Symbolbild: Versorgung von Schlaganfallpatienten in Stroke Units

© Klinikum Wels-Grieskirchen

Serie Notfallmedizin
06/05/2016

Die Tops und Flops im Gesundheitswesen

Spitzenmedizin und Strukturmängel - der KURIER hat dazu Experten befragt.

von Josef Gebhard, Ernst Mauritz

Frustrierte und überlastete Spitalsärzte, immer längere Wartezeiten auf Behandlungstermine und in den Ambulanzen, massive Einsparungen im Spitalsbereich – die Probleme im heimischen Gesundheitssystem, das nach wie vor zu den besten der Welt zählt, werden immer größer. Der KURIER hat zwei Experten um ihren Befund gefragt. Sie schildern, wo in ihren Augen die Stärken und Schwächen des heimischen Gesundheitswesens liegen.

Gute Akutversorgung

"Nach wie besteht in Österreich ein sehr guter Zugang zur medizinischen Versorgung", sagt die Wiener Ökonomin Maria Hofmarcher. Zum Beispiel zu modernen, aber extrem teuren Krebsmedikamenten. Im Gegensatz zu anderen Ländern bleibe die Entscheidung, ob sie eingesetzt werden, in der Hand der Mediziner.

"Im internationalen Bereich vorzeigbar ist auch die Behandlung von Schlaganfall-Patienten", betont die Expertin. "Dank der flächendeckenden Etablierung sogenannter Stroke Units ist die Schlaganfall-Sterblichkeit in Österreich viel stärker zurückgegangen als anderswo."

Während grundsätzlich die Akutversorgung gut funktioniere, sieht Hofmarcher noch große Lücken in der Betreuung von chronischen Patienten. "Hier gibt es Schwächen in der Abstimmung zwischen Gesundheits- und Sozialsystem."

Ein weiteres immer noch nicht gelöstes Problem sei die mangelhafte Koordinierung zwischen dem Spitals- und dem niedergelassenen Bereich. "Alles was kostspielig ist, wird in die Krankenhäuser verschoben", sagt die Expertin. Es brauche daher dringend neue Versorgungsformen, um das System effizient zu machen.

Finanzierung

Hofmarcher plädiert unter anderem für eine Umstrukturierung der Finanzierung. So sollten die Gemeindemittel für Spitäler an den Bund gehen, der diese zusammen mit den Bundesmitteln an die Krankenhäuser ausschüttet. Allerdings gekoppelt mit bestimmten Qualitäts- und Effizienzrichtwerten.

Weiters brauche es bundeseinheitliche Vorgaben zur Mittelzusammenführung im Bereich der ambulanten Versorgung. Wie genau die Versorgung mit Spitälern und Ordinationen aussehen soll, soll aber auf regionaler Ebene entschieden werden.

Parallel dazu müsse laut Hofmarcher auch die Kassenlandschaft gestrafft werden. Für sie wären neun Gebietskrankenkassen ausreichend. "Hier geht es aber weniger um Einsparungen, sondern um eine höhere Steuerungseffizienz."

Wolken vor einer Erfolgsgeschichte

Krebsforschung, Immunologie (z. B. Allergien) und Neurowissenschaften (z. B. Alzheimer, multiple Sklerose): "Das sind unsere Top-Bereiche, in denen wir in der Forschung nahe an die internationale Weltspitze herankommen", sagt Univ.-Prof. Markus Müller, Rektor der MedUni Wien. "Das ist eine Erfolgsgeschichte – aber mit Wolken am Horizont. Die Gefahr ist derzeit groß, dass der Abstand wieder größer wird."

Die Gründe:

  • Viele Patienten: Die Onkologie im Wiener AKH/MedUni Wien etwa ist für rund 50 Prozent der gesamten Patientenversorgung in Wien zuständig: "Das ist für eine Universitätsklinik ein enormer und international sehr unüblicher Wert. Und nur 66 Prozent der Patienten kommen aus Wien."
  • Arbeitszeitgesetz: Das neue Ärzte-Arbeitszeitgesetz beschränkt die wöchentliche Dienstzeit auf 48 Stunden – ganz gleich, ob Bezirkskrankenhaus oder Universitätskliniken mit Forschungsauftrag. "In den 48 Stunden ist auch die Zeit für Forschung und Lehre inkludiert – aber diese Bereiche kommen derzeit zu kurz. Auch wer länger arbeiten will, darf das derzeit nicht." Müller fordert für Uni-Kliniken eine Ausnahmeregelung: "Die Arbeitszeit mit Patienten sollte auf 48 Stunden beschränkt bleiben. Aber darüber hinaus sollte es möglich sein, freiwillig bis zu zwölf Stunden nur für Wissenschaft und Forschung tätig zu sein. Nur so können wir mithalten."
  • Fehlende Infrastruktur: "Das große Zukunftsthema wird die Big-Data- bzw. Präzisionsmedizin sein", so Müller. "Individuelle Patientendaten – etwa genaue Gen-Analysen von Tumorgewebe – werden die Grundlage für individuelle Therapien sein." Dafür sei aber Infrastruktur notwendig, etwa ein österreichisches Zentrum für Präzisionsmedizin in AKH-Nähe, das Platz für die notwendigen Großcomputer bietet. Das gibt es bereits in anderen Ländern und wäre auch bei uns dringend notwendig."

Zur Person: Markus Müller ist seit Herbst 2015 Rektor der MedUni Wien

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