Wissen und Gesundheit
07.04.2017

Die Cannabis-Lüge: "Kiffen ist nicht harmlos"

Kiffen ist seit der US-Legalisierung zum Mainstream geworden. Der Psychiater und Drogenexperte Kurosch Yazdi erklärt, warum die Droge verharmlost wird.

Für medizinische Zwecke wird Kiffen weltweit immer mehr salonfähig. Doch in den psychiatrischen Einrichtungen gibt es immer mehr Patienten mit Psychosen – oft ehemalige Kiffer. Auch als Alternative zu Alkohol oder Zigaretten ist Cannabis nicht so harmlos, wie häufig getan wird, warnt der Drogenexperte und Psychiater Kurosch Yazdi im KURIER-Interview anlässlich seines neuen Buches "Die Cannabis-Lüge" (Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient, erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, 15,50 €).

KURIER: Seit Cannabis in immer mehr Ländern für medizinische Zwecke legalisiert wird, zeigen Studien, dass es vielfältig positive Effekte zeigt: Bei Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), bei Depressionen, es wird sogar Senioren empfohlen damit sie besser schlafen und essen können. Warum ist Cannabis aus Ihrer Sicht dennoch gefährlich?

Dr. Kurosch Yazdi: Da muss man grundsätzlich unterscheiden: Es gibt Forschung zu den Inhaltsstoffen der Cannabispflanze. Also zum Beispiel zu THC (Tetrahydrocannabinol) – das ist der Hauptwirkstoff, der auch berauschend wirkt oder zu Cannabidiol – das ist ein anderer wichtiger Wirkstoff, der aber gar nicht berauschend wirkt. Und dann gibt es noch rund 200 weitere Wirkstoffe, von denen wir noch fast gar nichts wissen. Es hat sich gezeigt, dass wir THC und Cannabidiol bei manchen Erkrankungen einsetzen können, sofern die Nebenwirkungen nicht überwiegen. Die gibt es bei jedem Medikament. Bei MS löst Cannabis etwa Muskelkrämpfe, unter denen die Patienten oft leiden. Da reden wir nicht vom Kiffen, sondern von Medikamenten, die schon seit langem in Österreich zugelassen sind und die jeder Arzt verschreiben kann. Diese Medikamente können im Milligrammbereich dosiert und verschrieben werden. Beim Kiffen kann ich nicht verschreiben, kiffen Sie 17 Milligramm THC dreimal am Tag für sieben Tage. Das widerspricht jeglichem medizinischen Sinn.

Kann Kiffen medizinisch überhaupt helfen?

Viele Wirkungen, die wir dem Kiffen zuschreiben, entstehen gar nicht durch die berauschende Substanz, also durch das THC, sondern werden durch das Cannabidiol ausgelöst, das völlig langweilig ist, weil es gar nicht berauschend wirkt. Die Hanfpflanze kann in seiner Blüte entweder viel THC machen oder viel Cannabidiol – beides geht nicht. Im heutigen Marihuana ist aber kaum noch Cannabidiol enthalten. Es ist also völlig absurd, das heutige Marihuana gegen Angsterkrankungen oder Epilepsie anzuwenden.

Da werden also Äpfel mit Birnen vermischt?

Wir haben eine völlig undifferenzierte Diskussion, die nur einem dient, dass man möglichst viel Kiffen kann. Und als Vorwand wird der medizinische Effekt vorgeschoben. Ich habe auch kein Problem, wenn eine Gesellschaft sich entscheidet, wir wollen viel Kiffen – das ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung. Aber tun wir bitte nicht so, als wenn wir das Marihuana zu einem medizinischen Zweck brauchen, weil das ist ein Humbug.

Cannabis hat zunehmend den Ruf des Genussmittels, das harmloser ist als Alkohol oder Zigaretten. Es heißt oft, es wäre keine Einstiegsdroge.

Da muss man differenzieren: Jede Droge, mit der ich anfange, ist eine Einstiegsdroge – das Gehirn unterscheidet nicht zwischen Sucht und Sucht. Wenn ein 15-Jähriger mit Zigaretten anfängt, ist das für ihn die Einstiegsdroge. Das gilt genauso für Alkohol, LSD oder Glücksspiel. Das Gehirn unterscheidet nicht einmal, ob ich substanzabhängig oder verhaltenssüchtig bin. Wenn ich einmal nach einer Substanz süchtig bin, dann werde ich auch leichter nach anderen Dingen süchtig – es muss nicht passieren, aber es geschieht leichter. Cannabis kann also auch eine Einstiegsdroge sein, und zwar dort, wo Jugendliche als Erstes Cannabis verwenden. In US-Colleges kiffen mittlerweile mehr junge Menschen regelmäßig als Zigaretten zu rauchen. Für diese jungen Menschen ist also Kiffen die Einstiegsdroge.

