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Interview
10/18/2020

Alternsforscherin erklärt, warum wir immer jünger werden

Der Prozess des Alterns hat sich ebenso entwickelt wie der Mensch selbst. Warum wir immer jünger, aber auch immer älter werden.

von Yvonne Widler

Genau heute vor 66 Jahren erschien der erste "Neue KURIER". Grund genug, um über das Altern nachzudenken. Unser kalendarisches Alter zählt allerdings kaum noch. Biologisch gesehen hat sich die Menschheit im letzten Jahrhundert enorm verjüngt. Warum wir eigentlich zehn Jahre jünger sind, wieso 66-Jährige heutzutage anders ticken als früher und welche Konsequenzen all das für unsere Gesellschaft hat, erklärt die promovierte Psychologin und Alternsforscherin Ursula Staudinger. Als Alternsexpertin bringt sich Staudinger regelmäßig in die globale Debatte um den demografischen Wandel ein. 

KURIER: Welche Kernbereiche umfasst die Alternsforschung?

Ursula Staudinger: Es handelt sich dabei um einen sehr stark interdisziplinär geprägten Forschungsbereich. Er reicht vom Erforschen des Alterungsprozesses von Zellen und Organen bis hin zu unserer psychologischen Konstitution, also wie wir Denken, Fühlen und Handeln - und wie sich das im Laufe des Lebens verändert. Außerdem betrachten wir auch soziologische Aspekte, insbesondere wie das Altern durch die Gesellschaft beeinflusst wird, wie unser Arbeitsmarkt oder Bildungssystem diesbezüglich ausgerichtet ist, bis hin zu Pflegeeinrichtungen, auf die wir im hohen Alter dann angewiesen sind. 

Welche sind die herausragendsten Erkenntnisse der modernen Alternsforschung?

Dass der Mensch in der einzigartigen Lage ist, seinen eigenen Alternsprozess zu beeinflussen. Damit meine ich sowohl jede Person als auch gesamtgesellschaftlich, nämlich durch die Gestaltung von Umfeldern, wie etwa kulturellen Institutionen. In 150 Jahren Kulturgeschichte haben wir es geschafft, dem menschlichen Leben im Schnitt 30 Lebensjahre hinzuzufügen. Unser Leben ist nicht zufällig länger geworden, sondern weil wir Sorge dafür getragen haben, dass wir gesünder altern können. Der Fokus der Gesellschaft sollte darauf liegen, dass immer mehr Menschen gesünder alt werden können. Es ist ja so, dass Menschen mit weniger Geld und weniger Bildung auch weniger gesund altern und weniger lange leben. Das liegt etwa auch an den Bedingungen des jeweiligen Jobs oder dem Lebensstil. Es sollten mehr Menschen in einem breiteren sozioökonomischen Spektrum die Chance haben, gesünder zu altern. 

Das biologische Alter unterscheidet sich nun also vom kalendarischen Alter. Es fällt auch auf, dass die 50-Jährigen von heute weit jünger aussehen als früher. 

Genau. Das ist ein Teil dieses Phänomens. Und jetzt muss die Gesellschaft diesen gewonnenen Jahren genügend Platz einräumen. Denn es wäre ja schade, wenn man diese Jahre einfach hinten dran hängt und nichts damit passiert. Insofern ist es wichtig, dass Menschen, wenn sie das möchten, nach der Pensionierung eine Möglichkeit haben, am Arbeitsmarkt tätig zu werden. Oder sie finden freiwillige Tätigkeiten, wo sie noch etwas beitragen können und so visibel bleiben in der Gesellschaft. Es ist für viele schwierig, in der Rente unsichtbar zu sein. Man ist dann nur noch in der Familie sichtbar und das ist für viele nicht befriedigend. 

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang den Schritt in die Pension, manche gehen den vergleichsweise früh, andere würden am liebsten ewig weitermachen, dürfen aber nicht. 

