Lungenkrebs: Jede Zigarette schadet

Lungenkrebs-Experte Maximilian Hochmair sieht Österreich trotz medizinischer Spitzenversorgung im Kampf gegen Lungenkrebs im Rückstand. Die hohe Raucherquote bleibt der größte Risikofaktor – Prävention ist entscheidend.
Eine Person hält eine zerbrochene Zigarette mit beiden Händen.

Österreich ist nach wie vor ein Land der Raucher: Jeder Vierte ab 15 Jahren raucht hierzulande regelmäßig. Damit liegt Österreich im europäischen Mittelfeld. Am wenigsten wird in Schweden geraucht: Mit einer Raucherquote von nur 5,7 Prozent liegt das skandinavische Land auf Platz 1 der Wenigraucher und entspricht damit nahezu dem EU-Ziel für 2040: einer 5 Prozent-Quote. Negativer Spitzenreiter ist Griechenland mit einer Rauchquote von 42 Prozent.

Diese Zahlen präsentierte Maximilian Hochmair, Facharzt für Lungenkrankheiten und Leiter der onkologischen Ambulanz/Tagesklinik der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf, beim Apothekerkongress in Schladming im Rahmen eines Updates zu Lungenkrebs.

„Krebs ist nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems die zweithäufigste Todesursache in Österreich“, so Hochmair. Lungenkrebs sei darüber hinaus im Vergleich zu Brust- und Darmkrebs durch eine hohe Mortalität gekennzeichnet. Jährlich werden hierzulande laut Statistik Austria 5.034 neue Fälle von Lungenkrebs diagnostiziert, die Todesrate beträgt 4.125 Fälle. Männer erkranken zwar nach wie vor häufiger, es ist aber ein leichter Rückgang zu erkennen. Anders als vor 20 Jahren gibt es eine Zunahme an betroffenen Frauen, weil diese im Rauchverhalten aufgeholt haben.

Rauchen als höchster Risikofaktor

85 bis 90 Prozent der Bronchialkarzinome werden durch Rauchen verursacht. „Ob Zigarette, E-Zigarette oder Shisha – es gibt keinen ‚gesunden‘ Rauch“, sagt Hochmair. Alles, was verdampft, verbrannt und inhaliert wird, sei schädlich, und auch „leichte“ Zigaretten böten keinen Schutz. Ebenso vom „weniger Rauchen“ hält Hochmair nichts: „Jede Zigarette löst im Körper eine Entzündungsreaktion aus.“

Leichtere Zigaretten und Produkte führten darüber hinaus lediglich dazu, dass der Rauch tiefer eingeatmet wird. Und auch die Arten, wie sich ein Karzinom manifestiert, sind unterschiedlich: Es gibt das Plattenepithelkarzinom und das Adenokarzinom. Ersteres sitzt eher „in der Mitte“ der Lunge und ist stark mit Rauchen verbunden. Adenokarzinome sitzen eher „am Rand“ der Lunge, entstehen aus Drüsenzellen und können auch bei Nichtrauchern auftreten. Ursachen bei Nichtrauchern können Passivrauchen, genetische Faktoren oder Umweltbelastungen wie Radon oder Asbest sein.

„Aufhören zu rauchen lohnt sich in jedem Alter“, so Hochmair. Vor allem nach einer Diagnose – nicht alle Raucher werden nach der Lungenkrebsdiagnose zu Ex-Rauchern. „Aber Studien zeigen, dass selbst Patienten, die erst nach einer Lungenkrebsdiagnose das Rauchen einstellen, im Schnitt 1,3 Jahre länger leben als jene, die weitermachen“, so Hochmair.

Unspezifische Symptomatik

Lungenkrebs ist tückisch, weil er sich lange Zeit kaum bemerkbar macht. Viele Betroffene haben zu Beginn überhaupt keine Beschwerden. Die ersten Anzeichen sind meist unspezifisch: Ein anhaltender oder sich verändernder Husten steht ganz oben auf der Liste – besonders dann, wenn er über Wochen nicht verschwindet oder sich deutlich von der gewohnten „Raucherhusten“-Routine unterscheidet. Ebenso häufig berichten Patienten von Atemnot, zunächst nur bei körperlicher Belastung, später manchmal auch in Ruhe. Diese kann durch die Verengung der Atemwege oder durch das Wachstum des Tumors im Lungengewebe entstehen.

