Börsegebäude am Wiener Schottenring, wo die Börse zwischen 1877 und 1997 residierte

© Wiener Börse/Foto-Agent

Wirtschaft
06/19/2021

Zehn mal umgezogen: Wo die Wiener Börse überall wohnte

250 Jahre zählt die Wiener Börse bereits. In dieser Zeit hat sich der Handel stark verändert. Und es wurde auch oft übersiedelt.

von Anita Kiefer

Maria Theresia hat uns in den 1770er-Jahren nicht nur die bekannte Schulreform gebracht. Sie hat 1771 – nach zehn Jahren Vorlaufzeit – auch eine Institution gegründet, die heuer ihren 250. Geburtstag feiert: die Wiener Börse. Gründungszweck war die staatliche Kapitalaufbringung nach französischem Vorbild – als Zwangsbörse. Die erste Aktie, die es hier zu erwerben gab, war jene der Oesterreichischen Nationalbank (1818). Einer der ersten Aktionäre war niemand geringerer als Ludwig van Beethoven – er kaufte 1819 acht Aktien der Nationalbank.

Viele Bleiben

Beethoven soll ja mindestens 60 Mal umgezogen sein. Ganz so oft hat es die Wiener Börse zwar nicht geschafft, aber: Begibt man sich auf die historischen Spuren der Börse und ihren physischen Standorten sieht man schnell: Zu Hause war die Wiener Börse im Verlauf des vergangenen Vierteljahrtausends schon an einigen Standorten der österreichischen Bundeshauptstadt. Kein Wunder, bei 250 Jahren Geschichte kann man auch schon das ein oder andere Mal den Wohnort wechseln. Neun verschiedene Adressen bewohnte die Börse seit 1771.

Ihre allererste bauliche Bleibe hatte die Wiener Börse am Kohlmarkt 12 (heute Kohlmarkt 16). „Frauen und Schwachsinnige hatten keinen Zugang“, erzählt Peter Eigner, Wirtschaftshistoriker und Universitätsprofessor, bei einem Rundgang zu den wichtigsten Stätten der Wiener Börse. Gründen konnte eine Frau die Börse also, beim Handeln sah es dann wieder ganz anders aus.

Am bekanntesten ist die Tätigkeit von Bulle und Bär in Wien im historischen Börsengebäude am Ring, wo die Börse auch am längsten ihre Niederlassung hatte – zwischen 1877 und 1997 nämlich, also 120 Jahre lang. Diese Bleibe der Wiener Börse hat sich auch recht breitgemacht, zumindest in den Gedanken der Menschen. Besucher (meist aus dem Ausland, muss man fairerweise sagen) stehen da manchmal vor der Türe, wenn sie eigentlich einen Termin in der Wallnerstraße 8 im 1. Bezirk haben, dem aktuellen (Allein-)Sitz der Börse seit 2002. Sie kommen dann meistens mit einigen Minuten Verspätung bei Terminen an... Von 1998 bis 2002 war die Börse in der Strauchgasse 3 und der Wallnerstraße 8 „daheim“. Das erste Börselokal wurde übrigens bereits 1761 in der Kärntnerstraße 23 eingerichtet, weiß Wirtschaftshistoriker Eigner. Dort sei bereits für ein Jahr eine Börse gewesen, weiß er – hier wurde etwa Papiergeld ausgegeben. Schon davor gab es zwei weitere, provisorische, Börselokale.

Seit ihrer – richtigen – Gründung im Jahr 1771 hat die Börse dann auch noch so einiges erlebt: Zwei Weltkriege (inklusive Schließungen 1914 und 1938) und sogar einen Großbrand zum Beispiel. Im Jahr 1956.

In den 250 Jahren hat sich die Wiener Börse natürlich auch in ihrer Handelstätigkeit sehr verändert. Wurde 1771 noch physisch gehandelt – nämlich Anleihen, Wechsel und Devisen, gibt es jetzt den elektronischen Handel von Aktien, Anleihen, ETFs und strukturierten Produkten. Die Kurse wurden im 18. Jahrhundert zu Beginn der Börse täglich am Börsegebäude ausgehängt – heute werden Kursdaten und Indizes von über zehn Märkten in Echtzeit verarbeitet. Ab 1999 gibt es den gesamten Handel an der Börse vollautomatisiert.

Mittlerweile ist die Wiener Börse angewachsen. Auf eine Marktkapitalisierung von rund 119,43 Milliarden Euro und einen durchschnittlichen Monatsumsatz von 6,82 Milliarden Euro. Über 80 Prozent des Aktienumsatzes stammen aus dem Ausland. 150 handelbare Indizes für 14 Märkte gibt es hier. Der bisher größte Börsengang in der Geschichte war jener der BAWAG Group im Jahr 2017 mit 1,93 Milliarden Euro.

Internationale Börsen

Mit ihrem fortgeschrittenen Alter ist die Wiener Börse international in guter und renommierter Gesellschaft. Die berühmte New York Stock Exchange, besser bekannt unter dem Namen der Straße, in der sie liegt – Wall Street –, nahm 1792 ihre Arbeit auf.

Die Frankfurter Börse wurde 1585 gegründet, erstmals wurden hier 1820 Aktien gehandelt. Die erste Aktie war auch hier jene der Oesterreichischen Nationalbank. Als Gründungsjahr der Frankfurter Börse gilt das Jahr 1585. Der Vollständigkeit halber: Die älteste Börse der Welt – vermutlich – wurde 1409 in Brügge gegründet.

Das Jubiläumsjahr teilt sich die Wiener Börse übrigens mit einem anderen heimischen Börse-Player: Heuer feiert auch der österreichische Leitindex ATX einen „Runden“ – er wird 30 Jahre alt.

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