Wissen
24.10.2018

Bildungsexpertin Ilsemann: "Wir muten Schülern zu wenig zu"

Armut, Bildungsferne und Disziplinlosigkeit prägen mancherorts den Schulalltag. Was diese Standorte brauchen.

Die Migration ist besonders für die Großstädte eine Herausforderung. Noch nie saßen dort Kinder aus so vielen verschiedenen Nationen gemeinsam im Klassenzimmer. In Wien hat bereits mehr als die Hälfte der Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch. Darauf muss sich die Schule einstellen. Doch wie? Diese Frage hat sich auch Cornelia von Ilsemann gestellt, die 2003 in Bremen die Schulagenden übernommen hat – in einer Stadt, die beim PISA-Test im innerdeutschen Vergleich Schlusslicht ist. Ihr gelang es, das Niveau in eine Reihe von Brennpunktschulen zu heben.

KURIER: Eine einzige Maßnahme reicht nicht aus, um komplexe Herausforderungen zu meisten. Wie gingen Sie vor?

Cornelia von Ilsemann: Unsere Strategie stand auf drei Säulen. Erstens: Die Schulen mussten einen Plan entwickeln, wie sie das Niveau heben und sich für die Lernentwicklung jedes einzelnen Schülers verantwortlich fühlen. Zweitens: Von Lehrern und Schülern wurde hohe Verbindlichkeit eingefordert. Drittens: Die Einstellung zu den Schülern sollte sich ändern: Viele hielten die Kinder für leistungsschwach und haben ihnen zu wenig zugetraut und zugemutet. Überfürsorglichkeit von Lehrern kann den Lernfortschritt sogar behindern. Sätze wie „Toll, dass du kommst, obwohl du es so schwer hast“, hörten wir oft. Besser wäre zu sagen: „Prima, dass du da bist, jetzt geht’s an die Arbeit, - Du schaffst das!“

Haben Sie alle Schulen angesprochen?

Nein, wir haben 20 Schulen  der 5. bis 10. Schulstufe mit den schlechtesten Ergebnisse ausgewählt, und ihnen gesagt: „Zwölf Schulen können an einem Projekt teilnehmen – Ihr müsst Euch dafür allerdings bewerben.“ Durch die Teilfreiwilligkeit wurden Direktoren und Lehrer Teil des Projekts, und waren motiviert, selbst an der Schule Neues zu entwickeln. Unser Versprechen: „Es kommt jemand von außen in die Schule und sieht sich an, wer am meisten Unterstützung braucht. Diejenigen erhalten dann Hilfe in Form von Lehrerfortbildung und Beratung, aber auch Strukturmaßnahmen wie z. B. Ganztagsschulen“. Die Schulen erhielten auch Gestaltungsfreiheit für besondere pädagogische Konzepte.

Das Zauberwort heißt also Schulentwicklung – auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse wird der Unterricht auf den Standort zugeschnitten. Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Wir setzten wenige Ziele: die Basiskompetenzen in Mathematik und Deutsch müssen beherrscht werden. Ob sich die Schüler verbesserten, sollte in der 5., 7., und 9. Schulstufe überprüft werden. Wichtig war, dass die Schüler nicht nur für die Tests lernten, sondern  selbst Verantwortung für den eigenen Lernfortschritt übernahmen.

Wie kann das gelingen?

Wir haben Schülern z. B. Materialen gegeben, mit denen sie sich selber Rückmeldungen geben können. So finden sie allein heraus, ob Lösungen richtig oder falsch sind und müssen nicht immer die Lehrer fragen. Sie können sich auch gegenseitig helfen. So haben die Lehrer mehr Zeit für dringende Fälle.

 

Wie waren denn die Ausgangsleistungen der Schüler?

Die Unterschiede im Leistungsstand waren sehr groß. Etwa ein Drittel der Schüler im 5. Jahrgang waren noch auf dem Niveau der 2. Klasse Volksschule. Viele hatten Sprachprobleme, weil sie eine andere Erstsprache hatten, aber auch deutsche Kinder taten sich z. B. mit dem Konjunktiv schwer.

Heißt: Migrationshintergrund sagt nicht immer etwas darüber aus, wie gut ein Schüler ist.

Genau: Es gibt sehr begabte und interessierte Schüler mit Migrationshintergrund. Problematisch wird es immer dann, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: Soziale Armut und  Bildungsarmut, also mangelndes Interesse der Eltern. Die meisten Kinder, die das betrifft, sind benachteiligt. Sprachprobleme können in diesen Fällen das Lernen weiter erschweren.