Laut Suchtmittel-Studien trinkt jeder dritte Österreicher regelmäßig Alkohol und raucht Zigaretten, aber nur jeder Siebzehnte (6 Prozent) kifft regelmäßig – sind Alkohol und Zigaretten nicht das größere Problem?

Derzeit sind Alkohol und Zigaretten in Österreich weitaus problematischer, das bestreite ich überhaupt nicht. Ich warne nur davor, dass wir Cannabis jetzt verharmlosen. Ein Beispiel: In Österreich sterben pro Jahr 15.000 Menschen an den Folgen von Zigaretten – aber nur 100 bis 200 an Heroin. Von der Zahl her gesehen, sind Zigaretten viel gefährlicher als Heroin, aber niemand würde Heroin deshalb verharmlosen. Man sollte ein Übel nicht mit dem anderen tauschen.

Für wen ist Kiffen überhaupt geeignet, wo es weltweit immer mehr Zuspruch bekommt?

Egal, was man verwendet, man sollte es in Maßen tun. Wenn jemand ab und zu auf einem Fest ein paar Mal an einem Joint zieht, hat er höchstwahrscheinlich keinen Nachteil daraus. Ich gebe zu, dass es viele Menschen gibt, die auf harmlose Art und Weise kiffen – doch das gibt es beim Alkohol auch. Würden wir deswegen Alkohol verharmlosen? Nein.

Wie oft wäre es okay zu kiffen?

Beim Kiffen kommen ein paar Probleme dazu, die es bei Alkohol und Zigaretten nicht gibt. Etwa, wie lange der Stoff im Körper bleibt. Alkohol ist bei normalem Konsum spätestens nach 10 bis 20 Stunden aus dem Körper. Wer zweimal pro Woche trinkt, gilt nicht als häufiger Konsument. Wenn Sie aber zwei Mal in der Woche einen ganzen Joint kiffen, sind Sie ein paar Stunden high, aber die Droge bleibt die ganze Woche im Körper. Für einen Studenten klingen zweimal pro Woche nicht oft, aber die Konzentrationsfähigkeit ist die ganze Woche über beeinträchtigt. Es gibt also Aspekte, wo Cannabis viel schlimmer ist als Alkohol. Umgekehrt werden manche unter Alkoholeinfluss aggressiv und mit Cannabis nicht.

Wann ist es sonst noch schlecht?

Wir reden immer darüber, wie schädlich Zigaretten für die Lunge sind, aber das weiß jeder und fast jeder raucht Zigaretten mit Filter, wodurch ein großer Teil der Schadstoffe hängen bleiben. Wer raucht Cannabis mit Filter? Niemand, sonst bleibt auch das THC im Filter hängen. Die meisten verwenden nur ein Stück Papier oder Karton damit es nicht beim Mund brennt. Der Cannabisrauch geht also mit allen Verbrennungsschadstoffen ungefiltert in die Lunge. So gesehen ist ein Joint für die Lunge viel schädlicher als eine Zigarette. Dazu kommt, Marihuana verbrennt bei einer viel höheren Temperatur als Tabak – dadurch entstehen weit mehr krebserregende Stoffe. Dadurch ist auch das Passivrauchen von Marihuana viel schädlicher als das von Zigaretten.

Sie raten bestimmten Personengruppen konkret davon ab, Cannabis auch nur zu probieren...

Ja, eindeutig. Wir wissen, dass Cannabis zu den Halluzinogenen gehört und damit kann es psychotisch machen, muss es aber nicht. Psychose heißt, dass man die Realität verzerrt wahrnimmt – das wird jeder bestätigen, der schon einen ordentlichen Cannabisrausch hatte, dass er Farben, Töne, Zeit verändert wahrgenommen hat. Bei den meisten ist das harmlos, weil die Symptome mit dem Rausch vergehen. Bei einem kleinen Prozentsatz vergehen diese Symptome aber nicht und sie schlittern zum Beispiel in eine Paranoia. Bei manchen kann sich das chronifizieren, auch ohne Drogen zu nehmen und dann spricht man von Schizophrenie. Man kann sich mit Cannabis also echt ein Ei legen. Auch, wenn es nur ein paar Prozent betrifft, wer will das denn riskieren?

