Antidepressiva können das empathische Einfühlungsvermögen verringern.

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Wissen
06/18/2019

Antidepressiva können Empathie verringern

Forschungen zeigen, dass die medikamentöse Therapie von Depression zu verringerten empathischen Reaktionen führen kann.

Depressionen gehen oft mit einer Beeinträchtigungen des Soziallebens einher. Bisher ging man davon aus, dass auch das empathische Einfühlungsvermögen von dieser psychischen Störung beeinträchtigt ist. Wiener Forscher berichten nun allerdings im Fachjournal Translational Psychiatry, dass die verringerte Empathie offenbar auch auf Antidepressiva zurückgeführt werden kann.

Einflussfaktoren trennen

Frühere Untersuchungen über das empathische Einfühlungsvermögen von Menschen mit Depressionen seien meist bei Gruppen von Patienten durchgeführt worden, die großteils unter dem Einfluss von Antidepressiva standen, teilte die Universität Wien am Dienstag mit. Wissenschafter der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien haben in ihrer Studie versucht, potenziell unterschiedliche Einflüsse von akuter Depression und Antidepressiva getrennt voneinander zu betrachten.

Dazu untersuchten sie eine Patientengruppe zu zwei Zeitpunkten: während einer akuten depressiven Phase bevor sie Medikamente eingenommen hatten und nach dreimonatiger psychopharmakologischer Therapie mit Antidepressiva (hauptsächlich Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer).

In beiden Fällen wurden die Hirnaktivität der Studienteilnehmer mittels funktioneller Magnetresonanztomographie gemessen, während sie Videos von Menschen sahen, die eine schmerzhafte medizinische Prozedur durchmachten. Zum Vergleich gab es Ergebnisse einer gesunden Kontrollgruppe. Zudem mussten alle die Videos beurteilen.

Geringere empathische Reaktionen

Es zeigte sich, dass vor der medikamentösen Behandlung weder die Hirnaktivität noch die Beurteilungen von der Kontrollgruppe abwichen. Nach dreimonatiger Einnahme von Antidepressiva wurden allerdings deutliche Unterschiede festgestellt: Die Personen mit Depression zeigten wesentlich geringere empathische Reaktionen sowohl auf der Hirn-, als auch auf der Beurteilungsebene.

Laut Markus Rütgen vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden der Universität Wien war "diese verringerte Reaktion bei der Wahrnehmung von Schmerzen anderer nicht auf eine allgemein gesenkte Empfindsamkeit gegenüber negativen Emotionen zurückzuführen". Er vermutet, dass der geringere emotionale Einfluss negativer Ereignisse im sozialen Bereich die Genesung erleichtern könnte.