Chirurgen operieren mit Musik besser und schneller

Surgery team in the operating room
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Hören Operateure im OP-Saal Musik, die ihnen gefällt, vernähen sie Wunden besser.

Mit Musik geht vieles leichter – das trifft offenbar auch aufs Operieren zu. Eine neue Studie der University of Texas zeigt, dass die Operationstechnik von plastischen Chirurgen besser ist, wenn sie Musik hören, die ihnen gefällt.

Schon vorhergehende Studien zeigen, dass das Hören von Musik im OP-Saal das Stresslevel von Operateuren verringern kann. In der aktuellen Untersuchung verbesserte sich vor allem die Schlussphase von Eingriffen: Die Nähfähigkeit (und damit die Wundheilung) sowie die Geschwindigkeit waren besser, wenn Chirurgen Musik hören konnten – beides ist besonders in der plastischen Chirurgie wichtig.

Schneller

In der Untersuchung arbeiteten 15 plastische Chirurgen an Schweinefüßen, die der menschlichen Haut ähneln. Sie wussten nicht, was in der Studie untersucht wird, sondern sollten ihr Bestes geben. Manche operierten mit und andere ohne Musik. "Wir stellten fest, dass unsere Teilnehmer sich möglicherweise verbesserten, einfach weil sie den Eingriff wiederholten. Dieser Effekt wurde aber reduziert, indem wir die Teilnehmer zufällig Musik hören ließen oder nicht“, sagt Studienautor Shelby Lies.

Die durchschnittliche Dauer der Aufgabe war um sieben Prozent kürzer, wenn die Chirurgen Musik hörten, die ihnen gefiel. Dieser Effekt nahm mit der Übung der Teilnehmer weiter zu.

Interview

Chirurg: "Bin mehr als ein Bauchaufschneider"

Warum Chirurgen oft musikalisch sind und weshalb sie wissen sollten, ob der Anästhesist ein Haustier hat.

Chirurgen gelten als "Skalpellkünstler", die von einer Operation zur nächsten eilen. Ein Bild, das man zurechtrücken muss, sagt Sebastian Roka, seit Kurzem Primar der Chirurgie am Hanuschkrankenhaus und Präsident des Berufsverbandes der Österreichischen Chirurgen.

Was die rund 1000 Allgemeinchirurgen in Österreich auszeichnet, wie nah Arztserien an der Realität sind und wie Patienten davon profitieren, wenn Chirurgen und Anästhesisten sich auch privat gut verstehen, erklärt er im KURIER-Interview.

KURIER: Wie sieht Ihr Alltag aus – überspitzt gesagt: Geht es von einem Bauch zum nächsten?

Univ.-Prof. Sebastian Roka, Leiter der Chirurgisch… Foto: /BÖC Sebastian Roka: Viele Arztserien vermitteln diesen Eindruck. Chirurgen begleiten den Patienten aber über einen langen Zeitraum – von der Diagnose bis zum Eingriff und der Therapie danach. Auch die Arbeit in der Ambulanz, interdisziplinäre Besprechungen zu Patienten und die Behandlung in Akutsituationen gehören dazu. Der Chirurg ist weit mehr als ein "Bauchaufschneider", auch wenn er manchmal dazu degradiert wird. Wichtig ist, dass Patienten Vertrauen zum operierenden Arzt aufbauen. Mir würde es nicht reichen, den Chirurgen nur kurz vor der Narkose zu sehen.

Wie bereiten Sie sich auf eine Operation vor?

Man darf sich das nicht so vorstellen, wie es in manchen Serien dargestellt wird. Es geht nicht nur darum, z. B. einen Tumor aus dem Körper des Patienten zu entfernen, sondern auch darum, lebenswichtige anatomische Strukturen zu erhalten. Am Vortag gehe ich deshalb die Krankenakten nochmals durch, um mir die wichtigen Schritte genau einzuprägen. Kurz vor dem Eingriff nehme ich mir fünf Minuten Zeit und gehe ihn vor meinem geistigen Auge durch. So mache ich mir die kritischen Punkte nochmals klar.