Speziell wenn es in der Verwandtschaft schon Fälle von Schizophrenie gibt, ist es wirklich Kamikaze dann auch noch zu kiffen. Aus Studien wissen wir, dass diese Leute viel mehr zu Psychosen neigen. Wenn Sie heute in Österreich auf die Psychatrien schauen, werden Sie genug Fälle von Menschen finden, die regelmäßig Cannabis konsumiert haben und dann schizophren geworden sind. Auch, wenn sie ohne Cannabis schizophren geworden wären, wäre die Erkrankung ohne Kiffen vielleicht später aufgetreten.

Gibt es Zahlen, die zeigen, dass die Fälle gestiegen sind?

In Colorado – also in einem der ersten Staaten, wo Cannabis legalisiert wurde – musste die Kapazität der Jugendpsychiatrie aus diesem Grund verdoppelt werden, weil sie so viele Jugendliche hatten, die süchtig nach Cannabis oder dadurch psychotisch geworden sind. Auch, wenn Cannabis nur für Erwachsene erlaubt ist, wissen wir aus jedem Land der Welt: Wo Cannabis für Erwachsene legalisiert wurde, ist auch die Zahl der jugendlichen Konsumenten deutlich gestiegen.

Woran liegt das?

Sobald etwas legalisiert wird, erweckt es den Schein der Harmlosigkeit, geschweige denn, wenn man es als Medikament einsetzt. Und zweitens, sobald es legalisiert wird, explodiert die Verfügbarkeit – und wir wissen, die Menschen konsumieren das, was verfügbar ist. In Wien wird weniger Crystal Meth konsumiert als in Oberösterreich, weil es in Oberösterreich durch die Nähe zu Tschechien viel verfügbarer ist. Die Verfügbarkeit macht die Droge. Deswegen bin ich auch gegen die Legalisierung.

Aus medizinischer Sicht sollte Cannabis also illegal bleiben?

Egal, wie wir es machen, es gibt Nach- und Vorteile. Ich bin Arzt und zähle diese auf. Das ist letztendlich keine medizinische, sondern eine gesellschaftspolitische Entscheidung. Wenn man es verbietet, hat das ja auch Nachteile, wie etwa die Kriminalisierung. Das beschäftigt Polizei und Gerichte, obwohl sie eigentlich besseres zu tun hätten. Es gäbe aber auch einen Zwischenschritt zu sagen, man macht es zu einer Verwaltungsübertretung, wie beim Falschparken. Wenn ich kiffe, bekomme ich einen Strafzettel. Aber wenn ich es übertreibe, als würde ich 100 km/h zu schnell fahren, dann hat es auch strafrechtliche Relevanz. Aber ich bin dafür, dass man den privaten Konsum entkriminalisiert.

Ich warne aber eindrücklich vor dieser pseudomedizinischen Legalisierung wie in den USA, dass ich Cannabis verschrieben bekomme, wenn ich Migräne habe. Auf einmal haben Massen von Menschen chronische Krankheiten. Medizinisch gesehen brauchen wir kein Kiffen.

Welchen Umgang würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir einen unemotionalen, differenzierten Diskurs wünschen. Derzeit gehen die Emotionen sofort hoch. Wenn man dafür ist, ist man ein Junkie und wenn man dagegen ist, man ein konservativer Ignorant. Auch Einzelfälle, die von der tollen Wirkung berichten, sind sinnlos – jeder Krebskranke, dem man Kokain gibt, wird anfangs berichten, dass es ihm besser geht. Es ist keine Kunst, einen Schwerkranken für ein paar Stunden, Tage oder Wochen in einen besseren Zustand zu bringen – die Frage ist, was passiert nach ein paar Monaten?

Haben Sie selbst schon gekifft?

Ich beantworte die Frage bewusst nicht. Wenn ich sage, ich konsumiere Cannabis, dann sagen viele, was ist denn das für ein Mediziner. Wenn ich sage, ich habe noch nie konsumiert, dann sagt jeder, der hat ja keine Ahnung, wovon er redet. Egal, was ich antworte, ich verliere.