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Wissen
06/17/2019

Austronobelpreis: Wer sich über 1,5 Millionen Euro freuen darf

Mikrobiologe Michael Wagner und Historiker Philipp Ther erhalten den Wittgenstein-Preis 2019. Was die Preisträger tun.

von Susanne Mauthner-Weber

Krankjammern klingt anders: Die  Forschungen beider Wissenschafter sind bahnbrechend.  Der eine   beschäftigte sich unter anderem mit historischen Flüchtlingsbewegungen, der andere hat Bakterien ausgemacht, die helfen können, dass weniger Treibhausgase entstehen. So lautetet die Begründung der Jury, warum dem Historiker Philipp Ther und dem Mikrobiologen Michael Wagner, beide von der Universität Wien, die wichtigste Wissenschaftsauszeichnung gebührt, die Österreich zu vergeben hat – der Wittgenstein-Preis 2019 (siehe Porträts unten).

Beide Forscher sind in nächster Zeit  ihre Geldsorgen los, denn der Nobelpreis wirkt mickrig  daneben: Kaum einer Million Euro stehen heuer 1,5 Millionen gegenüber. Der Wittgenstein-Preis liegt monetär vorne. Trotzdem gibt es gravierende Unterschiede. Während der Nobelpreis sehr oft an alte Herren am Ende ihrer Laufbahn geht, ist der höchstdotierte heimische Preis, der seit 1996 vergeben wird, oft Initialzündung für wissenschaftliches Arbeiten, das sich im internationalen Vergleich nicht verstecken muss.

Preisträger I.

Wer das, was Michael Wagner macht, verstehen will, muss bereit sein, dem Mikrobiologen in die Untiefen des Mäusedarms zu folgen. „Wie die Kuh auf der Wiese, so weiden dort die Bakterien auf dem durch die Darmschleimhaut ausgeschiedenen Schleim.“ So erzählte es der neue Wittgenstein-Preis-Träger in einem Interview 2013, nachdem es ihm erstmals gelungen war, mit Hilfe von Hightech in den Darm hineinzuschauen und Mikroorganismen beim Fressen der Darmschleimhaut zu beobachten.

Wagner hat viel für anschauliche Vergleiche übrig. Warum es sich lohnt, Geld für derartige Forschung auszugeben: „Der Darm ist weltweit ein ganz heißes Forschungsthema“, sagt er, „da viele Krankheiten mit der Zusammensetzung unserer Darm-Mikroorganismen korrelieren – von Fettleibigkeit über Autismus bis zu entzündlichen Darmerkrankungen.“

Als Jugendlicher wäre Wagner gerne Sänger einer Alternative Band geworden. Woran es scheiterte? „Ich kann nicht singen.“ Ein Gewinn für die Wissenschaft, denn seit vielen Jahren gehört er zu den meist zitierten Mikrobiologen weltweit.

„Geiler Moment“

„Kurze Hose, Butterbrezel in der Hand – ich war gerade mit meinem Sohn an der Isar wandern“, erzählt er, wenn man ihn fragt, wann ihn die frohe Kunde vom Wittgenstein-Preis ereilt hat. „Geiler Moment. Aber es ist immer Teamarbeit.“ Mit manchen Kollegen arbeitet er seit 25 Jahren zusammen: „Wir schauen Bakterien dabei zu, was sie tun.“

Egal ob landwirtschaftlicher Boden, Darm oder Kläranlage: Kleinstlebewesen und ihre Nahrungsnetzwerke sind das Fundament für jedes Ökosystem, jedes Tier, jede Pflanze, die Menschen. „Ein Ökosystem ohne Mikroben funktioniert nicht. Wir wollen verstehen, was die tun und gezielt eingreifen.“

Apropos eingreifen: Im Vorjahr machte Wagner Schlagzeilen, weil es ihm gelungen war, ein Bakterium zu züchten, das in erster Linie von Methan in der Luft lebt – eine Entdeckung, die zum Kampf gegen die Klimaerwärmung beitragen könnte. „Viele Böden scheiden klimarelevante Gase aus, konsumieren sie aber auch – sie können den Klimawandel also anschieben, indem sie z. B. Lachgas ausscheiden“, erklärt er.

„Es gibt aber auch viele Bakterien, die fixieren. Wenn ich die besser verstehe, kann ich in der Landwirtschaft mit Düngung und Fruchtfolge so eingreifen, dass weniger Treibhausgase ausgestoßen werden.“ Wagners Vision: „Ich möchte ein Mikroskop entwickeln, in das ich reinschaue und sehe, was die Mikroorganismen tun.“ Ziel: Die guten herauspicken und zum Wohl der Welt arbeiten lassen.

Preisträger II.

Philipp Thers Botschaft ist eindeutig: „Selbst wenn es anfangs Widerstände auslöst, ist es in fast allen Fällen so, dass die  Zielländer profitiert haben“, sagt der Historiker und meint damit die Flüchtlingswellen, die es immer wieder gegeben hat. Der Neo-Wittgensteinpreis-Träger muss es wissen:  Schon in seiner Dissertation an der FU Berlin verglich Ther die Geschichte der polnischen mit den deutschen Vertriebenen von 1944 bis 1956. 