Sind Sie vor oder beim Operieren nervös?

Bei wirklichen Akutsituationen, wenn es um das Leben eines Patienten geht, ist man immer angespannt. Da muss man Ruhe bewahren, etwa indem man sich selbst sagt, dass man nur helfen kann. Oft ist es gut, eine kurze Pause einzulegen und ein paar Sekunden zu überlegen, was man als nächstes genau macht, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man muss lernen, mit dieser Aufgabe umzugehen.

Stimmt es, dass viele Chirurgen im OP-Saal Musik hören?

Während einer Operation sollte ein gutes Gesprächsklima herrschen und nicht "fünf Grad kälter" werden, wenn der Operateur den Saal betritt. Das ist wichtig für die Sicherheit der Patienten. Ich höre oft Musik bei Eingriffen, weil es für alle Beteiligten eine angenehme Atmosphäre schafft. Ich kann mich bei Musik sehr gut konzentrieren. Es gibt aber sicher Chirurgen, die das stört.

Wird während einer Operation auch geplaudert und gescherzt?

Von vielen Patienten wird erwartet, dass der OP-Saal ein Ort höchster Konzentration ist, wo Privates keinen Platz hat. Viele Eingriffe dauern aber nicht nur eine halbe Stunde, sondern manchmal acht Stunden oder länger. Da redet man natürlich miteinander. Auch wenn es viel um die Operation geht, ist das nicht das einzige Thema. Je besser man sich versteht, desto mehr trauen sich die beteiligten Personen etwaige Gefahrenmomente anzusprechen. Das ist für die Patientensicherheit das Allerwichtigste. Eine britische Studie, die Zwischenfälle bei Operationen untersucht hat, zeigt: Wenn der Chirurg vom Anästhesisten weiß, ob er ein Haustier hat, ist das ein wesentliches Sicherheitskriterium. Natürlich ist das nur ein Beispiel dafür, dass zwischen den Beteiligten ein gutes Klima herrscht.

Hätten Sie Hemmungen, einen Angehörigen zu operieren?

Nein, auch wenn ich noch nie eine mir nahestehende Person selbst operieren musste. Wenn Angehörige operiert werden, und ich fachlich etwas beitragen kann, bin ich manchmal dabei, auch wenn ich nicht selbst operiere. Das ist für die Betroffenen, aber auch für mich beruhigend. Unter Angehörigen herrscht automatisch Vertrauen, wenn es um medizinische Behandlungen geht.

Wie nehmen Sie Patienten die Angst vor Operationen?

Man muss unterscheiden, wovor Patienten Angst haben. Viele fürchten, dass sie nach einem Eingriff nicht mehr aufwachen. Die Narkose ist heute ein extrem sicheres Verfahren. Komplikationen aufgrund der Narkose sind ein ganz, ganz seltenes Ereignis. Andere habe Angst davor, die Kontrolle abzugeben. Bei häufigen Eingriffen, etwa Blinddarm-Entfernungen, gibt es so selten Komplikationen, dass man sich keine Sorgen zu machen braucht. Mit der Schwierigkeit der Operation steigt jedoch das Komplikationsrisiko. Dies muss zwischen Patient und Chirurg genau besprochen werden. Nur so kann man Vertrauen aufbauen.

Kommt es doch zu Komplikationen, braucht es dann kreative Lösungswege?

Die Momente, wo Kreativität gefragt ist, haben mich immer fasziniert. Das ist vor allem in der Akutchirurgie der Fall, wo oft nicht alles nach "Schema F" geht und man einen Weg finden muss, der in diesem Moment der richtige ist. Wichtig ist eine gute Vorstellungsgabe. Chirurgen planen operative Eingriffe anhand zweidimensionaler Bilder. Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen ist sehr hilfreich. Viele mögliche Schwierigkeiten können so vorhergesehen werden. Mir gefällt aber auch das Detektivische, wenn nicht ganz klar ist, was hinter den Symptomen und Beschwerden eines Patienten steckt, und man nachforschen muss, was die Ursache sein könnte.

(kurier / ege) Erstellt am
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