Wissen und Gesundheit
09.01.2017

Warum in Europa die Eschen sterben

Eschen sind zäh, trotzen Hitze und Kälte – ein Pilz haut sie aber um. Wie Forscher versuchen, sie zu retten.

Das schleichende Sterben einer Baumart, wie es bei den mächtigen Ulmen vor Jahrzehnten geschah, werde er nicht erleben, dachte sich Thomas Kirisits. Er sollte sich täuschen. Heute sitzt der Forstpathologe in seinem Büro an der Universität für Bodenkultur Wien und setzt sich mit dem Tod der Esche auseinander.

Das Sterben dieser Laubbaumart nahm seinen Anfang in Polen. Vor etwa zwanzig Jahren raffte ein bis dato unbekannter Erreger massenweise Eschen dahin – und verbreite sich im restlichen Europa. Lange tappten die Wissenschaftler im Dunkeln, wussten nicht, mit welchem Schädling sie es zu tun haben. Anfang der 2000er- Jahre machten polnische Forscher einen Mikropilz als Übeltäter aus. Aber wie und warum sich dieser ausgerechnet auf die Esche stürzte, konnten sie nicht erklären.

Erste Symptome

Als Kirisits im Juli 2007 im Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich Urlaub machte, fiel ihm Sonderbares auf: zerzauste und entstellte Baumkronen. Er entnahm Proben und stellte den Erreger auch in Österreich fest. Doch es dauerte noch Jahre, bis das Täterprofil klarer war: ein Schlauchpilz aus Ostasien konnte identifiziert werden. Das Erstaunliche: In seiner Heimat verhält sich Hymenoscyphus fraxineus harmlos, weil er sich mit der dort ansässigen Mandschurischen Esche gemeinsam entwickelt hat. Bei ihrer robusten Kollegin in Europa, der zuvor weder Insekten noch Krankheiten was anhaben konnten, besiedelt und schädigt er Triebe und Zweige. Rinde und Holz sterben ab, schließlich der ganze Baum.

Dabei beginnt alles harmlos, erklärt der Experte. "Im verrottenden Eschenlaub bilden sich im Sommer kleine, weiße, becherförmige Fruchtkörper." Sie entwickeln große Mengen an Ascosporen, die sich über die Luft verbreiten. Landen die Sporen auf den Eschenblättern, infizieren sie diese und verursachen nach ungefähr vier Wochen Symptome an Blättern, wie sie Kirisits beobachtete.

Dennoch will er keine Panik verbreiten. Auch wenn die Zahl resistenter Eschen, die mit dem Erreger zurecht kommen, in Europa geschätzt zwischen einem und drei Prozent liegt. "Der Kampf mit dem Erreger beginnt jedes Jahr von neuem. Wie viele Eschen übrig bleiben werden, ist fraglich, vor allem wenn der Befallsdruck hoch ist."

Viele Waldbesitzer mussten ihre Eschen schlägern. Um das Holz zu nutzen oder, weil keine Aussicht bestand, dass sich junge Bestände positiv weiterentwickeln. Aber auch, weil marode Exemplare durch Umfallen und herabstürzende Äste Menschenleben gefährden. Kirisits versteht, wenn Besitzer zu drastischen Maßnahmen greifen. Dennoch sollten sie sich, bevor sie Eschen umschneiden, nach guten oder gering geschädigten Bäumen umsehen und diese melden. Denn er und seine Kollegen vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) wollen die Esche noch nicht aufgeben. Sie arbeiten an einem Ausweg. Ein möglicher ist ihr Projekt "Esche in Not".

Mögliche Rettung

2015 suchten Teams in ganz Österreich nach weiblichen, noch nicht oder nur gering erkrankten Eschen. Sie überprüften die Bäume und ernteten deren Samen. In den Versuchsgärten in Tulln werden angezogene Pflanzen dem Erreger ausgesetzt. So will man feststellen, welcher der Mutterbäume eine hohe Krankheitsresistenz aufweist: besonders resistente Exemplare werden vermehrt und in einer Samenplantage zusammengebracht. Sie paaren sich und produzieren Saatgut, aus dem Pflanzen mit hoher Widerstandskraft angezogen werden können. Dieses Vermehrungsgut soll die Erhaltung der Baumart Esche sicherstellen, sagt Thomas Kirisits. "Wenn alles klappt, ist in 15 bis 20 Jahren mit den ersten Beerntungen zu rechnen." Er hofft, dass Eschen und Erreger künftig nebeneinander leben können. Aber: "Es gibt vermutlich keine Esche, die nicht ab und zu befallen wird."

Würde sich die Esche erholen, erfreut dies nicht nur Tischler und Holzverarbeiter, die sie als Möbel- und Parkettholz schätzen. Auch Werkzeughersteller setzen auf die Elastizität und Zähheit des Holzes. Zudem hat die Esche einen hohen ökologischen Wert, als Lebensraum und Nahrungsquelle. Zum Beispiel für Rot- und Rehwild. "Gibt es keine Eschen mehr, haben die Tiere weniger Äsung (Nahrung des Wildes) zur Verfügung." Sie weichen auf Bergahorn aus, was diese wiederum durch den erhöhten Wildverbiss belastet.

Weiterer Schädling

Der ostasiatische Schlauchpilz ist nicht der einzige Schädling, der den Eschen zu schaffen macht. Der asiatische Eschenpracht-Käfer ist im Anmarsch und hat sich in Nordamerika durch Bestände gefressen: derzeit ist er erst im Westen Russlands, berichtet der Experte. "Es könne 20 Jahre dauern, bis er zu uns kommt." Was dann zu tun ist, weiß selbst der Experte nicht. Denn unsere Esche ist hoch anfällig für den Käfer. Was generell helfen würde, glaubt er zu wissen: strengere Regeln für den Handel mit lebenden Pflanzen. Kirisits kritisiert, dass man Züchtungen wegen niedriger Löhne nach Asien auslagert und Pflanzen kreuz und quer transportiert. "Das fördert die Einschleppung weiterer Schadorganismen."

Dass die Esche hier völlig ausstirbt, schließt der Forstpathologe aus. "Aber die nächsten Generationen werden sie vielleicht nur als seltene Baumart kennen." Wie die Ulme. Damit es nicht so weit kommt, rücken 2017 wieder Teams aus und suchen nach Eschen-Samen fürs Labor.

Info: Bei "Esche in Not" arbeiten das Bundesforschungszentrum für Wald und die Universität für Bodenkultur Wien zusammen. Wie Sie helfen können, lesen Sie unter: www.esche-in-not.at