Weitere Symptome sind allgemeine Erschöpfung, ungewollter Gewichtsverlust, wiederkehrende Lungenentzündungen im gleichen Bereich oder Brustschmerzen, wenn die Lungenhaut gereizt wird. Blut im Auswurf – medizinisch Hämoptyse – gilt zwar als Warnsignal, tritt aber meist in fortgeschritteneren Stadien auf.

Wichtig: Viele Patienten haben zu Beginn gar keine Beschwerden. Deshalb wird Lungenkrebs oft als Zufallsbefund entdeckt, etwa bei einer Röntgenuntersuchung aus anderem Anlass.

Moderne Therapien verändern die Prognose

In der Behandlung hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. Früher galt die Chemotherapie als Standard, heute ist die Therapie stark personalisiert. Immuntherapien zielen darauf ab, das körpereigene Immunsystem wieder zu aktivieren, damit es Tumorzellen erkennt und bekämpft – besonders wirksam ist dieser Ansatz bei bestimmten Raucherkarzinomen.

Zielgerichtete Therapien greifen spezifische genetische Veränderungen an, etwa EGFR-Mutationen oder ALK-Translokationen, und können mit Tabletten verabreicht werden. Neu entwickelt werden spezifische monoklonale Antikörper, also künstlich hergestellte Proteine, die gleichzeitig zwei unterschiedliche Rezeptoren blockieren, sowie sogenannte Antibody-Drug-Conjugates, die einen Antikörper mit einer Chemotherapie verbinden und diese gezielt an Krebszellen bringen, wodurch gesunde Zellen geschont werden.

Bemerkenswert sei auch der Befund einer neuen Studie, laut der Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom, die gegen Covid-19 geimpft sind und eine Immuntherapie erhalten, besser auf die Therapie ansprechen und länger leben – „ein Hinweis darauf, dass Impfung und Immuntherapie sich gegenseitig verstärken können“, so Hochmair.

Lungenscreening in Österreich?

Aufgrund dieser unspezifischen Symptomatik stellt sich die Frage nach einem organisierten Lungenkrebs-Screening für Hochrisikogruppen, wie Deutschland es im April einführen wird. Auch Hochmair sieht darin für Österreich eine Chance, warnt jedoch vor logistischen Herausforderungen: „Wenn 350.000 Personen gescreent werden und viele einen harmlosen Lungenrundherd haben, könnten die Ambulanzen schnell überlastet sein.“ Ein Screening müsse gebündelt und kontrolliert erfolgen, um nicht mehr Schaden als Nutzen zu bringen.

Spitzenland in der Versorgung

Österreich zählt im internationalen Vergleich zu den Spitzenländern in der Umsetzung moderner Therapien. Innerhalb von zwei bis drei Wochen nach Diagnose werden sämtliche genetischen Analysen durchgeführt und die Behandlung eingeleitet. Multidisziplinäre Tumorboards sorgen dafür, dass Radiologen, Chirurgen, Onkologen und Pneumologen gemeinsam den besten Behandlungsplan erstellen. Die medizinische Versorgung ist damit auf Weltspitzenniveau – doch die größte Herausforderung bleibt die Prävention.

„Aufhören zu rauchen lohnt sich immer, in  jedem Alter.“ 

von Maximilian Hochmair, Leiter der onkologischen Ambulanz der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf

Vorbildwirkung wichtig

Für Hochmair gilt deshalb: gar nicht erst anfangen und beim Nachwuchs auf die Vorbildwirkung setzen. Kinder übernehmen das Verhalten, das sie im Alltag sehen – besonders von ihren Eltern. „Wenn Kinder das Rauchen zu Hause nicht sehen, vor der Schule niemand raucht und am Spielplatz keine Raucher zu finden sind, ist die Situation schon einmal eine andere. Diese Vorbildwirkung ist so elementar.“

Wie der vierfache Vater und Bruder des Schauspielers Philipp Hochmair seine Kinder davon abhält, mit dem Rauchen anzufangen? „Sie dürfen alles machen, nur das nicht. Und das wissen sie, denn sie wissen auch, dass ich täglich mit dem Tod zu tun habe.“

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