„Wir alle sind als Menschen gleich und als Individuen unterschiedlich“ 

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Ist Mitmenschlichkeit erlernbar?
04/13/2017

Ist Mitmenschlichkeit erlernbar?

Die globale Gesellschaft profitiert von einem "zivilisierten Miteinander", das erlernbar ist.

von Margaretha Kopeinig

Barack Obama hat die Ungleichheit zwischen Menschen, Staaten und Gesellschaften als "die grĂ¶ĂŸte Gefahr fĂŒr unsere Demokratien" bezeichnet. Der Aufstieg von Rechtspopulisten, Nationalisten sowie autokratischen Herrschern – auch in der EU – bestĂ€tigen den ehemaligen US-PrĂ€sidenten gespenstisch.

Weltweit nehmen gewaltsame Konflikte und blutige Terror-Attacken zu. Die Lage verschĂ€rfen KlimaverĂ€nderungen, Hunger und Armut. Die Folgen sind vielfĂ€ltig: FlĂŒchtlingsströme quer ĂŒber Kontinente hinweg und Menschen, die sich dadurch in ihrer IdentitĂ€t angegriffen fĂŒhlen. Angst, Aggression, Vorurteile und die Ablehnung des Anderen, des Fremden, machen sich breit.

Diese PhÀnomene nehmen zwei österreichische Wissenschafter zum Anlass, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, nÀmlich Mitmenschlichkeit.

Peter Gowin und Nana Walzer haben kĂŒrzlich ein Buch herausgegeben, das den anspruchsvollen Titel trĂ€gt: "Die Evolution der Menschlichkeit. Wege zur Gesellschaft von morgen". 20 Autorinnen und Autoren der verschiedensten Berufe – vom Psychotherapeuten ĂŒber Arzt, Physiker, Jurist, KĂŒnstler bis hin zu Theologen – sind aus jeweils ihrem Blickwinkel und ihrer Erfahrung der Frage nachgegangen, wie mehr Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit entwickelt und gefördert werden kann.

LiebesfÀhigkeit

Gowin und Walzer geht es darum, das Bewusstsein fĂŒr das Thema in der Gesellschaft zu verankern und zu vermitteln, was Menschen mit anderen Menschen verbindet: Empathie, LiebesfĂ€higkeit, Kommunikation, die Angewiesenheit auf soziale Beziehungen. FĂŒr die beiden steht fest: Mitmenschlichkeit ist erlernbar.

"Der Weg fĂŒhrt vom VerstĂ€ndnis zur Praxis", erklĂ€rt Gowin, der in Physik und Psychotherapiewissenschaft promoviert hat. Und er gibt ein Beispiel: "Wenn der Mensch sich ĂŒberfordert fĂŒhlt, etwa von Fremden, von der HeterogenitĂ€t der Gesellschaft oder von der zunehmenden Globalisierung, reagiert die Psyche und fĂ€llt leicht zurĂŒck in die archaische Verhaltensweisen von Aggression und Angst.

Wenn man aber versteht, dass der andere nur deswegen anders denkt, weil er in einer anderen Gesellschaft lebt, eine andere MentalitĂ€t hat oder mit anderen kulturellen MaßstĂ€ben aufgewachsen ist, kann man erreichen, dass die vermutete Feindschaft aufgelöst wird. Aus Hass auf das vermeintlich Feindliche wird dann neutrale Akzeptanz des Anders-Seienden."

Neben dieser persönlichen Komponente verweist Nana Walzer auch auf die gesellschaftliche Ebene: "Wie funktionieren wir miteinander?", fragt die promovierte Kommunikationsexpertin und Trainerin. Es gehe um das Bewusstmachen, in welchem politischen System wir leben wollen: In einer Demokratie auf Basis der Menschenrechte oder unter autoritÀren Strukturen?

Peter Gowin fĂŒgt ganz spontan hinzu: "Meine Referenz ist der erste Mensch, der auf ein Blatt Papier, die Begriffe ,Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit‘ geschrieben hat. Dieses unscheinbare StĂŒck Papier mit den drei Worten entfaltete in der Folge eine enorme politische und gesellschaftliche Wirkung."