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir diese Schutzfunktion des gesetzlichen Rentenalters haben, weil die verschiedenen Tätigkeiten sich stark unterscheiden und auch die Menschen unterscheiden sich. Wir werden immer unterschiedlicher je älter wir werden, weil die biologische Ausstattung, die wir mitbekommen haben von unseren Eltern, in Interaktion tritt mit all den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres eigenen Lebens machen. Es muss also möglich sein, wenn jemand sich noch fit fühlt und Lust dazu hat, weiterarbeiten zu können. Was die Forschung zeigt: Wenn wir keine regelmäßige geistige und/oder körperliche Anforderung haben, dann bauen wir schneller ab in der Pension. Diese Anforderung kann in der Familie sein, aber auch in ganz anderen Bereichen. Anforderung und das Gefühl, gebraucht zu werden, erfüllen uns mit Sinn und sorgen auch dafür, dass wir fit bleiben. Das ist eine neue Verantwortung für die Gemeinschaft, hier neue Möglichkeiten des Alterns anzubieten, damit nicht jede Person das selbst organisieren muss

Wie unterscheiden sich 66-Jährige heute von 66-Jährigen vor 50 Jahren? 

Man kann sagen, dass die Person biologisch etwa zehn Jahre jünger ist, als eine 66-jährige Person vor 50 Jahren. Das hat Konsequenzen auf allen Ebenen. Wenn wir biologisch zehn Jahre jünger sind, dann haben wir Interesse an anderen Dingen, sind körperlich aktiver, mögen andere kulturelle Dinge, lesen andere Bücher. Wir kleiden uns anders. Das betrifft also jeden Bereich des Lebens. 

Es geht uns nicht einfach nur darum, länger zu leben. Wir wollen lange leben, gesund sein, im Idealfall auch glücklich. 

Es muss jede Person für sich selbst festlegen, was sie bereit ist, dafür einzusetzen, dass sie ein gesundes und langes Leben hat, denn wir wissen, was es braucht, um gesund alt zu werden. Dazu gehört eine ausgeglichene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, sowohl was Ausdauer als auch Krafttraining und Flexibilität angeht. Je älter wir werden, umso mehr müssen wir da etwas tun. Uns geistig immer wieder auch mit neuen Dingen beschäftigen, sodass auch unser Gehirn fit bleibt. Das sind allerdings drei Dinge, die machen Mühe. Wenn nun jemand aber sagt, ich hab keine Lust, dann ist das auch in Ordnung. Dann lebe ich fünf Jahre kürzer, esse gerne fettiges Essen, liege gerne auf der Couch, trinke gerne einen über den Durst. Das ist jeder Person selbst überlassen, was für sie Glück bedeutet. 

Wodurch kennzeichnen sich denn die späteren Lebensphasen heute?

Ich glaube, dass die Vielfältigkeit der Lebensstile viel größer geworden ist. Auch die Geschlechterrollen sind gleichberechtigter geworden, Frauen sind finanziell unabhängiger. Wir sehen eine höhere Anzahl von Scheidungen im mittleren Lebensalter. Es gibt verstärkt den Wunsch, sich in der zweiten Lebenshälfte wieder zu verpartnern. Es ist zweifellos so, dass wir unser ganzes Leben lang sehr davon profitieren, wenn wir emotionale und intime Beziehungen haben. Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens ebenso. Körperliche Berührung brauchen wir bis ins hohe Alter. Das ist eines der Dinge, die auch pflegebedürftige Menschen beklagen, weil ihnen das oft sehr fehlt. Das ist aber ganz wichtig, die Haut ist unser größtes Organ und Berührungen stimulieren unser Gehirn, und es bringt Wohlbefinden

Weil Sie Partnerschaft und Sexualität angesprochen haben. 60plus Partnerbörsen erleichtern es den Menschen heute immens oder sehen Sie das anders? 

