Jede dritte Depression schwer behandelbar: Was dann noch helfen kann

Deutsche Forschende untersuchten einen möglichen Ansatz, der jedoch gut begleitet erfolgen muss.
Ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz blickt traurig nach unten.

Neue Behandlungsansätze gegen Depressionen sind dringend nötig: Bei mehr als 30 Prozent der Betroffenen wirken Medikamente nicht ausreichend, bei bis zu 80 Prozent kommt es innerhalb von zwölf Monaten zu Rückfällen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Psilocybin, ein Wirkstoff aus bestimmten Pilzen, in Kombination mit Psychotherapie eine bedeutsame antidepressive Wirkung haben kann. Entscheidend für Wirksamkeit und Sicherheit ist die psychotherapeutische Vor- und Nachbereitung.

In einer Studie des deutschen Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) gemeinsam mit der Berliner Charité und der MIND Foundation wurde von 2021 bis 2024 die Wirksamkeit und Sicherheit von Psilocybin bei therapieresistenter schwerer Depression untersucht. Insgesamt nahmen 144 Patientinnen und Patienten teil. Die Ergebnisse wurden in JAMA Psychiatry veröffentlicht.

Verglichen wurden 25 mg Psilocybin, 5 mg Psilocybin und Placebo. Alle Teilnehmenden erhielten mindestens einmal 25 mg Psilocybin, jeweils eingebettet in psychotherapeutische Sitzungen. Die Autorinnen und Autoren definierten einen Therapieerfolg als eine mindestens 50‑prozentige Abnahme der Depressionssymptome sechs Wochen nach der ersten Psilocybin‑Gabe, also noch vor der zweiten Dosis, gemessen mit der „Hamilton Rating Scale for Depression“ (HAMD17); dieser Effekt ließ sich jedoch nicht nachweisen.

Eine Woche nach 25 mg Psilocybin war die Ansprechrate aber höher als unter Placebo. Die depressive Symptomatik war nach 25 mg Psilocybin im Mittel um 4,6 Punkte stärker aufder Depressionsskala reduziert als unter Placebo. Nach zwölf Wochen waren die Symptome über alle Gruppen hinweg um durchschnittlich 7,5 Punkte vermindert.

Die Ergebnisse sprechen für eine klinisch relevante antidepressive Wirkung von 25 mg Psilocybin mit begleitender Psychotherapie, auch wenn weitere Studien nötig sind.

Unerwünschte Wirkungen

Häufige unerwünschte Ereignisse während der Sitzungen betrafen Wahrnehmung und Emotionen, etwa Affektlabilität (62 %), das ist der schnelle Wechsel zwischen Gefühlen wie Freude, Traurigkeit, Angst oder Gereiztheit;  lebhafte innere Bilder (56 %) und Dissoziation (22 %) - im Zusammenhang mit Psilocybin beschreibt Dissoziation zeitlich begrenzte Veränderungen des Bewusstseins während der Wirkung der Substanz. Diese Zustände sind nicht automatisch krankhaft, können aber als ungewohnt oder verunsichernd erlebt werden und erfordern deshalb eine sorgfältige therapeutische Begleitung.

Auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen (55 %) und Bluthochdruck (51 %) traten auf. Bei zwei Personen kam es zu schwerwiegenden unerwünschten Reaktionen, darunter ein Patient, der eine anhaltende Halluzinationsstörung davontrug. „Insgesamt bewerten wir die Sicherheit der Behandlung als gut“, betont Studienautorin Lea Mertens, weist aber darauf hin, „wie entscheidend eine sorgfältige psychotherapeutische Einbettung für die sichere Anwendung ist“.

Emotionale Durchbrüche

Hinweise auf Wirkmechanismen liefern sogenannte emotionale Durchbrüche, die unter 25 mg Psilocybin häufiger auftraten und mit einer stärkeren antidepressiven Wirkung zusammenhingen. Weitere Analysen zu Biomarkern und Wirkmechanismen laufen. Emotionale Durchbrüche bezeichnen intensive innere Erfahrungen während der Psilocybin‑Sitzungen, die mit starker emotionaler Öffnung und neuen Einsichten verbunden sind.

„Unsere Studienergebnisse erweitern die bisherigen Erkenntnisse über das Potenzial der Psilocybin-Behandlung bei Depressionen“, fasst Studienleiter Gerhard Gründer zusammen.

Kommentare