Frauen und Alkohol: Autorin kritisiert verharmloste Trinkkultur
Verena Titze ist seit 2020 nüchtern und sagt: „Zu viele Menschen leiden unter ihrem Alkoholkonsum“.
Im Nachhinein sind die Zeichen klar. Sie entspannte lieber in der Bar als beim Yoga und schaffte es nicht mehr, nüchterne Phasen einzulegen. Dass Verena Titze vor sechs Jahren in ein Burn-out schlitterte, bezeichnet sie heute als ihre Rettung: Damals 34 Jahre alt, wurde ihr nicht nur eine Erschöpfungsdepression, sondern auch ein Suchtproblem attestiert. Alkohol. Dabei hatte sie nach außen hin so gut funktioniert. „Ich war erfolgreich, hatte einen guten Job“, erzählt die 40-jährige Kabarettistin und Autorin. „Ich hatte keine Ahnung, dass ich eine Alkoholsucht habe.“
Model und Mama Chrissy Teigen verlor beim Trinken oft die Kontrolle. Seit 2020 ist sie trocken.
Durch viele Therapiestunden und stationäre Aufenthalte wurde ihr bewusst, wie schambesetzt diese Themen – gerade bei Frauen – sind. „Ich fühlte mich total alleine. Wenn man trinkt, ist man entweder das Partygirl in der Mitte der Gesellschaft. Wenn man preisgibt, dass man ein Problem hat, wird man verstoßen. Das verhindert, dass sich Menschen Hilfe holen.“
Verharmloste Trinkkultur
Seitdem hat es sich die Niederösterreicherin zum Ziel gemacht, Bewusstsein für ein oft verstecktes, aber gesellschaftlich weit verbreitetes Problem zu schaffen. Anfang des Jahres ist ihr Debütroman „Gin Boom“ erschienen, in dem eine junge, karrierebewusste Protagonistin mit ihrer Alkoholabhängigkeit konfrontiert wird. Der Titel spricht schon einen Teil des Problems an: Drinks wie Gin-Tonic-Variationen, die als ungefährliche Lifestyle-Getränke angepriesen werden und vor allem Frauen ansprechen sollen.
Warnsignale
Anzeichen für eine Abhängigkeit laut WHO sind u.a.:
– Man trinkt länger und öfter als geplant
– Es fällt einem schwer, Alkohol-Pausen durchzuhalten
– Man braucht immer mehr oder stärkeren Alkohol, um eine Wirkung zu spüren
– Hobbys oder soziale Kontakte werden vernachlässigt
– ein starkes Verlangen nach Alkohol (Craving)
– Gedanken kreisen um das Trinken
1 Mio. Österreicher
im Erwachsenenalter hat ein problematisches Trinkverhalten. 5 % sind alkoholabhängig: 2,5 % der Frauen, 7,5 % der Männer.
Richtwerte pro Tag
Bei Männer gelten 2 Gläser Wein als risikoarm, bei Frauen 1 Glas. Wichtig: mind. 1 alkoholfreier Tag pro Woche.
Titze kritisiert die widersprüchliche Rolle von Alkohol in der Gesellschaft: Spätestens seit den Cosmopolitan-schlürfenden Freundinnen in „Sex and the City“ gelte Alkoholkonsum bei Frauen einerseits als normal und „empowernd“. „Es ist sehr einfach geworden, im Supermarkt eine Flasche Sekt zu kaufen und sie heimlich zu trinken, wenn Care-Arbeit und Mental Load zu viel werden.“ Andererseits werden alkoholabhängige Frauen, besonders Mütter, stärker stigmatisiert.
Dabei steigen die Zahlen der Betroffenen, weiß Titze von Suchtforscher Michael Musalek, mit dem sie einen Podcast hat. „Der Alkoholismus macht vor niemandem halt“, betont Titze; „egal ob Mann, Frau, non-binary, intellektuell oder nicht.“ Auch prominente Frauen aus dem Showgeschäft – von Jenny Elvers bis Chrissy Teigen oder Britney Spears – kämpften immer häufiger öffentlich gegen ihre Dämonen.
Das Leben danach
Manche schaffen nach dem Absturz den Ausstieg – wie Titze. Seit sechs Jahren ist sie nüchtern, „und der Plan ist, dass es so bleibt“. Anfangs sei ihr die Abstinenz schwergefallen. „Ich musste mich rausnehmen aus Gesellschaft und Partys. Inzwischen geh ich gerne mal wieder feiern und kann auch Spaß haben. Aber diese Reise dauert – das geschieht nicht im ersten Jahr.“
Verena Titze: „Gin Boom“ Ueberreuter. 184 Seiten. 20 Euro
Mit dem Buch will sie auch aufzeigen, wie stark sich Alkohol durch die gesamte österreichische Gesellschaft zieht. Von privaten Abendessen über Firmenevents, Netzwerken bis hin zur Politik - ein paar "Glaserl" sind normal und werden manchmal sogar vorausgesetzt. „Mein Ansinnen ist es nicht, etwas zu verbieten“, betont Titze. „Aber wenn so viele Menschen unter ihrem Alkoholkonsum leiden, müsste man einfach viel früher ansetzen und hinschauen.“ Ihr selbst geht es heute gut, sagt sie. Sie führt ein Leben ohne Rausch, aber mit einer Form von Freiheit, die sie sonst nie kennengelernt hätte.
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