Wissen
03.12.2018

Der Kunstschnee der Zukunft: Tiroler planen Schnee-Revolution

Für die Herstellung soll weniger Wasser und Strom benötigt werden. Wie schwierig es ist, die Natur zu kopieren.

Die Skifahrer interessieren sich nicht für das kleine Männchen, das unten im Tal übers Plateau turnt. Denn die meisten haben andere Sorgen, mühen sich den steilen Hang hinab. Und schließlich kann niemand ahnen, was Michael Rothleitner, der von oben betrachtet tatsächlich wie eine Playmobilfigur wirkt, dort unten treibt. Dabei hat er eine Vision, die das Skifahren grundlegend verändern könnte. Rothleitner forscht am Kunstschnee der Zukunft, der weniger Wasser und Strom benötigt und den Wintersportlern mehr Freude bereiten soll.

Das Problem beim Schnee aus der Kanone ist: Er kommt rund und kugelig daher, wie kleine Eiskörner. Beim Fahren fühlt er sich an, als würden die Skier über Styropor kratzen. Zudem entstehen auf Kunstschnee oft großflächige Eisplatten, die vollen Einsatz erfordern. Gute Wintersportler und Rennläufer kommen damit zurecht, nicht aber die breite Masse. Das bestätigt sich auch hier im Tiroler Kühtai, wo Rothleitner seine Forschungsstation aufgebaut hat. Viele Skifahrer fluchen, als sie auf dem steilen Hang ins Rutschen kommen, weil die Kanten im eisigen Schnee nicht halten.

Kristall-Struktur

Richtiger Schnee hingegen ist fluffig, fast flauschig. Unterm Mikroskop offenbart er seine sechseckige, fein verästelte Struktur. „Bisher schafft es nur die Natur, wunderschöne Schneekristalle zu erzeugen.“ Irgendwann kriegt das aber vielleicht auch Michael Rothleitner hin. Allerdings ist das Thema Schnee so komplex, dass Rothleitner ständig mit neuen Schwierigkeiten und Problemen zu kämpfen hat. Es hat schon Wochen gedauert, allein einen vernünftigen Versuchsaufbau hinzubekommen.

"Bisher schafft es nur die Natur, wunderschöne Schneekristalle zu erzeugen"

Michael Rothleitner, Schneezentrum Tirol

Zwar war schnell klar, dass das Forschungszentrum in Kühtai entstehen soll. Die Höhenlage gibt eine gewisse Sicherheit und garantiert einigermaßen gleichbleibende Bedingungen, um die Schnee-Revolution zu starten. Die Talstationen liegen auf 2000 Metern – diese Tatsache beschert auch in Zeiten des Klimawandels noch einen fünfmonatigen Winter, der diesen Namen verdient.

Aber eine der ersten banalen Fragen lautete: Wie misst man überhaupt Schnee? Schließlich kann man einen Schneehaufen, den eine Lanze in die Prärie spuckt, nicht einfach wiegen. Rothleitner ist auf den Trichter gekommen, den Schneeberg mit einer Digitalkamera zu fotografieren und am Computer zu vermessen. Aber zufriedenstellend ist die Vorgehensweise auch nicht. Schließlich wollen Rothleitner und die Wissenschaftler, mit denen er zusammenarbeitet, ja auch wissen, wie hoch der Feuchtigkeitsgehalt des künstlichen Produktes ist.

Zu viel Wasser bedeutet schnelle Eisbildung. Das mag der Skifahrer nicht. Und hätte man bei diesem Produktionsvorgang nicht auch Wasser sparen können? Je nach Umgebungstemperatur, Sonneneinstrahlung oder Luftdruck verändert sich das Endprodukt.

Es existiert noch ein grundlegendes Problem, das die Wissenschaftler im Vorfeld nicht auf dem Zettel hatten: Wasser ist nicht gleich Wasser, es enthält Staubkörnchen, Minerale, Salze, Pilzsporen, die Einfluss auf den Gefrierpunkt haben. Und auch in dieser Hinsicht kann man keine gleichbleibenden Bedingungen schaffen. Seefeld, Semmering, Südtirol – das Wasser ist überall anders.

Einzige Rettung

Kunstschnee scheint für den Skitourismus, gerade in niedrigen Lagen der Alpen, aber die einzige Rettung. Statistiker haben festgestellt: Sowohl Mittelgebirge, als auch Alpenrand und Alpen verzeichnen eine signifikant rückläufige Tendenz an Schneetagen. Auf der Nordhalbkugel nehmen Schneefälle und -menge kontinuierlich ab, wie der Weltklimarat schon in seinem Bericht 2015 öffentlich gemacht hat. Die Schnee-/Skisaison verkürzt sich demnach alle zehn Jahre um fünf Tage.

Dumm nur, dass Schnee aus der Kanone teuer und Umweltschützern ein Dorn im Auge ist: Um ein Hektar Grün in skitaugliches Weiß zu tauchen, sind laut Naturschützern bis zu 20.000 Kilowattstunden Strom nötig. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt verbraucht rund 4000 Kilowattstunden pro Jahr. Umweltschützer mahnen, dass die Beschneiung im Alpenraum fast so viel Wasser verbrauche, wie die 1,8 Millionen Einwohner Wiens pro Jahr zum Leben.

20.000 Schneekanonen

In den Dolomiten gibt es bereits mehr als 150 Speicherseen und unterirdische Becken. Experten schätzen, dass dort mindestens 5000 Schneekanonen und -lanzen im Einsatz sind. In ganz Österreich spricht man von 20.000. Gutachten aus der Schweiz legen nahe, dass dies über kurz oder lang negative Folgen für den Wasserhaushalt hat. Die österreichische Klimaforscherin Dr. Andrea Fischer kommt in einem Gutachten, das sie im Auftrag von Seilbahnverbänden erstellt hat, zu dem Fazit: Bis 2050 würden sich die Bedingungen für die Kunstschnee-Produktion nicht wesentlich verändern.

Die Alpenvereine halten mit Ergebnissen eigener Studien dagegen. Beispiel Bayern: Selbst bei massivem Ausbau der Beschneiungsanlagen wären in 15 bis 20 Jahren nur 50 bis 70 Prozent der Skipisten schneesicher. Michael Rothleitner lässt sich von der Diskussion nicht beirren. Wer könne schon verlässlich sagen, was die Zukunft bringt. Sicher ist er aber in einem Punkt: „Kunstschnee wird besser, günstiger und umweltschonender.“