Wissen und Gesundheit
31.12.2017

Der Zufall als Feind des Glücks

Physiker Florian Aigner erklärt, warum wir trotz Schweinchen, Kleeblättern und Bleigießen weder die Zukunft voraussehen, noch das Glück beeinflussen können.

Die Zukunft vorhersagen, wissen, was als nächstes passieren wird und am besten noch einen Weg finden, um alles zum eigenen Vorteil zu beeinflussen - daran arbeitet die Menschheit schon seit sie existiert. Gerade zu Silvester nimmt sie die Sache aber jedes Jahr selbst in die Hand. Da wird Blei gegossen, werden rosa Schweinchen aus Marzipan verschenkt und zur Sicherheit auch die Wäsche abgehängt. Dass das rein wissenschaftlich alles wenig Sinn ergibt, und welche Kräfte es stattdessen sind, die unsere Zukunft beeinflussen, erklärt Physiker, Zufallsforscher und Futurezone-Kolumnist Florian Aigner.

Rote Unterwäsche tragen, Bleigießen, die Wäsche ja nicht hängen lassen. Für die Silvesternacht gibt es zahlreiche Bräuche. Ergibt aus wissenschaftlicher Sicht irgendeiner davon Sinn?

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das natürlich Unsinn. Die Farbe meiner Unterwäsche kann weder die Lottozahlen noch das Wetter im neuen Jahr beeinflussen. Kulturwissenschaftlich wird dieses Verhalten aber vielleicht verständlich: Für uns Menschen sind Traditionen und Rituale nun einmal wichtig. Dieses Bedürfnis steckt ganz tief in uns drin. Und wenn uns Bräuche wie das Bleigießen Spaß machen, oder wenn sie vielleicht dazu führen, dass wir uns sicherer und zuversichtlicher fühlen, dann ist dagegen nichts zu sagen. Man darf es nur nicht zu ernst nehmen.

Warum nicht?

Weil es gefährlich sein kann, zu tief ins abergläubische Denken abzugleiten. Es gibt Leute, die ihr ganzes Leben nach dem Horoskop ausrichten und dadurch zu dummen Entscheidungen verleitet werden. Und oft führt Aberglaube auch zu Angst und innerem Zwang: Wer sich den ganzen Tag mit dem Gedanken quält, dass er vergessen hat, sein morgendliches Glücksritual abzuhalten, der verschlechtert durch irrationales Denken seine Lebensqualität.

Warum ist die Menschheit so besessen von dem Wunsch, die Zukunft voraus zu sagen?

Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, genau darauf hat uns die Evolution ausgerichtet. Die menschliche Intelligenz hat sich entwickelt, damit wir Muster erkennen, Theorien bilden und die Zukunft einschätzen können. Genau das ist unsere Stärke. Allerdings haben wir genau deshalb auch die Tendenz, Zusammenhänge zu vermuten, wo es in Wirklichkeit gar keine gibt, zum Beispiel zwischen einem Glücksbringer und einem erfreulichen Ereignis. Das ist uns angeboren, aber Unsinn ist es trotzdem.

Auch die Wissenschaft arbeitet permanent daran, Prognosen für die Zukunft zu entwickeln.

Ja, genau das ist die zentrale Aufgabe der Wissenschaft. Wir können vorherberechnen, was geschehen wird, wenn wir bestimmte chemische Substanzen mischen, wir können genau sagen, wo sich der Planet Mars heute in hundert Jahren befinden wird. Allerdings hat die Wissenschaft auch erkannt, dass gewisse Dinge für immer unvorhersagbar bleiben werden. So wird es zum Beispiel nie einen perfekten Wetterbericht geben. Auch Meteorologen der Zukunft, mit hochpräzisen Wettermessstationen und den tollsten Computerprogrammen der Welt werden nicht sagen können, wie das Wetter in fünf Jahren sein wird. Die Vorhersagekraft der Wissenschaft hat also auch ihre Grenzen.

Warum sind gerade Tage wie Silvester besonders beliebt, um sich dem Aberglauben hinzugeben?

Der Jahreswechsel ist eine Zeit, in der man vielleicht ein bisschen zur Ruhe kommt, über das vergangene Jahr nachdenkt und ein wenig sentimental wird. Das ist ja durchaus schön so. In dieser emotional gefärbten Stimmung tendieren wir offenbar dazu, das logische Denken ein bisschen beiseite zu lassen. So lange man die Rationalität nicht ganz aus den Augen verliert, ist das auch nicht schlimm. Viele Menschen schenken einander zum Jahreswechsel Glücksbringer.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, dem Glück ein bisschen nachzuhelfen?

Leider nicht. Wäre das so, könnte man das ja wissenschaftlich untersuchen: Gäbe es tatsächlich einen Glücksbringer, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich einen Parkplatz finde, sie Grippewelle gesund überstehe oder im Lotto gewinne, dann könnte man die Wirkung des Glücksbringers statistisch nachweisen. Das ist aber noch nie gelungen – und das wird auch in Zukunft nicht gelingen.

Gibt es Ihrer Meinung nach etwas wie das Schicksal?

Den Glauben an ein unverrückbares Schicksal, an einen fixen Lebensweg, der uns vorherbestimmt ist, halte ich für gefährlich. Wir sind freie, selbstbestimmte Wesen, die das Beste aus ihren Möglichkeiten herausholen sollten. Sich zurückzulehnen und zu sagen: Das Schicksal hat ohnehin vorherbestimmt, was geschehen wird, wäre dumm.

Das heißt, es liegt alles an uns alleine?

Nein. Es ist auch falsch zu glauben, jeder könne sein Glück oder Unglück selbst kontrollieren. Wenn uns jemand einredet, Erfolg und Misserfolg hängen nur davon ab, ob wir uns ausreichend anstrengen und die richtigen Entscheidungen treffen, ist das eine grobe Verzerrung der Realität: Der Zufall spielt in unserem Leben eine wichtige Rolle. Es gibt großartige, fleißige, kluge Menschen, die heftige Misserfolge einstecken müssen, weil ihnen das nötige Glück fehlt. Und es gibt ziemlich dumme Leute, die es durch eine Serie glücklicher Zufälle ganz nach oben schaffen. Das dürfen wir nicht vergessen.

Welche Kräfte sind es also, die das Leben der Menschen steuern?

Es sind wir selbst, unsere Mitmenschen und eine gehörige Portion Zufall. Wir sollten uns jeden Tag bemühen, aus den gegebenen Möglichkeiten das Beste zu machen – aber wir sollen uns darüber im Klaren sein, dass man nun mal nicht alles kontrollieren kann. Ich glaube, dieser Gedanke kann uns zu glücklicheren Menschen machen: Wenn die Dinge gut laufen, sollten wir uns nicht gleich für Superhelden halten, sondern daran denken, dass eben auch Glück mit dabei war. Und wenn wir mal verlieren, dann müssen wir uns nicht schämen – vielleicht war der Zufall diesmal einfach nicht auf unserer Seite.

Obwohl Sie Wissenschaftler sind, gibt es Bräuche, die Sie zu Silvester umsetzten?

Freunde treffen, gut essen und trinken – das ist ein Brauch, der mir wichtig ist. Glücksbringer müssen es bei mir nicht unbedingt sein. Außer sie sind aus Schokolade. Dann machen sie glücklich, ganz unabhängig von ihrer Form.