Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Alzheimer-Vorsorge: Warum Bewegung und Lernen so wichtig sind

Das Geburtshaus von Alois Alzheimer soll in Zukunft verstärkt auf Alzheimer-Vorsorge aufmerksam machen. Der neue wissenschaftliche Leiter des Hauses erklärt, was bei der Prävention wichtig ist.
Ernst Mauritz aus Marktbreit
Das Bild zeigt das steinerne Geburtshaus von Dr. Alois Alzheimer in Marktbreit in Unterfranken.

Es ist ein für Unterfranken typisches Haus aus der Zeit um 1850: massive Steinmauern, markante Fenster- und Türrahmungen. Efeu wuchert an der Vorderseite die Hauswand empor und umrankt eine Gedenktafel. Sie verweist auf das Besondere dieses Hauses in Marktbreit am Main in der Nähe von Würzburg: Hier kam am 14. Juni 1864 Alois Alzheimer als Sohn des Notars Eduard Alzheimer und dessen zweiter Ehefrau Theresia zur Welt. In Marktbreit verbrachte Alzheimer die ersten zehn Jahre seines Lebens. 1874 wird sein Vater als königlicher Notar nach Aschaffenburg versetzt, die Familie verlässt den Ort.

Das Geburtshaus geriet in Vergessenheit, erst 1989 wurde es im Rahmen eines Symposiums zum 125. Geburtstag von Alois Alzheimer wiederentdeckt. Der damalige Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Frankfurt am Main, Konrad Maurer, und seine 2017 verstorbene Frau Ulrike haben mit der Pharmafirma Lilly das Haus aus dem Dornröschenschlaf erweckt: Lilly erwarb es 1995, unter der Leitung des Ehepaars Maurer wurden darin ein kleines Museum und ein Tagungszentrum eingerichtet.In Zukunft soll von hier aus auch verstärkt auf die Möglichkeiten der Alzheimer-Vorsorge aufmerksam gemacht werden.

Das Bild zeigt ein Faksimile der handschriftlich von Dr. Alois Alzheimer verfassten Patientenakte von Auguste Deter, ein Teil davon ist von einem Bild der ersten Alzheimer-Patientin abgedeckt.

Ein Faksimile der Patientenakte von Auguste Deter mit dem berühmten Aufnahmegespräch vom 26.11.1901, handschriftlich verfasst von Dr. Alois Alzheimer.

Zu den Schaustücken zählt ein Faksimile der Krankenakte von Auguste Deter, der ersten dokumentierten Alzheimer-Patientin. Im Herbst 1996 entdeckte Maurer das Original im Archiv seiner Klinik. Deter wurde am 25. November 1901 im Alter von erst 51 Jahren in jener Heilanstalt in Frankfurt aufgenommen, in der der deutsche Psychiater und Neuropathologe Dr. Alzheimer damals tätig war. Er protokollierte den Krankheitsverlauf genau. Berühmt ist das Gespräch im Aufnahmebefund vom 26.11.1901:

„Wie heißen Sie? Auguste. – Familienname? Auguste. – Wie heißt Ihr Mann? Ich glaube, Auguste.“

Nach ihrem Tod 1906 untersuchte Alzheimer das Gehirn von Auguste Deter. Das Originalmikroskop und zwei Objektträger mit Hirnschnitten der Patientin befinden sich heute in Marktbreit.

Die historische Aufnahme zeigt ein Bild von Dr. Alois Alzheimer.

Eine alte Aufnahme von Dr. Alois Alzheimer.

Alzheimer entdeckte einen massiven Schwund an Nervenzellen und ungewöhnliche Eiweiß-Ablagerungen. Diese gelten als eine der Hauptursachen für die Krankheit: Sie zerstören Nervenzellen, lösen Entzündungsreaktionen aus und behindern die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen. 1906 - vor 120 Jahren - beschrieb Alzheimer als Erster diese charakteristischen Veränderungen im Gehirn.

