Nach Alkohol-Rückfall: Experten warnen vor Brad Pitts Weg
Schauspieler Brad Pitt sagt, er trinke nach Therapien wieder Alkohol "in Maßen".
US-Schauspieler Brad Pitt machte bekannt, dass er nach Jahren der Abstinenz wieder Alkohol trinkt. „Ich war sieben Jahre lang trocken. Und dann bin ich wieder rückfällig geworden“, erzählte Pitt in einem Interview mit dem Männermagazin „Esquire“. Und fügte hinzu: „Auf etwas gemäßigtere Weise. Ich bin ein paar Mal übermütig geworden, habe dann aber gemerkt: Das tut mir nicht gut. Nicht in großen Mengen.“
Der 62-jährige war jahrelang alkoholkrank, familiäre Probleme hätten ihn damals in die Krise getrieben, sagte er. Nach seiner Trennung von Schauspielerin Angelina Jolie im Jahr 2016 folgten Streitigkeiten über das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder und über Finanzen. 2017 begann er eine Therapie und hielt Abstand zu Alkohol.
Gemäßigter Konsum bei Suchterkrankungen selten möglich
Ist kontrolliertes Trinken für Alkoholkranke überhaupt möglich? „Theoretisch ja, praktisch ist es aber schwierig“, sagt Kurosch Yazdi-Zorn, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Keplerklinikum Linz. „Eines der Kriterien für Alkoholsucht ist laut WHO der Kontrollverlust. Man nimmt sich vor, ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken, aber sobald man angefangen hat, verliert man die Kontrolle – aus einem Glas wird ein Doppelliter.
Viele Alkoholkranke erleben diesen Kontrollverlust, aber nicht alle. Diese Fälle sind jedoch sehr selten“, meint Yazdi-Zorn. Zwar kann das Gehirn nach Therapie und längerer Abstinenz die Fähigkeit zurückgewinnen, wieder Kontrolle zu erlangen. „Gemäßigt zu konsumieren ist jedoch bei allen Suchterkrankungen selten“, so Yazdi-Zorn.
Dennoch gehört kontrolliertes Trinken zur modernen Suchtbehandlung. „Es gibt Menschen, die sich nicht vorstellen können, den Rest ihres Lebens ohne Alkohol zu leben. Viele würden ohne die Option auf einen kontrollierten Konsum gar nicht erst in Therapie kommen“, so der Suchtmediziner. Das Konzept heißt „zieloffene Suchtarbeit“, kurz ZOS: Der Patient definiert sein Ziel, die Therapeuten unterstützen ihn dabei, es zu erreichen. „Für manche ist das unrealistisch, sie kippen wieder in eine Sucht. Manche schaffen es tatsächlich. Die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg ist höher, je weniger Kontrollverlust da war und je länger die Abstinenz dauerte“, erklärt Yazdi-Zorn.
„Kontrolliertes Trinken ist für wenige wirklich geeignet“
Nicht zu verwechseln sei der Therapieansatz mit dem Konzept der „Harm Reduction“ (deutsch: Schadensminimierung). Dabei geht es um Menschen, die schwer suchtkrank sind und wo man davon ausgeht, dass sie nicht mehr gesund werden. Wenn es dann gelingt, nicht mehr täglich zu trinken, sondern seltener und weniger, dann entstehe kein weiterer Schaden mehr. „Kontrolliertes Trinken ist nur für wenige wirklich geeignet und braucht Rücksprache mit einem Suchtspezialisten. Für viele Alkoholkranke ist es fatal, einfach so wieder Alkohol zu probieren“, betont der Psychiater.
Hollywoodstar Brad Pitt hatte vergangenes Jahr von seiner Zeit bei den Anonymen Alkoholikern (AA) berichtet. „Ich war so ziemlich auf dem Boden, auf den Knien. Ich war wirklich offen. Ich habe alles ausprobiert, was man mir angeboten hat“, sagte Pitt in einem Podcast. Die Organisation ist eine Selbsthilfegemeinschaft von und für Alkoholiker.
Gruppentreffen, Meetings genannt, finden mittlerweile in fast allen Ländern der Welt statt. „Gerade am Anfang ist es wichtig, täglich in die Meetings zu kommen und langfristig dann regelmäßig. Es gibt Menschen, die seit 30, 40 Jahren trocken sind und auch sie kommen weiterhin, um sich mit anderen auszutauschen, wie es ihnen geht“, erzählt eine Sprecherin im Gespräch, die – ganz nach dem Motto der AA – anonym bleiben möchte. In Meetings nennen Teilnehmende nur ihren Vornamen.
Totale Abstinenz
Ein Trinken „in Maßen“, wie Brad Pitt es beschreibt, gibt es bei den AA allerdings nicht. „Die Anonymen Alkoholiker leben totale Abstinenz, es geht darum, Alkohol immer stehen zu lassen. Alkoholkranke schaffen nicht, nach dem zweiten Glas aufzuhören, so wie das Gesunde können. Viele denken zwar, dass sie es können, aber es ist aus unserer Sicht wichtig, gar nicht zu trinken.“
Auch auf Süßigkeiten mit Alkohol wie Rumkugeln, Speisen wie Risotto oder Zwiebelsuppe und Medikamente mit Alkohol wie Hustentropfen soll verzichtet werden. „Wir sagen nicht, dass man sein ganzes Leben lang nichts mehr trinken darf. Das ist für viele ein Schock und eine Überlastung. Vielmehr geht es darum, Alkohol für die nächsten 24 Stunden stehen zu lassen. So schaffen es die meisten – von Tag zu Tag.“ Ziel sei eine neue Lebensphilosophie, ein neues „Programm“ für sein zukünftiges Leben zu finden.
Abstinenz sei für ganz viele Menschen der richtige Weg, sagt auch Yazdi-Zorn. „Alkohol ist kein Grundnahrungsmittel. Wenn ich weiß, dass ich leicht verwundbar bin, macht es keinen Sinn, mit dem Feuer zu spielen“, sagt der Experte. In einem Land wie Österreich, in dem Alkohol leicht verfügbar ist und es kulturadäquat ist zu trinken, falle dies jedoch oft schwer.
„Eine der Hauptaufgaben in der Alkoholtherapie ist die Rückfallprävention. Das Ziel ist, individuelle Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Manchmal kann das sein, dass man sich von einem Freundeskreis, in dem viel getrunken wird, trennt, oder dass man damit sehr offen umgeht. Manchen macht es auch nichts aus, wenn sie selbst nichts trinken, der Partner aber schon – das ist sehr individuell. Generell kann man aber sagen: Je weiter weg die Verführung, desto besser.“
Problematischer Alkoholkonsum
15 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher trinken Alkohol in einem problematischen Ausmaß, das längerfristig als gesundheitsgefährdend einzuschätzen ist. Das entspricht rund einer Million Menschen. Schätzungen zufolge gelten rund 370.00 Menschen als alkoholabhängig.
Anonyme Alkoholiker
Meetings finden in allen Bundesländern statt. Durch den regelmäßigen Kontakt mit anderen genesenden AA-Teilnehmenden kann der Zwang zum Trinken durchbrochen werden. www.anonyme-alkoholiker.at
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