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Belegte Wirkung
02/15/2017

Das erste pflanzliche Arzneimittel gegen Migräne

Erstmals wurde eine österreichische Arzneipflanze des Jahres gewählt - das Mutterkraut kann die Häufigkeit und Schwere von Migräneattacken reduzieren.

von Ernst Mauritz

Das Mutterkraut (Tanacetum parthenium) ist die erste österreichische Arzneipflanze des Jahres. Das gab die Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) Mittwochvormittag bekannt. Mutterkraut wurden von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) als bewährtes traditionelles Pflanzenheilmittel zur Vorbeugung von Migräneattacken eingestuft. Wegen der Ähnlichkeit mit der Kamille wird die Pflanze regional auch "Mutterkamille", "Zierkamille" oder "falsche Kamille" bezeichnet.

Wissenschaftler der Universität Würzburg küren seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres in Deutschland. Nach diesem Vorbild wählt seit heuer die Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) - bestehend aus Experten der pharmazeutischen Institute der Universitäten Graz, Innsbruck und Wien - die Arzneipflanze des Jahres in Österreich.

Weniger Migräneanfälle

"Die Wirkung von Mutterkraut wurde in zahlreichen pharmakologischen Studien untersucht", so Univ.-Prof. Rudolf Bauer, Vizepräsident der HMPPA und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz. Die Kombination der Inhaltsstoffe hemmen unter anderem eine überschießende Freisetzung des Botenstoffs Serotonin, der bei der Migräne eine entscheidende Rolle spielt. Auch Entzündungsstoffe werden gehemmt.

"Bei regelmäßiger Einnahme konnten die Anzahl und die Schwere der Migräneanfälle signifikant gemildert werden. Außerdem kam es zu einer Verbesserung der Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen." Mutterkraut ist das erste pflanzliche Arzneimitel gegen Migräne am österreichischen Markt.

"Migräne betrifft jeden zehnten Menschen", sagt Univ.-Prof. Christian Wöber, Leiter des Spezialbereiches Kopfschmerz der Uni-Klinik für Neurologie der MedUni Wien / AKH Wien. Bei Frauen zwischen 20 und 40 Jahren steigt der Anteil auf 20 bis 25 Prozent. Weltweit ist Migräne nach Zahnkaries und Spannungskopfschmerz die dritthäufigste Krankheit.

Vorbeugender Einsatz

"Ab einer bestimmten Häufigkeit - etwa drei bis vier Anfällen pro Monat - ist lediglich eine medikamentöse Therapie der akuten Symptomatik unzureichend", es seien zusätzlich auch vorbeugende Maßnahmen notwendig: "Das reicht von der Lebensstiländerung - ausreichend Flüssigkeit, regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Schlaf - über Entspannungstechniken und Akupunktur bis hin zu Medikamenten wie etwa Betablockern." Und eben auch Mutterkraut, das seit einem Jahr für die Migränebehandlung zugelassen ist.

Bei der vorbeugenden Behandlung von Migräne "scheint im ärztlichen Alltag der migränelindernde Effekt von Mutterkraut mit anderen Behandlungsmöglichkeiten vergleichbar zu sein", sagt Wöber. Wobei für alle prophylaktischen Maßnahmen "nicht voraussehbar ist, in welchem Ausmaß Migränebetroffene auf die Therapie ansprechen werden. Die Bandbreite reicht von sehr guten Erfolgen bis zu keinen Effekten." Deshalb sei es notwendig, jede Therapie zu testen - und die Reaktion des Patienten zu beobachten. Und: "Es gibt keine einzige Behandlung, die bei allen wirkt und mit der wir Migräne beseitigen können."

"Exzellente Verträglichkeit"

"Grundsätzlich ist jedoch bei Mutterkraut ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Substanzen hervorzueben, seine exzellente Verträglichkeit", so Wöber. Lediglich bei bekannter Allergie gegen Kamille - ebenso wie das Mutterkraut ein Korbblütler - darf Mutterkraut nicht eingesetzt werden.

Eingenommen wird Mutterkraut in Form einer Kapsel täglich, egal, ob gerade Migränesymptome vorhanden sind oder nicht. Die Wirksamkeit kann nach etwa sechs Wochen beurteilt werden. "Wenn sich zeigt, dass Häufigkeit und Intensität der Attacken zurückgehen, wird die Behandlung für etwa ein halbes Jahr fortgesetzt."

Lange Geschichte

Mutterkraut hat eine lange Geschichte als Arzneipflanze, betont Rudolf Bauer. Bereits der griechische Arzt Dioskurides (erstes Jahrhundert nach Christus) erwähnte die Pflanze. Im 8. Jahrhundert hat Karl der Große angeordnet, Mutterkraut in Gärten anzupflanzen. 1772 schrieb der englische Apotheker John Hill in "The Family Herbal": "Beim schlimmsten Kopfschmerz übersteigt dieses Kraut alles, was man sonst kennt ..." Weitere traditionelle Einsatzgebiete waren Regel- und Geburtsschmerzen sowie Rheuma.

Kriterien für die Heilpflanze des Jahres

Für eine "Heilpflanze des Jahres" sind mehrere Kriterien notwendig, betonte Univ.-Prof. Hermann Stuppner, Präsident der HMPPA und Leiter der Abteilung für Pharmakognosie am Institut für Pharmazie der Universität Innsbruck: Es müssen neue Studienergebnisse vorliegen, sie muss Forschungsthema eines Instituts in Österreich sein, sie muss eine Bedeutung in der Medizin und Pharmazie haben und es muss neue Indikationsgebiete geben, wie beim Mutterkraut die Anwendung gegen Migräne.

Zu Unrecht vergessen

"Bis ins vorige Jahrhundert wurden in Europa Krankheiten fast ausschließlich mit pflanzlichen Heilmitteln bekämpft", sagt Univ.-Prof. Brigitte Kopp, Vizepräsidentin der HMPPA. "Die Entwicklung synthetischer Arzneimittel ließ sie ein wenig in Vergessenheit geraten - zu Unrecht. Denn aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass Phythopharmaka auch heutzutage einen wichtigen Stellenwert verdienen."

Für jedes auf dem Markt befindliche Arzneimittel - unabhängig ob synthetisch oder pflanzlich - müsse der laut österreichischem Arzneimittelgesetz und laut internationalen Richtlinien der Nachweis der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erbracht sein. "Zweifel an der Wirksamkeit von Pflanzenpräparaten, wie sie von Kritikern geäußert werden, sind daher nicht berechtigt."

Saathafer ist die deutsche Arzneipflanze des Jahres 2017

Die Arzneipflanze des Jahres in Deutschland ist der Saathafer (Avena sativa). Gewählt wurde er wie jedes Jahr in Deutschland vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg.Der Hafer liefert mehrere, ganz unterschiedliche Heilmittel und bietet viele Einsatzmöglichkeiten in Dermatologie und Ernährung. Sein Einsatzspektrum reicht von der Behandlung der Haut über Magen-Darm-Erkrankungen bis hin zur Vorbeugung etwa von Arteriosklerose und Diabetes mellitus Typ 2.

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