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Bauch-Hirn-Schiene
08/29/2015

Darmflora kann Migräne beeinflussen

Probiotika zeigten Erfolge im Kampf gegen Migräne.

von Ingrid Teufl

Migräne ist weltweit die dritthäufigste Erkrankung, in Österreich sind 800.000 bis eine Million Menschen betroffen. Zuletzt wurde ein neuer Ansatz genauer verfolgt, der Wechselwirkungen zwischen Hirn und Darm untersucht. Dass es hier Zusammenhänge gibt, wurde bereits in früheren Studien nachgewiesen. Nun zeigte eine Untersuchung, dass die Einnahme bestimmter Probiotika die Zahl der Migräne-Attacken um 23 Prozent reduzieren könnte.

"Das ist ein interessanter Ansatz, der eine Bereicherung für die Migräne-Therapie darstellen könnte", sagt Univ.-Prof. Christian Wöber, Leiter der Kopfschmerz-Ambulanz an der Uni-Klinik für Neurologie Wien, dazu. "Ob es wirklich etwas bringt, wird sich erst zeigen." Es seien noch weitere Studien nötig.

Dass zwischen den anfallsartigen, zum Teil extrem schweren Kopfschmerzen und dem Bauch Zusammenhänge bestehen, ist schon länger bekannt. Migräne-Attacken werden einerseits häufig von aus dem Bauch kommenden Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfung begleitet. Andererseits haben Menschen mit Darmerkrankungen – etwa Reizdarmsyndrom – auch ein erhöhtes Migränerisiko.

Nervenverbindung

Dazu kommen Nervenverbindungen, die in beide Richtungen wirken. "Das Gehirn steuert über Nerven den Darm und die Zusammensetzung der Darmflora kann sich wiederum auf das Gehirn auswirken." Hier setzt ein neues Präparat an. Spezielle, für das Gehirn wichtige Fresszellen (Mikroglia-Zellen) benötigen für ihre Funktion kurzkettige Fettsäuren.

Butyrat, das von bestimmten Darmbakterien produziert wird, zählt etwa dazu. Allerdings nur, wenn die Darmflora gesund und vielfältig besiedelt ist.

Die zusätzliche Gabe bestimmter, auch natürlich im Darm vorkommender Bakterienstämme als Nahrungsergänzung könnte deshalb das Risiko für Migräneattacken senken. Zu diesem Schluss kommt nun eine Studie, die im Fachmagazin Beneficial Microbes publiziert wurde. 27 Patienten mit mindestens vier Migräneanfällen pro Monaten berichteten nach drei Monaten, dass sich die Anzahl ihrer Anfälle um 23 Prozent reduzierten. Ebenso reduzierten sich Intensität und Schmerzmittel-Einsatz.

Das Thema Ernährung wird von Betroffenen immer wieder in der Migräne-Therapie angesprochen. "Das ist ein sehr komplexes Thema, weil es keine allgemeinen Richtlinien gibt", erklärt Wöber. "Die jeweiligen Verträglichkeiten sind darüber hinaus sehr individuell. Es ist nicht gerechtfertigt, bestimmte Lebensmittel zu verbieten." So könne Heißhunger auf Schokolade durchaus ein Symptom für eine Migräneattacke sein. "Das heißt aber nicht, dass die Schokolade auch der Auslöser ist."

Der Migräne-Experte rät bei einer Neigung zu Migräne, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten. Besonders wichtig ist aber die Eigenbeobachtung, betont er. "Wer ein bestimmtes Produkt in Verdacht hat, sollte testen, ob gezieltes Weglassen hilft."

Impfung soll Botenstoff blockieren

"Das" Wundermittel gibt es bei Migräne nicht. In der Migräne-Therapie gebe es viele verschiedene Ansätze, die individuell angewendet werden können. "Einfache Antworten gibt es leider nicht", sagt Migräne-Experte Univ.-Prof. Christian Wöber von der MedUni Wien.

Seit einigen Jahren wird intensiv an einer Migräne-Impfung geforscht, mehrere Studien laufen dazu derzeit. Ab Herbst nimmt auch die Medizinische Universität Wien an einer davon teil. "Der Impfstoff wird direkt in die Entstehung einer Migräne-Attacke eingreifen", erklärt Wöber. Der Impfstoff richte sich gegen den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptid), der eine Rolle bei Migräne spielt. Vereinfacht ausgedrückt, blockiert dabei ein Antikörper das CGRP. Dadurch soll dem Entstehen von Migräneattacken vorgebeugt werden. Allerdings schätzt Wöber, dass es noch einige Jahre dauert, bis ein derartiges Medikament entwickelt und überhaupt für die Praxis einsetzbar ist.

Derzeitiges Behandlungsziel bei Migräne ist es in der Akuttherapie, das Abklingen der Schmerzsymptome innerhalb von zwei Stunden zu erreichen. Viele Betroffene greifen zu Schmerzmitteln – die oft keine Wirkung mehr zeigen. Für diese Patientengruppe gibt es seit einigen Jahren die sogenannten Triptane, die einen anderen Behandlungsansatz verfolgen als herkömmliche Schmerzmittel. "Für eine bestimmte Patientengruppe sind Triptane eine gute Möglichkeit, die Migräne in den Griff zu bekommen."