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Neue Entwicklung
02/09/2016

Demenz: Sinkt das Risiko?

Gesünderer Lebensstil könnte bisherige Prognosen infrage stellen.

von Ernst Mauritz, Katrin Solomon

Die Prognosen waren bisher eindeutig und einheitlich: Bis zum Jahr 2050 werde sich die Zahl der Menschen mit Demenz verdoppeln bis verdreifachen, so der Tenor vieler Untersuchungen in Österreich, Deutschland und anderen Ländern.

Neue Daten zeigen nun, dass die Entwicklung vielleicht doch nicht ganz so dramatisch wird. Carol Brayne vom Cambridge Institute of Public Health erhob die genaue Zahl von Demenz-Fällen in drei Regionen Englands – und verglich ihre Daten mit jenen einer ähnlichen Studie von vor 20 Jahren. Das Fazit: Damals waren in diesen drei Regionen 8,3 Prozent der über 65-Jährigen von einer Demenzerkrankung betroffen, heuer sind es hingegen nur 6,5 Prozent – ein Rückgang des Erkrankungsrisikos um 22 Prozent.

Auf ganz Großbritannien umgerechnet bedeutet dies: 850.000 Briten haben derzeit Demenz – um 300.000 weniger als vorhergesagt. Warum das so ist? "Später Geborene haben ein niedrigeres Demenz-Risiko im Vergleich zu Menschen, die früher im vergangenen Jahrhundert geboren wurden", so Brayne zur Sunday Times. Und diese Entwicklung zeichne sich für ganz Europa ab, ist Brayne überzeugt: "Wir haben fünf Studien zur Häufigkeit von Demenz neu durchgesehen – keine von ihnen stützt Schlagzeilen, in denen von einer dramatischen Zunahme der Demenzerkrankungen die Rede ist."

Bessere Bildung

Die Hauptgründe für die positive Entwicklung, so die Studie: ein gesünderer Lebensstil und bessere Bildung. "Ich glaube, man kann vorsichtig optimistisch sein, dass die ursprünglichen Prognosen für die Zunahme der Erkrankungsfälle nicht ganz so dramatisch ausfallen werden", sagt dazu Demenzforscher Tobias Luck vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig. Gemeinsam mit seiner Kollegin Steffi Riedel-Heller hat er in einer neuen Studie abgeschätzt, wie viele Demenzerkrankungen durch sieben beeinflussbare Lebensstilfaktoren vermeidbar waren. Ergebnis: beinahe jede Dritte (siehe Grafik).

Für den Einzelnen sei die individuelle Bedeutung der einzelnen Faktoren ungefähr gleich groß. In der Gesamtbevölkerung sei aber durch mehr Bewegung am meisten zu erreichen – einfach weil Bewegungsarmut der am stärksten verbreitete Risikofaktor ist. Auf Platz zwei der sieben Faktoren kommt in Deutschland das Rauchen. Luck geht davon aus, dass eine vergleichbare Studie für Österreich ähnlich ausfallen würde. Natürlich ist es unrealistisch, diese Risikofaktoren gänzlich zu beseitigen. Aber bereits bei einer Halbierung ihrer Häufigkeit in der Bevölkerung könnten in Deutschland – theoretisch – 130.000 Alzheimerfälle vermieden werden. In Österreich wären es knapp 17.000 Fälle. Luck betont, dass es dennoch notwendig sein werde, Angebote für Menschen mit Demenz auszubauen: "Möglicherweise wird der Anstieg nicht so stark ausfallen wie vorhergesagt. Ein Rückgang der Zahl der Betroffenen ist aber angesichts der steigenden Zahl älterer Menschen nicht zu erwarten."

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