Wissen und Gesundheit
22.11.2017

Die Grippe-Saison hat begonnen

Nachweis eines Influenza-A-Virus in Wien. Neuer Schnelltest zeigt in Spitälern Infektionen rasch an.

Sollte in Ihrem Umfeld jemand lautstark Nasensekret aufziehen – ärgern Sie sich zumindest in der Grippezeit nicht allzu sehr: „Es ist sozial nicht etabliert – aber ich bin ein Fan des Aufziehens“, sagt Christoph Wenisch, Abteilungsvorstand für Infektions- und Tropenmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien: „Aufziehen ist – epidemiologisch gesehen – hoch wirksam. Man gibt dadurch weniger Viren ab.“

In Wien sind die ersten Menschen an Influenza – echter Virusgrippe – erkrankt: Das Zentrum für Virologie der MedUni hat in einer Schleimhautprobe ein Influenza-A-Virus nachgewiesen. Tatsächlich sind es bereits viel mehr Fälle: Die Hochrechnung des Gesundheitsdienstes der Stadt Wien ergibt für die vergangene Woche 4800 Neuerkrankungen an Grippe und grippalen Infekten. Die Zahl ergibt sich aus den Meldungen von 25 Wiener Ärzten an den Gesundheitsdienst: Sie melden die Zahl ihrer Patienten mit Grippe-Symptomen, hier wird aber keine Virus-Analyse durchgeführt.

Der genaue Subtyp des ersten auch im Labor analysierten Influenza-Falls ist noch nicht bekannt – ob es also jenes A(H3N2)-Virus ist, das in Australien heuer für die stärkste Influenza-Epidemie seit 15 Jahren gesorgt hat. „Man kann aber nicht unbedingt Rückschlüsse von anderen Regionen der Welt auf Österreich schließen“, sagte die Medizinerin Ursula Karnthaler vom Gesundheitsdienst der Stadt Wien am Mittwoch: „Viele Faktoren spielen eine Rolle.“

Schutz der Gesellschaft

Sollte sich das A(H3N2)-Virus auch in Österreich durchsetzen, könnte die Wirkung des Impfstoffes vermindert sein – denn seit der Impfstoffproduktion ist eine punktuelle Mutation dieses Virus aufgetreten. „Auch wenn man nicht garantieren kann, dass der Impfstoff bei jedem einzelnen wirkt, gibt es einen Schutz für die Gesellschaft durch den Herdeneffekt“, betont Christoph Wenisch, Abteilungsvorstand für Infektions- und Tropenmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien: „Das ist eine soziale Verantwortung.“ Eine Impfpflicht gibt es für das Personal in den KAV-Spitälern nicht: „Wir konnten aber durch viel Information die Impfrate deutlich erhöhen“, so Michael Binder, Direktor im Wiener Krankenanstaltenverbund u. a. für „Health Care Management“

Die Grippewelle in der vergangenen Saison war heftig, in Wien mussten wegen der hohen Zahl an Erkrankten Patienten auch in Gangbetten liegen. "Wir haben heuer die Abstimmung zwischen den Spitälern verbessert", sagt Binder. Man sei gut vorbereitet.

Neu ist in den Wiener Spitälern heuer ein Schnelltest, der es ermöglicht, innerhalb von 15 Minuten festzustellen, ob ein Patient die echte Influenza hat oder einen grippalen Infekt. Damit kann rasch entschieden werden, ob jemand auf einer speziellen Grippestation aufgenommen werden muss, um Ansteckungen zu vermeiden.

"Schwere Entscheidung"

Für derartige Grippestationen seien Kapazitäten vorbereitet, betonte Brigitte Ettl, Ärztliche Direktorin des Krankenhauses Hietzing. Bei extrem starkem Andrang könne es aber passieren, "dass vorübergehend ein Bett doppelt belegt ist": "Es ist immer eine schwere Entscheidung, geplante Operationen abzusagen."

Wie groß der Patientenandrang sein kann, zeigen Zahlen aus der vorigen Grippe-Saison: "Im Sommer haben wir täglich 80 bis 120 Patienten zum Abklären an unserer internistischen Notfallabteilung. 70 Prozent davon können nach Hause gehen Im Winter sind es bis zu 200 Patienten, im vergangenen Jahr hatten wir einen Spitzentag mit 230 Patienten. Bis zu 70 Prozent davon bleiben bei uns im Spital."

Im Krankenhaus sollten aber nur Grippe-Patienten aufgenommen werden, bei denen schon ein lebensbedrohliches Organversagen besteht oder droht, betont Wenisch.

Worauf er noch hinweist:
–„Rauchen macht die Lungen anfälliger für Infektionen. Auch Alkohol schwächt das Immunsystem.
–Anti-Grippe-Mittel mit ‚bestimmten fiebersenkenden, schmerzlindernden Wirkstoffen können die Krankheitsdauer sogar verlängern: „Die Anti-Grippe-Antwort des Immunsystems wird beeinträchtigt.“
– Und dann noch ein humorvoll formulierter Rat mit ernstem Hintergrund: „Wenn möglich, sollte man sich nicht in der Grippe-Saison, sondern im Sommer scheiden lassen. Es geht darum, seine Widerstandskräfte zu stärken – und da ist so ein Stress schlecht“.
Dass eine Grippe nicht harmlos ist, zeigt eine Formulierung, die Wenisch schon oft gehört hat: „Die Patienten sagen, sie fühlen sich so, als wäre ihnen der Stecker rausgezogen worden. Die ganze Energie ist weg.“