12-Stunden-Tag: Experten sind gespalten

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Foto: GRANATA68 - FOTOLIA Wer viel leistet, muss auch auf regelmäßige Pausen achten, um nicht auszubrennen

Neben Dauer spielt auch Gestaltung der Arbeitszeit eine Rolle.


Ein Arbeitstag mit zwölf Stunden soll in Zukunft leichter möglich sein – das plant die Regierung. Die Meinungen darüber gehen aber auch unter Experten auseinander.

man  running in exercise wheel  on white backgroun… Foto: OLEKSANDR MOROZ - FOTOLIA  "Nicht nur die Dauer, auch die Gestaltung der Arbeitszeit spielt eine große Rolle", sagt Arbeitspsychologie Univ.-Prof. Wolfgang Kallus, Institut für Psychologie der Uni Graz: "Bei einer intelligenten Organisation der Arbeitszeit kann eine derartige Regelung Vorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bringen. Ein abwechslungsreich gestalteter 12-Stunden-Tag kann einen weniger beanspruchen als ein monotoner Acht-Stunden-Tag – das zeigten unsere Studien ." Intelligent gestaltet bedeute etwa, nach gewissen Zeitabschnitten die Tätigkeit wechseln oder mehr im Team arbeiten zu können: "Das macht weniger müde, als zwölf Stunden alleine tätig zu sein."

Pausenkultur ist wichtig

Ganz wichtig sei eine Pausenkultur. "Die fehlt aber leider in Österreich vielfach." Mit der Länge der Arbeitszeit steige der Pausenbedarf "exponentiell" an. "Und man muss mit den Pausen früh beginnen – länger als 90 Minuten sollte man auf keinen Fall durcharbeiten."

PAUSE… Foto: ARTENAUTA - FOTOLIA 51568435/Artenauta/Fotolia  

  Mit fortschreitender Arbeitszeit müssten die Pausen auch länger werden: "Hier liegt es an den Arbeitgebern, dies zu ermöglichen."

Vorteile würden auch die großen Freizeitblöcke bieten, die an 12-Stunden-Tage anschließen – etwa für die Kinderbetreuung. Allerdings: "Sie bergen die Gefahr des Missbrauchs, dass man dann einen zweiten Job ausübt – das aber verhindert die Regeneration." Bei Tätigkeiten, die sehr viel Genauigkeit und Verantwortung erfordern, sollte man mit einer Ausweitung der Arbeitszeiten wegen der erhöhten Fehlerhäufigkeit vorsichtig sein – oder einen Tätigkeitswechsel im letzten Drittel des Arbeitstages einbauen.

Arbeit aufteilen

 "Aus dem Gesichtspunkt der Erholung ist der 12-Stunden-Arbeitstag nicht unbedingt günstig, weil es besser ist, Arbeit aufzuteilen", sagt hingegen Gerhard Blasche, Erholungsforscher am Zentrum für Public Health der MedUni Wien: Beim 12-Stunden-Tag bleibe keine Erholungszeit mehr übrig, der Tag beschränke sich auf Tätigkeiten wie Arbeiten, Einkaufen, Essen und schließlich Schlafen.

"Da kann es leichter zur Erschöpfung kommen. Dazu kommt, dass man Erholung nicht speichern kann. Längere Wochenenden sind sicher nett, aber sie kompensieren kaum. Es ist besser, die Erholung in die Arbeitszeit zu integrieren." Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass die Unfallhäufigkeit ab zehn Stunden Arbeit aufgrund zunehmender Ermüdung steige. "Für jene, die an einem Arbeitstag permanent beansprucht werden, liegt hier eine absolute Grenze."

Innehalten und zur Ruhe finden – das hilft bei Erschöpfung.  Es brauche Erholungsphasen und Pausen, um die Leistung zu gewährleisten. Am Beispiel des Gehirns sehe man das sehr gut: "Es braucht Zeit, um sich zu konsolidieren. Das geht nur in Ruhephasen."

Flexibilität sei grundsätzlich gut, sagt Blasche, "aber man muss sich fragen, ob sie innerhalb eines Betriebes tatsächlich auch umgesetzt und gelebt werden kann".

