Lungenkrebs?

Ja. Langfristige Radonbelastung gilt nachweislich als eine der wichtigsten Ursachen für Lungenkrebs bei Nichtrauchern und kann das Risiko bei Rauchern zusätzlich verstärken. In Österreich leben schätzungsweise rund 500.000 Menschen in Regionen mit relevant erhöhter Radonkonzentration. 

Das ist aber nur wenig bekannt?

Das ist ein spannendes Thema. Das Land Oberösterreich beispielsweise hat dieses Problem erkannt und bietet Sanierungsförderungen an, um undichte Gebäudehüllen zu verbessern und die Radonkonzentration in Innenräumen zu senken. Dazu gehören Maßnahmen wie das Abdichten von Kellern, die Verbesserung der Belüftung und spezielle Radon‑Absaugsysteme.

Zurück zum Screening. Wie kommt der Risikopatient zum CT? 

Auf alle Fälle braucht es jemanden, der Einblick in die Risiko-Population hat. Also etwa der Hausarzt, der seine Patienten kennt und weiß, welche Personen Raucher/Exraucher in der entsprechenden Altersgruppe sind. Auch die Krankenkassen könnten Einblick haben. Der Patient erhält die Empfehlung, und die Untersuchung sollte im niedergelassenen Bereich stattfinden, nicht in Krankenhausambulanzen. Dort müssen Qualitätsstandards eingehalten, moderne Geräte genutzt und eine gewisse Zahl an Untersuchungen pro Jahr durchgeführt werden.

Unauffällige Befunde bedeuten: alles bestens. Auffällige Befunde werden an spezialisierte Zentren zur Abklärung weitergeleitet.

Gibt es einen konkreten Zeitplan in Österreich?

Zuerst braucht es eine entsprechende Empfehlung des Nationalen Screening‑Komitees im Bundesministerium. Dieses muss auf Basis internationaler Daten und Erfahrungen sowie der Umsetzung in anderen europäischen Ländern Maßnahmen priorisieren und befürworten. Danach braucht es klare Umsetzungsbestimmungen: Finanzierung, Zuständigkeiten, Einladungssystem, Durchführung und Befundmanagement.

Ehrlich gesagt, es überrascht mich nicht, dass wir nicht die Schnellsten sind – man denke nur an den Nichtraucherschutz in der Gastronomie, wo wir fast europäisches Schlusslicht waren. Also in Sachen Screening, liegt noch einiges an Überzeugungsarbeit vor uns. 

Wann, schätzen Sie, ist eine Umsetzung in Österreich realistisch? 

Ich wünsche mir sehr, dass wir es in den nächsten zwei bis drei Jahren auch in Österreich schaffen, ein solches Programm einzuführen.
Offen gesagt, fände ich es fast schon unangenehm, wenn wir jetzt noch große Pilotstudien starten würden – wir müssen doch nicht erst in Österreich erforschen, was bereits in halb Europa erfolgreich umgesetzt wird und wofür überzeugende internationale Studiendaten vorliegen.

Was wir aber tun könnten, sind gezielte Pilotphasen durchzuführen: zum Beispiel in einer ländlichen Region, einem städtischen Bezirk, einmal im Westen und einmal im Osten des Landes. So könnten wir sehen, wie es funktioniert, wo mögliche Hürden liegen und wie wir diese überwinden.

Ganz wichtig ist, dass die Informationen über diese Vorsorgeuntersuchung auch jene Menschen erreichen, die ein besonders hohes Risiko haben – etwa, weil sie überdurchschnittlich viel rauchen oder an staubigen Arbeitsplätzen tätig sind.

Und natürlich müssen die nötigen Ressourcen rechtzeitig bereitstehen. Wenn wir die Menschen zur Teilnahme einladen, muss es auch möglich sein, ihnen zeitnah Untersuchungstermine anzubieten. Denn nichts wäre schlechter, als Werbung für eine Maßnahme zu machen und dann keine Termine anbieten zu können. Siehe Herpes Zoster Impfung. Zuerst wurde groß betont, wie wichtig und wirksam sie ist – und dann gab es nicht sofort ausreichend Impfstoff.

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