Neun Monate dauert es, bis eine Bananenstaude ausgewachsen ist.

© FAIRTRADE Österreich/Guillermo Granja

Hartes Geschäft
10/16/2016

Wer vom fairen Bananen-Handel profitiert

In Ecuador baut man auf der Fläche Vorarlbergs Bananen an. Großkonzerne haben hier das Sagen. Die Strategie der Kleinbauern: Sie schließen sich Kooperativen an.

von Sandra Lumetsberger

Er war noch nie länger als einen Tag von seiner Plantage weg. Der kleine Mann mit den kräftigen Händen wieselt durch die meterhohen Bananenstauden seiner Finca. Die Luft ist heiß und feucht, ein paar Regentropfen dringen durch das Blätterdach. Endlich, auf den Regen warten sie schon lange, sagt Segundo Bautista Cañar Agurto, den alle nur Segundo nennen. Heute wird er 212 Kartons mit Bananen packen – in den kommenden Monaten sind es mehr als 300. Herbst und Winter sind für ihn Hauptsaison, zu dieser Zeit essen Europäer mehr Bananen.

Der 44-Jährige ist Mitglied in der Kleinbauernkooperative "ASOGUABO" in El Guabo, eine Kleinstadt im Süden Ecuadors. 125 Bauern, davon 37 Frauen, bewirtschaften 760 Hektar, die Hälfte davon ist bio-zertifiziert. In dem Land, das seit den 1950er-Jahren Bananen anbaut (nach Erdöl zweitwichtigstes Exportgut), sind Fairtrade-Bauern eine Minderheit. Vor einem Monat geschah aber ein kleines Wunder: Bei der jährlichen Bananen-Messe wird nicht nur eine "Bananen-Königin" gekrönt, es werden auch die schönsten Stauden prämiert. Platz eins und zwei gingen erstmals an Bananen aus biologischer und fairer Produktion.
Ein Erfolg, auf den nicht nur die Kleinbauern stolz sind. Auch Lianne Zoetewej ist es. Die Holländerin ist Managerin der Kooperative. Vor 15 Jahren kam sie als Entwicklungshelferin ins Land, getrieben von der Vision, die Welt besser zu machen. Im Hochland Ecuadors lernte sie schnell, dass die Menschen ihre eigene Lebensphilosophie haben. Und Familie über allem steht. Viele verkaufen ihre Ware günstiger an die Verwandtschaft, "denn die ist noch immer die beste Versicherung", berichtet Lianne. Viele verzichten auf die Sozialversicherung und meinen die Familie wird sich um einen kümmern.

Keine Almosen

Auch manche Bananen-Bauern in El Guabo denken so, mit dem Unterschied, dass sie mit ihren Produkten Geld verdienen wollten. Daher holten sie Lianne, die den Handel kennt: "Die Menschen sind nicht auf Almosen angewiesen. Es ist wichtiger, sie in ihrem Vorhaben zu unterstützen. Sie sind stolz auf ihre Ware und wollen sie gut verkaufen."

Dennoch ist es ein hartes Geschäft – das Großkonzerne regieren und Konsumenten steuern. Bauer Segundo zeigt auf die giftgrüne Schale einer unreifen Banane. Es dürfen außen keine Flecken zu sehen sein. "Innen muss sie weiß und hart sein und nach Gurke riechen." Nur makellose Bananen kommen in die Supermärkte – was sich Marketingstrategen einst ausgedacht haben, wird heute von Konsumenten erwartet. Zudem müssen sie eine bestimmte Größe und Dicke haben – bestimmt von einer EU-Richtlinie. Aus den Früchten, die nicht der Norm entsprechen, produzieren sie Püree oder Saft – dafür hat Segundo Abnehmer.
Seine Kooperative bekommt pro Kiste einen fixen Mindestpreis (11,90 US-Dollar ) – Segundo erhält davon 9,10 US-Dollar pro Kiste. Zudem gibt es für die Kooperative einen Dollar Prämie für jede Kiste. Von der Gesamtsumme entschied das Gremium der Kooperative vergangenes Jahr 60.000 Dollar in Gemeinschaftsprojekte zu investiert. Zum Beispiel in eine Privatversicherung für Senioren, in eine Schule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, in Düngemittel oder in eine Krankenschwester vor Ort. Davon profitieren auch Tagelöhner.
Apropos. Der informelle Sektor ist hoch. Fast 40 Prozent arbeiten ohne Vertrag. Auch auf Segundos 4,5 Hektar großer Farm helfen, bis auf einen Angestellten, Mitglieder seiner Familie bei der wöchentlichen Ernte. Sie entfernen Blütenreste, spritzen Bananen ab, verpacken sie in Kartons. Als Fairtrade-Produzent muss der Bauer Standards einhalten. Was seine Arbeiter davon haben: Geregelte Arbeitszeiten, Schutzkleidung, und Essen sowie Schulmittel für Kinder. Wird ein Erntehelfer verletzt, übernimmt er die Kosten.
Ein paar Kilometer weiter, auf der Farm "Victoria Maria", ist das Gegenteil der Fall. Bei lautem Discosound arbeiten etwa fünfzehn Menschen im Akkord. Ihr Gehalt unterscheidet sich nicht groß von den Fairtrade-zertifizierten Bauern, Die Arbeitsbedingen aber schon: Sie müssen aber größere Flächen bearbeiten und haben unregelmäßige Arbeitszeiten. Die erste Stunde ist meist unbezahlt. Wer sich in Gewerkschaften engagiert, wird eingeschüchtert, erzählt eine Mitarbeiterin. Zudem erhalten sie keine Schutzkleidung und sind Pestiziden auf der Plantage und im Produktionsbereich ausgesetzt.

