Alexandra Kautzky-Willer ist Stoffwechselspezialistin.

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Medizinischer Alltag
01/10/2017

Frau und Mann: Unterschiede werden oft zu wenig beachtet

In der Forschung wächst das Wissen um die geschlechtsspezifische Medizin, aber die Umsetzung in der Praxis ist oft noch mangelhaft, sagt die Gender-Medizinerin und Wissenschafterin des Jahres, Alexandra Kautzky-Willer.

von Ernst Mauritz,

"Für mich ist ganz klar, ich bin beides: Ärztin in der Ambulanz und am Krankenbett – sowie auch Wissenschaftlerin. Diese Kombination ist so toll, weil ich die neuesten Erkenntnisse direkt den Patienten zugutekommen lassen kann. Und nur wer viel forscht, kann auch Wissen gut an die Studenten weitergeben." – Das sagt die "Wissenschafterin des Jahres 2016", Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer, 54, über ihren Berufsalltag an der MedUni Wien (AKH Wien). Die Diabetologin ist seit 2010 Professorin für Gender Medizin, geschlechtsspezifische Medizin. Diese befasst sich mit Frau-Mann-Unterschieden in gesundheitlichen Fragen.

KURIER: Hat die Medizin auf diese Unterschiede bisher zu wenig geachtet?

Alexandra Kautzky-Willer: Seit meiner Berufung vor sieben Jahren hat sich in der Forschung viel getan. Wir wissen heute sehr viel. Aber vieles davon kommt noch nicht bei den Patientinnen und Patienten an. Seit Langem ist bekannt, dass sich Herzinfarktsymptome bei Frauen nicht so dramatisch äußern wie bei Männern. Trotzdem ist es nach wie vor so, dass es bei Frauen im Schnitt ab dem Auftreten der ersten Symptome länger dauert, bis sie die richtige Therapie – Aufdehnung des verschlossenen Gefäßes – erhalten. Es gibt aber auch positive Beispiele: Für das La Pura Women’s Health Resort in Kars am Kamp, NÖ, wurde in Kooperation mit der MedUni Wien ein frauenspezifisches Präventionsprogramm erarbeitet. Und es gibt einen Universitätslehrgang und mittlerweile auch ein Ärztekammerdiplom für Gendermedizin.

Was sind die Gründe dafür, dass – wie Sie selbst sagen – bei Frauen in vielen Bereichen die Behandlungsergebnisse schlechter sind?

Egal ob Blutdruck, LDL-Cholesterin oder Diabetes-Marker: Bei Frauen, vor allem älteren, werden die von den Leitlinien vorgegebenen Zielwerte seltener erreicht. Die Gründe dürften vielfältig sein: Viele Medikamente sind vor allem an Männern getestet worden und haben bei Frauen mehr Nebenwirkungen. Es könnte sein, dass sie deshalb die Medikamente öfter absetzen. Oder die Ärzte nehmen ihre Beschwerden nicht so ernst, denken sich, so schlimm ist es schon nicht, und verschreiben eine zu niedrige Dosis. Ein Grund, warum Männer oft rascher die richtige Behandlung bekommen liegt auch darin, dass sie zwar erst spät zum Arzt gehen, dann aber klar ihre Beschwerden beschreiben. Frauen reden viel öfter über ihre Lebenssituation insgesamt, nehmen sich und ihre Beschwerden dabei aber zurück und relativieren sie dadurch auch. Ärzte interpretieren ihre Beschwerden dann als psychisch und klären körperlichen Hintergründe zu wenig genau ab.

Wird bei Männern auch manchmal zu wenig hingeschaut?

Ja. Jeder denkt bei Osteoporose an ältere Frauen, aber es gibt auch Männer mit deutlich erhöhtem Risiko für Knochenbrüche – etwa bei hohem Alkohol- und Nikotinkonsum oder einer Kortisontherapie. Und Depressionen werden bei Männern unterdiagnostiziert. Bei Frauen hingegen besteht das Risiko einer Überdiagnose, obwohl sie tatsächlich häufiger betroffen sind.

Wo haben Erkenntnisse der Gendermedizin bereits Eingang in die Praxis gefunden?

Ein Beispiel ist die Verankerung des oralen Zuckerbelastungstests (dabei muss Zuckerwasser getrunken werden, vorher und danach wird der Blutzucker gemessen, Anm.) für Schwangere im Mutter-Kind-Pass. Wie ich als Ärztin begonnen habe, hat niemand das Thema Schwangerschaftsdiabetes ernst genommen. Heute wissen wir, dass jede siebente Frau betroffen ist und er das Risiko für eine spätere Diabeteserkrankung erhöht. Gerade bei Frauen ist nur das Messen des Nüchternblutzuckers oft nicht aussagekräftig – auch ein biologischer Unterschied zum Mann.

Welchen Rat haben Sie für junge Forscherinnen?

Viele halten sich zu sehr im Hintergrund, arbeiten brav zu, machen aber zu wenig auf ihre Leistungen aufmerksam – mit dem Effekt, dass die dann irgendwann weniger Publikationen als die männlichen Kollegen haben. Und es gibt natürlich auch strukturelle Benachteiligungen, was teilweise auch an Netzwerken liegen mag. Es müssen aber auch die Rahmenbedingungen geändert werden. In Skandinavien ist es völlig normal, dass Frauen bald nach der Geburt wieder arbeiten gehen. Bei uns schwingt da immer noch die Bezeichnung "Rabenmutter" mit. Aber den Rabenvater, den gibt es nicht. Generell gilt: Forschung muss man als Leidenschaft sehen – mit dem nötigen Einsatz und der nötigen Hingabe. Sonst hat man keine Erfolg – egal, ob Frau oder Mann.