Die kritische Nachfrage, warum sich die ideale Vorstellung einer friedlicheren Welt bis heute nicht nachhaltig durchgesetzt hat, ebenso die Einsicht, dass es allen Menschen mit der Wahrnehmung und dem tÀglichen Praktizieren von Mitmenschlichkeit besser gehen könnte, entgegnen beide mit einem Hinweis: "Das zivilisierte Miteinander hat sich durchaus verbessert." Das zeigen unter anderem internationale Dokumente und Abkommen sowie die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, zu denen sich weit mehr als hundert Staaten freiwillig verpflichtet haben.

Globalgesellschaft

Nicht zu vergessen sei auch das Friedensprojekt EuropĂ€ische Union. "Europa hat jetzt die Chance, ein Modell fĂŒr eine sich positiv entwickelnde Globalgesellschaft zu werden", betont Walzer.

Ein wichtiger SchlĂŒssel zum Erlernen von Mitmenschlichkeit ist das Verstehen des scheinbaren Widerspruches, wonach "wir alle als Menschen gleich sind und als Individuen unterschiedlich". Das mĂŒsse im Dialog vermittelt werden, auch in den verschiedenen Bildungseinrichtungen, verlangt Walzer. Die Herausgeber des Handbuches fĂŒr mehr Mitmenschlichkeit fordern auch neue Curricula fĂŒr den Unterricht – vom Kindergarten bis zur UniversitĂ€t –, um zu lernen, miteinander solidarisch umzugehen.

Sie kĂŒndigen ein zweites Buch mit eben diesen praktischen Beispielen und LösungsvorschlĂ€gen an, um den Herausforderungen auf globaler, lokaler und individueller Ebene konstruktiv zu begegnen.

"Es geht um die Erkenntnis und die Erfahrung, dass es spĂŒrbar Sinn macht, wenn es nicht nur mir selbst, sondern uns allen miteinander besser geht", formuliert Nana Walzer. Und Peter Gowin fasst es kurz und bĂŒndig so zusammen: "Der Weg zur Gesellschaft von morgen fĂŒhrt ĂŒber die Kultivierung von Mitmenschlichkeit. Daran sollten wir festhalten."

Peter Gowin/Nana Walzer (Hrsg.): Die Evolution der Menschlichkeit. Wege zur Gesellschaft von morgen. BraumĂŒller Verlag, Wien 2017, ISBN 978-2-99100-201-7, 461 Seiten, 26 €.

Peter Gowin

Er hat an UniversitĂ€ten in Wien, Stuttgart und Oxford studiert und ist Philosoph, promovierter Physiker sowie promovierterPsychotherapiewissenschaftler. Peter Gowin (Mag., DDr.) ist Vorstand des Human and Global Development Research Institute (DRI). Das DRI ist ein unabhĂ€ngiges und gemeinnĂŒtziges Forschungs- und Bildungsinstitut mit Sitz in Wien. Das DRI ist im Bereich der globalen Entwicklung im 21. Jahrhundert tĂ€tig. WĂ€hrend seiner langjĂ€hrigen TĂ€tigkeit fĂŒr die Vereinten Nationen konzentrierte sich Gowin auf verschiedene Schwerpunkte wie Wissensmanagement, Energie und globale Entwicklung.


Nana Walzer

Sie hat an der UniversitĂ€t Wien Kommunikationswissenschaften studiert (Mag. Dr.). Sie leitet das Center fĂŒr Angewandte Kommunikation in Wien. Walzer arbeitet als Trainerin, Lektorin und Moderatorin. Thematische Schwerpunkte bilden die Bereiche von IdentitĂ€t und Positionierung, Leadership und Strategie, Change und Emotionen. Sie ist Autorin des Werkes „Die Kunst der Begegnung“, das 2016 in Wien erschienen ist (BraumĂŒller-Verlag). Im Mai 2017 wird ihr neues Buch mit dem Titel „Open Minded Leadership“ vorgestellt werden. Darin geht es um zukunftsweisende FĂŒhrung.

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