Wissen und Gesundheit
20.02.2017

Arzt-Gespräch: "Den Patienten die Angst nehmen"

Eine Spezialistin für Gesundheitskommunikation über gelungene Patienten-Gespräche.

"Die Qualität der Beziehung zwischen Arzt und Patient wird in Zukunft noch wichtiger werden." Das sagt die Spezialistin für Kommunikation im Gesundheitsbereich, Britta Blumencron. Sie ist Lehrgangs-Beauftragte für Kommunikation im Gesundheitswesen am Zentrum für Gesundheitsmanagement der Donau Uni Krems und hat für ihr neues Buch – ein Ratgeber für Behandler und Pflegepersonal – die neuesten Erkenntnisse zur "gesunden Kommunikation mit Patienten" zusammengestellt.

KURIER: Die moderne Medizin kann durch Auswertung von immer mehr Daten – etwa Genanalysen – Therapien zunehmend individuell anpassen. Müssen da Arzt und Patient überhaupt noch miteinander reden?

Britta Blumencron:Es ist genau umgekehrt: Der Wunsch der Menschen nach direkter Ansprache steigt. Dieser rasante Fortschritt der Medizin macht die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung sogar noch wichtiger. In einer komplexer werdenden Medizinwelt braucht der Patient einen kompetenten Gesprächspartner, der ihm die verschiedenen Therapiemöglichkeiten erklärt – und den menschlichen Faktor in die Hightech-Medizin einbringt. Aber das Rollenverständnis des Arztes wird sich noch stärker ändern.

Inwiefern?

Weniger Zeigefingermedizin, mehr Dialog auf Augenhöhe. Heute ist im Rahmen der mehr und mehr individuell angepassten Therapien oft von einer "personalisierten Medizin" die Rede. Aber was wir wirklich benötigen ist eine "personenzentrierte Medizin" – eine Medizin, die auf die Sprache des Patienten besser eingeht und Kompliziertes gut erklärt. Künftig ist der Gesundheitsberater meines Vertrauens gefragt. Und das Ziel eines empathischen Gesprächs ist es, Patienten die Angst zu nehmen.

Aber geht die Entwicklung durch die ökonomischen Zwänge nicht in eine andere Richtung?

Einerseits ja: Wir erleben derzeit ein verunsichertes Gesundheitssystem: Ärzte, die sich von der Politik mit knappen Personal- und Zeitvorgaben unter Druck gesetzt fühlen und Patienten, die das spüren und verunsichert sind. Natürlich leidet darunter auch das Pflegepersonal. Andererseits wächst der Druck von Patienten und Ärzten, an dieser Situation etwas zu ändern.

Kann man den Effekt eines guten Gesprächs auch messen?

Laut einer US-Untersuchung gehen 66 Prozent aller schweren Zwischenfälle in einem Krankenhaus auf Kommunikationsfehler zurück. 45 Prozent aller Patientenbeschwerden in australischen Spitälern stehen in direktem Zusammenhang mit mangelnder Kommunikation. An der deutschen Philipps-Universität Marburg wurde untersucht, wie sich ein 20-minütiges Aufklärungsgespräch vor einer Herzoperation auswirkt. In diesem Gespräch wurde den Patienten gezielt Aufmerksamkeit geschenkt und zeigten die Ärzte Perspektiven für die Zeit nach der OP auf. Das Ergebnis: Wundheilung und Rehabilitation verliefen deutlich besser als bei jenen Patienten, die keine Extraportion Zuwendung erhalten hatten. Vielfach bessert sich durch gute Kommunikation das Verständnis der Patienten für die empfohlene Therapie, sie halten diese eher ein und es steigt insgesamt die Gesundheitskompetenz. 60 Prozent der Gesamtzufriedenheit der Patienten macht eine gute Gesprächsqualität aus – diese ist viel wichtiger als der Fernseher oder das Essen im Spital.

Welche sind die größten Kommunikationsfehler?

Das Unterbrechen – das im Schnitt schon nach einer halben Minute passiert. Oder geschlossene Fragen, auf die Patienten nur mit "Ja" oder "Nein" antworten können – also etwa "Haben Sie noch eine Frage?" Besser ist hier die Formulierung "Welche Frage haben Sie noch an mich?" Oder sich nicht versichern, ob der Patient alles verstanden hat. 40 bis 80 Prozent der medizinischen Informationen, die ein Patient erhält, sind sofort wieder vergessen. Aber das kann man leicht überprüfen, indem der Arzt den Patienten bittet, kurz zu wiederholen, was er zu Hause tun wird.

Ist gute Kommunikation nicht auch eine Frage der Zeit – die es oft nicht gibt?

Wer effektive Gesprächstechniken einsetzt, spart zehn Prozent der sonst notwendigen Zeit ein. Und die Informationen, die der Arzt bekommt, sind deutlich qualitätsvoller. Dadurch kann der Arzt dann Folgegespräche – etwa durch weniger notwendige Wiederholungen – kürzer halten, ohne Nachteile für den Patienten. Denn dann ist Zeit, die wichtigen Dinge anzusprechen.

Das kann aber nicht politische Maßnahmen ersetzen.

Natürlich besteht auch ein Auftrag an die Politik, dem Patientengespräch mehr Stellenwert zukommen zu lassen. Wenn es Kassen gibt, die ein solches mit nur 13 Euro honorieren, dann muss sich das ändern. Dem Gott der Heilkunde, Asklepios, wird in der griechischen Mythologie die Aussage zugeschrieben: "Zuerst heile mit dem Wort. Dann durch die Arznei. Und zuletzt mit dem Messer." Bei uns ist es – zumindest bei der Honorierung – umgekehrt: Für das Schneiden ist die Honorierung ausreichend, für das Gespräch bei vielen Kassen nicht. Ich fände es ganz schlecht, wenn das Qualitätsmerkmal einer guten Kommunikation nur von der Privatmedizin angeboten wird – denn das würde die Zwei-Klassen-Medizin noch stärker fördern. Wir dürfen diesen Mehrwert der guten Kommunikation nicht ausschließlich der Privatmedizin überlassen.

Werden Medizinstudenten und Ärzte in ihrer Weiterbildung mittlerweile ausreichend in Kommunikation geschult?

Es gibt Veränderungen zum Positiven, zum Beispiel mit Gesprächstrainings. Aber dass Kommunikation als klinische Fähigkeit gesehen wird – wie das etwa in Cambridge bereits der Fall ist –, so weit sind wir noch nicht.