Wissen und Gesundheit
10.02.2017

Cannabisblüten auf Rezept: In Deutschland ja, in Österreich nein

Staatlich kontrollierter Hanfanbau für pharmazeutische Zwecke bei der AGES. © Bild: /AGES

In Deutschland wird es Cannabisblüten und Extrakte auf Rezept in bestimmten Fällen geben. In Österreich ist das nicht in Sicht.

Schwerkranke Menschen sollen ab März von ihrem Arzt auf Kosten der Krankenkassen Cannabisblüten oder -extrakte verschrieben bekommen können – in Deutschland. Und zwar dann, wenn eine "nicht ganz entfernt liegende Aussicht" auf eine positive Wirkung besteht. Die Krankenkassen müssen die Therapie innerhalb von drei Tagen genehmigen – die genaue Patientengruppe muss aber noch definiert werden.

In Österreich sind nur einzelne halb- und vollsynthetische Cannabis-Präparate erhältlich, bis auf wenige Ausnahmen nur über ein Suchtmittelrezept. "Diese enthalten einen oder zwei der Cannabis-Wirkstoffe", sagt der Wiener Allgemeinmediziner Kurt Blaas, Obmann der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. "Die Blüte bzw. Extrakte enthalten 60 bis 80 Cannabinoide."

Dr. Kurt Blaas © Bild: KURIER/Jürg Christandl
Blaas präsentierte Mittwochabend den ersten Patientenratgeber zur Cannabismedizin. Österreichweit werden jährlich rund 1000 Patienten neu auf Cannabis-Präparate eingestellt, 2000 werden insgesamt jedes Jahr versorgt. "Der tatsächliche Bedarf dürfte bei 4000 bis 5000 Patienten liegen. Aber es gibt zu wenig Informationen und Ärzte, die sich mit dem Thema befassen."

In rund 40 Prozent der Fälle werden die Kosten von den Sozialversicherungsträgern nach der Genehmigung durch den Chefarzt übernommen." Und die können bis zu mehrere Hundert Euro im Monat ausmachen.

Hanfanbau, AGES-Wien © Bild: /AGES

Bedenklich

"Die hohen Medikamentenpreise und das Verbot von Cannabis in seiner natürliche Form führen derzeit in Österreich zu bedenklichen Entwicklungen", sagt Blaas: "Einerseits zum Selfgrowing, also dem Eigenanbau von Pflanzen ohne kontrollierten Wirkstoffgehalt. Und zum Bezug völlig ungeprüfter Produkte aus dem Internet. Viele Patienten begeben sich unwissend mit beiden Beinen ins Kriminal."

Von zehn Patienten, die ihn wegen einer Therapie mit Cannabis aufsuchen, würden bereits drei bis vier "eigene Sachen" mitbringen. "Unlängst hatte ich eine Krebspatientin mit sehr starken Schmerzen bei mir, die 100 Milliliter eines angeblichen natürlichen Cannabisextraktes um 5500 Euro erworben hatte – ohne eine Garantie zu haben, dass da wirklich ein Extrakt enthalten ist."

Durch den Einsatz von Cannabis als Medizin komme es "zu keiner körperlichen Abhängigkeit". Kritiker führen als mögliche Nebenwirkung einer längeren Anwendung eine Psychose (psychische Störung) an. Dazu Blaas: "Vor jeder Verschreibung gibt es ein ausführliches Anamnesegespräch. Zeigt sich dabei, dass der Patient psychische Probleme hat, muss man einen Psychiater oder Neurologen zuziehen und möglicherweise eine engmaschige Kontrolle vorsehen." Doch bei den Dosierungen im medizinischen Bereich sei dieses Risiko extrem gering. "Bei vielen anderen Medikamenten sind Nebenwirkungen viel häufiger."

"Es gibt in vielen Bereichen sehr gute Therapie-Erfolge – von Schmerzzuständen bis zum Burn-out-Syndrom", sagt Blaas. Und betont aber auch: "Cannabis ist nicht der Stein der Weisen, und keine Super- oder Wunderdroge. Einen Hanf-Mythos brauchen wir auch nicht."

Buchtipp:

Hanfbuch © Bild: /Edition les.arten

Kurt Blaas, Canabismedizin, edition les.arten, 12,90 Euro

Die neue Regelung zur Cannabis-Medizin in Deutschland hat auch Auswirkungen in Österreich: „Noch im Frühjahr“ will das Gesundheitsministerium ein Expertengremium zum Thema „Cannabis in der Medizin“ einsetzen. Einen entsprechenden Bericht der Ärztezeitschrift Medical Tribune bestätigte ein Ministeriumssprecher: „Das steht in einem Zusammenhang mit Deutschland – die dortige Neuregelung war aber nicht der einzige Auslöser dafür.“

Denn die Erfahrungen in Deutschland und die Ergebnisse der dort geplanten begleitenden Forschung könnten auch für Österreich relevant sein. Erste Auswirkungen merkt man aber auch bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Diese baut seit einigen Jahren unter strengen Auflagen und Sicherheitsbestimmungen in Glashäusern in Wien Hanfpflanzen für die deutsche Firma Bionorica an: „Wir bekommen die Pflanzen und bringen sie bei uns zur Blüte.“ Die Blüten gehen dann an die Bionorica. Diese stellt daraus das Arzneimittel Dronabinol mit dem Wirkstoff THC her.

„Wir haben seit Kurzem spürbar mehr Anfragen für einen derartigen Auftragsanbau“, so ein AGES-Sprecher. Denn einen derartigen, streng kontrollierten, de facto staatlichen Anbau für rein medizinische Zwecke gebe es so wie in Österreich nur in wenigen Ländern.