2017 hat der Historiker ein Buch über Ursachen und Folgen von Flucht und Migration geschrieben. In „Die Außenseiter“ („ein Grundlagenwerk über Flüchtlinge“ © Ther) beschreibt er, wann und unter welchen Umständen Gesellschaften von Flüchtlingen profitieren können und was nötig ist, um Menschen aus anderen Kulturen zu integrieren.

Sein Credo ist eindeutig: Integration ist mühsam. Aber die Geschichte zeige, dass alle Beteiligten etwas davon haben – auch die Gesellschaft, die Flüchtlinge aufnimmt. Heute sagt er: „Ja, europäische Geschichte ist eben auch eine Geschichte massenhafter Fluchtvorgänge.“

Bahnbrechend

Ther, in Vorarlberg geboren, verbrachte seine Kindheit in den bayerischen Alpen sowie dreieinhalb Jahre in Istanbul. Seine Vorfahren stammen teils aus Böhmen, er spricht fließend Tschechisch und Polnisch und kann sich in etlichen  ost- und westeuropäischen Sprachen verständigen. Die Wittgenstein-Jury nennt ihn einen „international anerkannten Wissenschafter, dessen Bücher in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Seine Forschungen und Monografien waren alle bahnbrechend“.

„Ich bin derzeit Gastprofessor in den USA und war am vergangenen Wochenende auf einem Waldlauf“, erzählt er, wenn man ihn fragt, wann ihn die Nachricht erreichte, dass er den Wittgensteinpreis 2019 bekommt. „Ich kann damit eine Forschergruppe an der Universität aufbauen. Es gibt da einige  kluge Kollegen.“ Was er mit ihnen erforschen will? „Es geht um die Transformation des Postkommunistischen Europas nach 1989, um Wirtschaftspolitik und die sozialen Auswirkungen – von steigender Ungleichheit bis hin zur Arbeitsmigration.“

In seinem neuen Buch  „Das andere Ende der Geschichte – die große Transformation“ will er sich damit beschäftigen, warum sich die Hoffnungen in und für die Länder des ehemaligen Ostblocks nicht so erfüllt haben, wie erhofft. Ther: „In der Forschergruppe wird uns vor allem die Sozialgeschichte dieser Transformation interessieren. Wir wollen einen europäischen Vergleich anstellen, denn auch die Länder westlich des Eisernen Vorhangs wurden ko-transformiert.“

Was ist der Wittgenstein-Preis?
Österreichs wichtigster  Wissenschaftsförderpreis (auch Austro-Nobelpreis genannt). Er wurde nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) benannt. Die Wissenschafter werden von ehemaligen Wittgenstein-Preisträgern, Rektoren, ÖAW-Präsidenten etc. nominiert. Heuer gab es 24 Vorschläge, aus denen eine renommierte Wissenschafter-Jury aus dem Ausland die beiden Preisträger  auswählte, die von Wissenschaftsministerium und Forschungsförderungsfonds (FWF) je 1,5  Mio. € erhalten.

Können die Forscher mit dem Geld machen, was sie wollen?
Nein. Die Mittel sind, anders als der Nobelpreis, streng gewidmet und müssen – aufgeteilt auf die nächsten fünf Jahre – in die Forschung fließen. Insgesamt werden acht Forschern 10 Millionen zur Verfügung stehen, denn  Montagabend wurden auch  sechs Nachwuchs-Preise (START genannt) vergeben. Das Preisgeld, aufgeteilt auf sechs Jahre, soll es den Jungforschern ermöglichen, eigene Projektgruppen aufzubauen.

Warum steckt der FWF so viel Geld in die Forschung?
Weil ein Wittgenstein-Preisträger durchschnittlich 15 und ein Start-Preisträger zehn Mitarbeiter im Rahmen seiner Projekte beschäftigt. Dadurch wurden schon mehr als 1.000 höchstqualifizierte Stellen für Nachwuchsforscher geschaffen. 

Welchen Stellenwert hat der Wittgenstein-Preis in einem Forscherleben?
Der Preis bringt außergewöhnlichen Spielraum, neue Ideen zu erproben, kreativ zu sein und sich dafür eine Reihe junger und motivierter Mitarbeiter zu holen. Forschungsgeld zu bekommen, erfordert normalerweise einen detaillierten Projektantrag, wo schon zuvor festgeschrieben ist, was zu tun ist. Dieser Preis gibt viel größere Freiheit, und das hat meist zu spannenden Ergebnissen geführt.  Außerdem signalisiert der Preis gesellschaftliche Anerkennung für die Grundlagenforschung, und das ist gerade in Österreich  wichtig, weil das Verständnis für Forschung, die nicht sofort verwertbare Ergebnisse bringt,  unterentwickelt ist.