Gottseidank gibt es jetzt diese Partnerbörsen im Internet, nun muss man sich nicht mehr in eine Bar setzen und ist darauf angewiesen, dort jemanden kennenzulernen. So gibt es Personen da draußen, denen es ähnlich geht, und die vielleicht auch auf der Suche sind und so können Menschen in den späteren Lebensphasen stressfreier einen neuen Partner oder eine neue Partnerin suchen und das ist doch viel angenehmer und effektiver. 

Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern und Frauen in Österreich zwischen 80 und 85 Jahren. Die Menschen werden immer älter. Kann das Durchschnittsalter auch eines Tages bei 120 liegen, wenn wir uns weiter anstrengen oder ist das nicht möglich?

Hier gehen die Meinungen in der Wissenschaft auseinander. Das eine Lager sagt, wir beobachten im Moment eine Kompression der Morbidität, also ein Zusammenschieben der Krankheitsphase nach immer weiter hinten. Deswegen erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung, aber die maximale Lebensdauer, die einem Menschen biologisch vorgegeben ist von etwa 120 Jahren, verändert sich nicht. Die andere Gruppe sagt aber, das geht gar nicht. In dem Maße, in dem wir unsere durchschnittliche Lebenserwartung nach oben rücken, verlängern wir auch die maximale Lebensspanne. Die Daten, die wir im Moment zur Verfügung haben, erlauben es uns nicht, die eine oder andere Richtung zu entscheiden. Ich würde aber sagen, wir haben noch ganz viel Luft nach oben in der durchschnittlichen Lebenserwartung und vor allem der gesunden Lebenserwartung. 

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in Hinblick auf die Darstellung von alternden Menschen? Sehen Sie eine Stigmatisierung oder fehlt etwas in der Berichterstattung?

Das Bild des Alterns in den Medien ist zum Glück schon viel besser geworden, so auch in den Vorabendserien, die eine hohe Zuschauerquote haben. Wir müssen hier natürlich über die Breitenmedien sprechen, weil diese erzeugen die Modelle des Alterns, die wir im Kopf haben. Es ist besser, kann und muss aber noch vielfältiger werden. Realer in der Abbildung dessen, was Alter und Altern im 21. Jahrhundert für den Menschen bedeuten kann. Nicht immer nur den alten Chirurgen vorführen, der noch arbeitet, sondern auch ganz andere Bilder zeigen. Menschen, die nach der Rente noch etwas bewegen in ihrem Umfeld. Tolle Reportagen, wo ältere Menschen zu Wort kommen, die andere motivieren. 

In heutigen Beziehungen gibt es oft sehr große Altersspannen. 10, 20 Jahre - oder sogar mehr. Was denken Sie darüber?

Es kann funktionieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert ist aber geringer, als eine Beziehung von zwei Menschen, die näher in derselben Lebensphase beieinander sind. Wenn zu große Unterschiede vorherrschen, mag das im mittleren Alter noch funktionieren, aber später könnte es schwieriger werden. Aus körperlichen Gründen,  wegen Einschränkungen zum Beispiel. Wenn die Spanne so groß ist, dass man zu einer anderen Generation gehört, dann kann auch eine gewisse Fremdheit mitspielen. Weniger Gleichklang. Am Anfang kann das sehr spannend sein, aber auf Dauer kann sich eine Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten einschleichen. 

 

Ursula M. Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden (TUD). Davor arbeitete sie als Professorin für soziomedizinische Wissenschaften und Professorin für Psychologie am Robert N. Butler Columbia Aging Center der Columbia University in New York, das sie 2013 gründete. Dort wirkte sie fünf Jahre als Direktorin und  Präsidentin des dazugehörigen International Longevity Center USA (ILC-USA). Vor ihrem Wechsel in die USA, war sie 10 Jahre lang Vizepräsidentin der Jacobs University (Bremen) und Gründungsdekanin des Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development (JCLL). 

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