Kommentar

Im Stakkato

Die Idee des flexiblen Arbeitszeitmodells klingt immer sehr elegant. Und human. Meist geht sie vollmundig mit der Vision einher, dass sich die arbeitenden Menschen – ganz nach Lust, Laune und privaten Bedürfnissen – ihre Arbeitsstunden einteilen können. Und zweifellos, das Gefühl der Selbstbestimmung hat schon was – als Ingredienz eines selbstbestimmten Lebens,  im Sinne der viel zitierten und so gesunden Work-Life-Balance.

 Praktisch sieht das mit der Vision von Balance und Selbstbestimmung dann schon etwas anders aus. Möglicherweise haben wir mehr Entscheidungsautonomie, aber dadurch nicht wirklich mehr Freiheit. Die Arbeitswelt hat sich verdichtet, es mangelt an Jobs, der Konkurrenzdruck ist groß. Da bleibt keine Wahl, außer noch mehr zu arbeiten, um die Konkurrenz auszuknocken.  Im Schatten dieser Entwicklung wird immer seltener miteinander, sondern immer öfter gegeneinander gearbeitet. Das drückt auf die Arbeitsatmosphäre und verschärft den Leistungsdruck. Jung gegen alt. Hackler gegen Denker. Langsame gegen die Superfitten.

Zeitnah

Gesund ist das nicht. Gesund ist auch nicht, wenn am Bildschirm alle drei Minuten ein neues Mail aufpoppt und von allen erwartet wird, dass die Email-Flut - bitteschön: ad hoc – bearbeitet wird. Ein beliebtes Wort dafür ist übrigens „zeitnah“. Ungesund ist außerdem, dass wir in einer „Sofort-und-alles-gleichzeitig“-Welt mit uns um die Wette agieren. Während wir die elektronische Post im Stakkato abarbeiten,  klemmt das Smartphone im Ohr. Arbeit hört nicht mehr auf, die Pausen werden weniger. Alles ist immer, rund um die Uhr. Deshalb schleppen die meisten Menschen ihre Arbeit mit ins Bett, ins Wochenende, in den Urlaub. Manchmal, um dem Chef zu gefallen. Oft auch, weil es nicht mehr anders geht, weil die Arbeit, die einst von drei Menschen erledigt wurde, nun von einer Person bewältigt werden muss.

Aus dem Takt

Für Pausen, für ein Durchatmen – für die so genannte „Freiheit“ – bleibt keine Zeit mehr. Erholung wird zu einem Gut, das man sich teuer erkaufen muss. Da liegen wir dann, im chicen Ayurveda-Tempel, um all das zu kompensieren, was wir uns während des Arbeitsjahres aufgebürdet haben. Doch Pech, Erholung lässt sich nicht konservieren – wie Erholungsforscher Gerhard Blasche sagt. Erholung und Auszeit müssen Teil des Lebensflusses bleiben. Doch dieser Lebensfluss mäandert längst – zwischen eigens geschaffenen To-do-listen und Chefwünschen. Die Folgen: Der Mensch – ursprünglich ein Wesen, das getaktet und rhythmisch „funktioniert“ -  schlittert in die Desynchronisation. Mehr Tun, weniger Schlaf, weniger Geld. Und oft auch: weniger Wertschätzung, obwohl man sich so sehr danach sehnt.

Die gefährlichste Zutat im Stress-Cocktail heißt allerdings Angst. Angst vor Jobverlust im Rahmen von so genannten Restrukturierungsmaßnahmen. Die Angst – einfach so -  ins Out gekickt zu werden. Weil man nicht mitgemacht hat, weil man’s nicht wert war. Weil irgendeiner „da oben“ die falschen Entscheidungen getroffen und das Unternehmen in die Pleite gejagt hat. Das ist, was Arbeitnehmer nicht nur lähmt, sondern Dinge tun lässt, die jenseits von Belastungsgrenzen und Identifikationsmöglichkeiten liegen. Da scheint der 12-Stunden-Tag – als logische Folge all dessen - noch das geringere Problem.

(kurier) Erstellt am
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