Seit 2025 ist der Gerontologe Sen.-Univ.-Prof. Dr. Bernd Seeberger – Alternsforscher an der Privatuniversität UMIT in Tirol – wissenschaftlicher Leiter des Geburtshauses. Er will zur Entstigmatisierung der Erkrankung beitragen: „Vergessen passt nicht in unsere Welt. Vergessen darf man nichts. Aber vergessen gehört zu unserem Gehirn einfach dazu.“

Das Bild zeigt den Alternsforscher Bernd Seeberger.

Sen.-Univ.-Prof. Dr. Bernd Seeberger ist Alternsforscher am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie an der UMIT Tirol – Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften und -technologie sowie wissenschaftlicher Leiter des Alzheimer-Geburtshauses in Marktbreit, Bayern.
 

Seeberger will auch die Bedeutung von Vorsorge vermitteln: „Wer selbstbestimmt 95 Jahre alt werden will, muss schon auch etwas dafür tun.“ Möglichst lange autonom bleiben zu können müsse auch angesichts des Mangels an Pflegepersonen ein vorrangiges Ziel sein. Gleichzeitig müssten die ambulanten Dienste deutlich ausgebaut werden: „Wir brauchen eine bessere Mischung von ambulant und stationär, um den Bedürfnissen der nächsten Generationen älterer Menschen gerecht zu werden. Diese wollen mehr Flexibilität, als in den klassischen Seniorenheimen möglich ist.“

Alzheimer: „Zur Prävention motivieren“

Generell gehe es ihm um einen positiven Ansatz, betont der Alternsforscher, der die Funktion als wissenschaftlicher Leiter ehrenamtlich ausübt: „Wer in das Geburtshaus kommt und sich mit der Geschichte von Alois Alzheimer und der Erkrankung befasst, soll danach nicht erschrocken hinausgehen. Im Gegenteil: Die Besucherinnen und Besucher sollen motiviert werden, selbst etwas für ihre Prävention zu tun. Denn die Alzheimerkrankheit ist ein Kontinuum. Sie beginnt teilweise Jahrzehnte vor den ersten Symptomen.“

Das Bild zeigt das historische Mikroskop von Dr. Alois Alzheimer mit einer Tageslichtlinse.

Alois Alzheimers Mikroskop, noch mit einer Tageslichtlinse.

Bei der Prävention gehe es um das Körperliche und das Geistige: „Es ist eine gute Sache, wenn ältere Menschen in Fitnessstudios gehen. Aber wir werden auch Lernstudios benötigen, in denen sich ältere Menschen gemeinsam mit gezielten Angeboten geistig fit halten können.“

„Muskelmasse ist Gehirnmasse“

Gleichzeitig gebe es eine enge, oft unterschätzte Verbindung zwischen Bewegung und Gehirnaktivität: „Nicht umsonst heißt es, Muskelmasse ist Gehirnmasse.“

Seeberger erzählt von Untersuchungen, an denen er selbst beteiligt war: „Wir haben ältere Menschen acht Lebensmittel einkaufen lassen. Anschließend hat sich eine Gruppe eine halbe Stunde lang bewegt, die andere ist in dieser Zeit sitzen geblieben. Danach wurden alle Teilnehmenden gefragt, was sie denn heute eingekauft haben. Wer sich bewegt hat, konnte sich im Schnitt an fünf bis sechs Artikel erinnern, wer sitzen geblieben ist nur an drei bis vier.“

Angesichts der Fortschritte in der Therapie verweist Seeberger auf einen weiteren Aspekt: Wenn neue Wirkstoffe den Verlauf der Erkrankung verlangsamen, dann ist begleitende körperliche und geistige Aktivierung besonders wichtig, um den Therapieeffekt noch zu verstärken.

Hinweis: Die Reise nach Marktbreit erfolgte auf Einladung von Lilly.

Kommentare