Wissen und Gesundheit
20.06.2017

Ein Chirurg über seine Erfahrungen mit Grillunfällen

Der auf Brandverletzungen spezialisierte Plastische Chirurg Lars-Peter Kamolz sieht jede Woche Verletzte.

500 Menschen müssen jährlich in Österreich nach Grillunfällen ins Spital, warnten am Montag die Österreichischen Brandverhütungsstellen und das Kuratorium für Verkehrssicherheit. Univ.-Prof. Lars-Peter Kamolz ist Leiter der Klinischen Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am LKH-Univ. Klinikum Graz und Spezialist für Brandverletzungen.

KURIER: Ist Grillen tatsächlich so gefährlich?

Lars-Peter Kamolz: Wenn man vorsichtig ist, dann nicht. Aber leider gibt es immer noch viele Menschen, die sehr unachtsam sind und die Gefahren unterschätzen. In den Sommermonaten vergeht keine Woche, in der wir nicht jemanden mit einer Brandverletzung nach einem Grillunfall behandeln müssen. Ich kann mich wirklich an keine Woche erinnern, in der dem nicht so war. Die Leute sind beim Grillen ja oft in Feierlaune, alles ist lustig, Alkohol wird auch konsumiert – und dann passiert es.

Werden die gefährlichen flüssigen Brandbeschleuniger noch häufig eingesetzt?

Ja, leider, alles mögliche Brennbare, Spiritus, Benzin, Petroleum – was halt verfügbar ist. Häufig kommt es dann zu Verbrennungen im Gesicht: Die Leute beugen sich über den Griller um zu schauen, ob es jetzt eh gut brennt – und haben plötzlich die explosionsartig aufschießende Stichflamme auf der Gesichtshaut. Wir hatten aber auch schon Fälle, bei denen eigentlich Unbeteiligte verbrannt wurden, die dem ,Grillmeister‘ gegenüberstanden. Wenn nämlich dieser mit Schwung und kreisenden Bewegungen die brennbare Flüssigkeit auf die Grillkohlen geleert hat – und die Stichflamme dann auf der anderen Seite emporschießt. Aber auch Verbrennungen an den Händen sind häufig – zum Beispiel werden immer wieder Griller mit lodernder Flamme in der Panik ohne Handschuhe weggetragen.

Wie gravierend sind diese Verbrennungen?

Wir sehen da wirklich die ganze Bandbreite. Wir haben immer wieder Patienten, bei denen wir nach einem Grillunfall eine Hauttransplantation durchführen müssen und mehrere Korrekturoperationen notwendig sind, bis das Ergebnis passt. Trotz aller Möglichkeiten der plastischen Chirurgie können die Verbrennungsfolgen aber auch ein Leben lang entstellend sein. Und natürlich besteht Lebensgefahr: Wir haben ein Kind behandelt, das in ein offenes Grillfeuer am Boden hineingefallen ist – da ging es lange um Leben und Tod. In einem anderen Fall wollte jemand im Übermut über so eine Feuerstelle springen – und ist dabei gestolpert. Die Folgetherapien können Jahre dauern und sehr intensiv sein. Und was auch wenigen bewusst ist: Bis eine Narbe reif ist – die Haut also wieder dieselbe Beschaffenheit, Elastizität und Stabilität hat wie vor der Verbrennung hat – kann es ein halbes Jahr bis Jahr dauern.

Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen empfehlen Sie?

Kleinere Wunden kann man in den ersten Minuten nach der Verbrennung mit lauwarmem – nicht kaltem – Wasser kühlen, aber je größer die Verbrennung ist, umso weniger geeignet ist das. Es besteht auch die Gefahr der Auskühlung der Betroffenen. Am wichtigsten ist es, rasch einen Arzt aufzusuchen. Auf die Wunde keine Cremen auftragen. Man kann aber eine keimfreie Wundauflage auflegen.

Grillen Sie selbst?

Natürlich! Gerne und viel! Und ich will das Grillen auch wirklich niemandem verleiden. Aber ich mache es nur mit feuerfesten Handschuhen, einer langen Hose und mit Schuhen – wir hatten an der Klinik auch schon Verbrennungen an Füßen durch herunterfallende Kohlen – der Betroffene hatte nur Flip-Flops an. Eine Löschdecke und einen Feuerlöscher habe ich immer griffbereit. Und natürlich verwende ich nur trockene, fürs Grillen vorgesehene Anzündhilfen.