 

Wie hat sich der Schulalltag verändert?

Es gab wenig zusätzliche Ressourcen, stattdessen Teamarbeit: Alle Deutschlehrer der gleichen Stufe gingen z. B. gemeinsam auf Fortbildung und lernten, wie sie damit umgehen, dass die Schüler so verschieden sind. Man kann z.B. unterschiedliche Aufgaben stellen. Manche Schüler kann man mit Bildern und Material zum Anfassen unterstützen oder mit mehr Zeit. Hier braucht es Methodenvielfalt und individuelle Fördermodelle. Die Lehrer haben sich anschließend im Unterricht besucht und auch voneinander gelernt. Die Schulleitung musste einen Kontrakt unterschreiben, dass sie das ermöglicht. Und wir haben den Schulen große Freiheiten gegeben. „Wenn ihr mit einer Klasse in den Wald gehen wollt, Bäume fällen, wenn Ihr ganz viel Theater spielen oder  eine Bibliothek aufbauen wollt: macht es!“ Auch dabei machen die Schüler die Erfahrung, dass sie etwas leisten können.

Wo gab es die größten Schwierigkeiten?

Für die Lehrer waren Disziplinprobleme zu Beginn ein riesiges Thema. Wir haben dann Regeln und Rituale wie z.B. Ruhezeichen eingeführt. War es einem Kind oder einem Lehrer zu laut, klingelte er z.B. an einer Triangel. Es war eingeübt, dass es dann automatisch ruhiger wird.

Wie schaffen es die Lehrer, ihre Ziele zu erreichen?

Das geht nur, wenn die Lehrer in einer Klasse an einen Strang ziehen. Und es sollten nicht zu viele sein. In der 5. Schulstufe reichen vier bis fünf Lehrer, weshalb man im Zweifel fachfremd unterrichten muss. Eine verlässliche Beziehung ist nämlich das Wichtigste – die Schüler müssen wissen, sie werden wertgeschätzt, doch wenn sie „Mist bauen“, gibt es auch Konsequenzen.

Wie waren die Ergebnisse der regelmäßigen Leistungstests?

In den ersten beiden Jahren gab es nur mäßige Verbesserungen, erst von der 7. auf die 9. Schulstufe zeigten sich große Fortschritte – in Mathematik lagen diese „leistungsschwächsten“ Schüler nun im Bremer Durchschnitt. In Deutsch waren die Fortschritte zwar sichtbar, aber nicht so auffällig. Das ist verständlich: Mathematik lernt man nur in der Schule, Sprache lernt oder verlernt man auch außerhalb.


Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus dem Projekt?

In Deutschland hätten wir schon vor 20 Jahren eine konzertierte Aktion von Schulverwaltung und Wissenschaft haben müssen, die vermittelt, wie man gut eine Zweitsprache lernt. Bei Mathematik und den Naturwissenschaften gab es das. Viele Lehrer wollen gut unterrichten, fühlen sich aber in manchen Klassen hilflos und überfordert. Heute bin ich mehr als früher der Meinung, dass wir den Pädagogen gute Materialen in die Hand geben müssen, die gemeinsam erprobt werden. Da sind z. B. die Kanadier ganz stark. Inzwischen gibt es auch sehr gute digitale Medien für die Vielfalt der Kinder. In Bremen hätten wir ein Anschlussprojekt mit den Volksschulen machen sollen. Denn da werden die Grundlagen für das Lernen gelegt.

Zur Person:

Cornelia von Ilsemann war 20 Jahre lang Lehrerin für die Fächer Mathematik und Geschichte in Hamburg. Sie hat Projekte dort initiiert, für die die Schule mehrfach ausgezeichnet wurde.

2003 wechselte Ilsemann in die Bildungsbehörde in Bremen, um dort als Senatsdirektorin alle Maßnahmen der Qualitätsentwicklung von Schule nach dem PISA Schock zu einer nachhaltigen Gesamtstrategie zu bündeln. Von 2009 bis 2013 war sie zusätzlich Vorsitzende des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz, in der die deutschen Bundesländern ihre Bildungspolitik koordinieren. Seit ihrer Pensionierung ist sie Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie und in der Vorjury des Deutschen Schulpreises. Sie arbeitet ehrenamtlich im Beirat des Studienkollegs der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, das an Leitungsfragen interessierte Lehramtsstudierende fördert.