Problem Pestizide

Pestizide werden auf allen großen Fincas gesprüht – dort werden Flugzeuge eingesetzt. Dadurch lagern sich die Chemikalien auch auf Häusern und Schulen ab. Die Sprüheinsätze werden nicht kontrolliert, beklagt der Arzt Victor Falconi. Er lebt in der Kleinstadt Tenguel nahe El Guabo. Mit der Fairtrade-Prämie unterstützt die Kooperative ein Therapiezentrum. Falconi stellte ein Gebäude zur Verfügung.
Die Physiotherapeutin Johanna Cedeño Copa behandelt hier zwei Tage pro Woche Menschen mit Gelenksschmerzen, oder Gesichtslähmungen: Alle kommen zu ihr, Arbeiter und Anrainer. Johanna ist ebenfalls überzeugt, dass die Pestizide Folgen haben, viele Kinder leiden an neurologischen Problemen. Eine Mutter bringt gerade ihren Sohn: Gilmar ist ein Jahr alt, aber im körperlichen Zustand wie im vierten Lebensmonat. Seine kleinen Hände und Füße sind angespannt. Johanna macht mit ihm Übungen, damit sich die Muskeln lockern.

Gegen das Pestizid-Problem hilft das nicht. Dass die Flugspritzungen gesundheitsschädlich sind, ist bekannt, bestätigt Marco Oviedo, Vertreter des Landwirtschaftsministeriums. Dennoch wollen sie, unter Kontrolle, mehr Chemie-Flieger auf konventionellen Farmen einsetzen, um effizienter und wettbewerbsfähig zu bleiben. Peru und die Dominikanische Republik dominieren nämlich den europäischen Markt, sie zahlen niedrigere Importzölle als Ecuador. Ein Freihandelsabkommen mit der EU macht’s möglich. Nachdem sich Präsident Rafael Correa anfangs dagegen wehrte, stieg der Druck seitens der Bananen-Lobby. Experten erwarten, dass es in den kommenden Monaten wieder zu Verhandlungen kommt.

Die Chemikalien ruinieren nicht nur Menschen, sondern auch den Boden – davon ist Bauer Segundo überzeugt. Er setzt auf biologisch anerkannte Spritzmittel gegen Schädlinge und weiß, dass er längerfristig mehr von einem gesunden Boden hat. Unkraut hält er mit der Sense klein. Das Wissen hat er von seinem Vater. Und gibt es an seine Kinder weiter. Einer der Söhne spritzt eine Bananenstaude mit Wasser ab. Jilson ist 21, studiert Ingenieurswesen und möchte die Finca übernehmen, sagt er. Vater Segundo ist skeptisch. Er ist froh, dass seine Kinder eine Ausbildung machen und zweifelt, ob sie von der Finca künftig leben können. Immer weniger übernehmen den Betrieb der Eltern. Eine, die es getan hat, ist Fabiola del Rosario Ramon. Sie ist die Präsidentin der Kleinbauernkooperative "ASOGUABO" und steht mit Lianne an der Spitze der Organisation. Damit mussten die Männer erst zurechtkommen, sagt die ehemalige Bankkauffrau. Mit ihrem Mann lebte sie in der Hauptstadt Quito. Als sie von ihrem Vater Land erbte, war klar, dass sie nach El Guabo zurückkehrt. Ihre Kinder sehen das anders: Sie studieren in der Stadt. Ecuador ist ein aufstrebendes Land, Präsident Correa investiert ins Bildungswesen. Manche haben künftig eine bessere Ausbildung, werden nicht mehr auf Fincas arbeiten wollen.
Auf dem Land gibt es dennoch Nachholbedarf, etwa in der Infrastruktur für Kleinbauern. Neuestes Projekt, von der Fairtrade-Prämie bezahlt, ist eine Docking-Station nahe der Kooperative. Statt lange zum Hafen zu fahren, können sie ihre Ware direkt in den Schiffscontainer laden. Segundo ist der Erste, der seine Paletten bringt. Er ist zufrieden mit der Fuhr. Demnächst wird er auf Einladung des Vereins Fairtrade sogar nach Österreich kommen und von seiner Arbeit erzählen. Zum ersten Mal wird er länger als einen Tag von seiner Plantage weg sein.

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