Wissen und Gesundheit
15.09.2017

Bye bye, Cassini!

Warum die Nasa die Sonde, die unser Wissen über das Saturnsystem revolutionierte, heute abstürzen lässt.

Versetzen wir uns in eine Zeit zurück, in der Großbritannien Hongkong an China zurück gab, Kinder mit Tamagotchis spielten, der Elchtest Tagesgespräch war und Lady Di starb. Vor beinahe zwanzig Jahren, im Oktober 1997, startete die schwerste Sonde, die je ins All geschossen wurde. Mehr als die Hälfte ihres Gewichts von gut fünfeinhalb Tonnen entfiel auf den Treibstoff – 3,4 Milliarden Kilometer wollen erst mal überwunden werden. Nature nannte es "die ambitionierteste und teuerste jemals unternommene Planeten-Expedition". Das Ziel von Cassini-Huygens: Der Saturn.

Heute schlägt die letzte Stunde der Sonde. Cassini wird den Ringplanten noch einmal fotografieren, die Aurora des Nordlichtes beobachten, letzte Daten von Titan und Enceladus sammeln und zur Erde funken; und ganz zum Schluss die Staub- sowie chemische Zusammensetzung der Atmosphäre detektieren. Dieses letzte Abtauchen beginnt am Freitag um 10:37 Uhr; gegen 13:54 Uhr erwartet die Nasa das letzte Signal, ehe Cassini wie ein Meteor auseinanderbricht.

Wissenschaftler sind gespannt. Dabei hat die Sonde die Erwartungen längst übertroffen. "Die Mission war vollgepackt mit wissenschaftlichen Premieren", sagt Nasa-Managerin Lisa Spilker: Noch nie zuvor hatte sich eine Sonde in die Region der Saturn-Ringe gewagt. Cassini hat Orkane in Schallgeschwindigkeit, kilometerhohe Berge, einen Ozean auf dem Mond Enceladus und flüssige Methan-Seen auf dem Mond Titan entdeckt. Um diesen – den größten – Saturn-Mond zu untersuchen, gab man Cassini die Tochtersonde Huygens mit.

Grazer Mikro am Saturn

Und hier kommen die Österreicher ins Spiel: Ein am Grazer Institut für Weltraumforschung ( IWF) gebautes Mikrofon hat die Windgeräusche während des Abstiegs aufgenommen. "Dieses Mikrofon liegt nun im Methan-Morast auf dem Titan und ist unser entferntester Außenposten", scherzt IWF-Direktor Wolfgang Baumjohann.

Was Huygens Kameras erspähten, war spektakulär: Bergzüge und Dünen, Täler und Kanäle, die auf Erosion durch Flüssigkeit hindeuteten. Als Huygens schließlich, den Boden erreichte, dokumentierte die Kamera Eiskiesel: Auf Titan existiert ein Kreislauf wie jener des Wassers auf der Erde, doch hier regnet es flüssiges Methan.

Inzwischen genießt aber ein anderer Saturnmond die größte Aufmerksamkeit irdischer Forscher. "Enceladus besitzt einen warmen, salzigen Ozean. Wir können keinen unbeabsichtigten Kontakt mit diesem unberührten Himmelskörper riskieren", sagt der Projektmanager der Mission Earl Maize. "Cassini muss sicher beiseite geräumt werden, und unsere einzige Wahl war es, sie irgendwie geordnet zu zerstören." Auch Baumjohann bestätigt: "Satelliten müssen vernünftig entsorgt werden." Man könne sie nicht einfach so herumfliegen lassen, Schließlich will die Nasa verhindern, dass Mikroben von der Erde Enceladus kontaminieren – besonders jetzt, da die Chance auf einfache Formen von Leben, die noch zu erforschen sind, größer geworden ist.

Hintergrund der Sorge

1969 brachten die Apollo-12-Astronauten Teile der alten Raumsonde Surveyor-3 zurück auf die Erde. Im Gehäuse einer Bordkamera entdeckte man irdische Einzeller. Ob die zweieinhalb Jahre lang den lebensfeindlichen Bedingungen auf dem Mond getrotzt hatten, ist heute zwar umstritten, der Fund führte aber zu strengen interplanetaren Hygieneregeln.

Darum muss Cassini auseinanderbrechen und verglühen. Mehr noch: Die Temperaturen werden so hoch sein, dass die Teilchen in ihre Moleküle und Atome zerlegt werden, und am Ende sollte nichts übrig bleiben – die Saturnatmosphäre wird die Sonde vollkommen in sich aufgenommen haben. Cassinis wissenschaftliches Erbe aber wird noch lange nachwirken.