Wirtschaft 20.03.2016

"Wir wissen nicht, wie wir die neue Welt gestalten sollen"

Lech Walesa mit dem Abbild der Gottesmutter von Tschenstochau an seinem Anzugrevers. © Bild: /ACADEMIA SUPERIOR / Hermann Wakolbinger.

Lech Walesa – Der Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger fordert neues Denken und neue Antworten auf die neuen Probleme.

Der heute 72-jährige Gewerkschaftsführer von Solidarnosc (1980-1990), Friedensnobelpreisträger und polinische Staatspräsident (1990-95) Lech Walesa verfügt immer noch über eine große Anziehungskraft. 700 Besucher strömten vergangenes Wochenende zu seinem Vortrag in die Gmundner Toscana, wohin die Denkfabrik Academia superior geladen hatte. Im Interview mit dem KURIER sagte er...

....über Österreich: "Der liebe Gott hat es gut mit euch gemeint. Er hat euch verwöhnt. Polen hat er schlechtere Bedingungen gegeben. Es ist nicht so schön wie hier. Das Wetter ist auch besser."

...über die Krise der EU: "Die Neuorganisation Europas läuft zu langsam. Meine Gewerkschaft Solidarnosc hat den Eisernen Vorhang, die Teilung Europas liquidiert, die die Entwicklung gehemmt hat. Wir haben keine Ideen, wie das Europa der Zukunft aussehen soll. Jeder Nationalstaat hat sein eigenes Fundament. Die Frage ist, auf welchen gemeinsamen Fundamenten können wir Vereinbarungen erzielen. Früher gab die christlichen Fundamente, die wir verwerfen haben. Dann gab es die Ideologien. Jetzt haben wir gar nichts. Die eine Hälfte will Europa auf dem freien Markt und Freiheiten aufbauen. Der andere Teil sagt nein, wir müssen es auf Werten aufbauen. Wir sollten uns auf eine kleine Verfassung, auf zehn gemeinsame laizistische Gebote einigen. Die europäischen Staaten müssen sich an einen Tisch setzen und überlegen, was sie eint. Derzeit mach sich jedes Land seine eigenen zehn Gebote. Auf Dauer geht das nicht.

Was bedeuten Begriffe wie die Linke oder die Rechte? Das sind alte Begriffe, wir haben aber neue Zeiten. Es stellt sich auch die Fage nach dem Wirtschaftssystem. Sicher nicht Kommunismus, aber sicher auch nicht so ein Kapitalismus, wie wir ihn jetzt haben. Es braucht jetzt einen neuen Kapitalismus. Als Revolutionär werde ich überall dort eingeladen, wo es große Streiks gibt. Es wir d überall gesagt: Wir wollen keinen solchen Kapitalismus, wir wollen keine solche Demokratie. Denn sie passen nicht in unsere Zeiten.

Wir haben ein gemeinsames Europa und die Globalisierung bekommen. Das Leben hat uns überrascht. Wir wissen nicht, wie wir das gestalten sollen.

....über Putin und Russland: " Russland ist mental rückständig. Es gab dort nie eine Demokratie, es glaubt nicht an den freien Markt. Es wendet Methoden an, die wir schon längst ad acta gelegt haben. Wir aber brauchen Russland, ein Russland, das nach gleichen Werten lebt wie wir. Wir sollten ihnen helfen, unsere Werte anzunehmen. Wir müssen Russland gegenüber solidarisch sein. Putin spielt aber die europäischen Staaten gegeneinander aus. Es gibt zwei Putins. Der eine versteht die Welt und Europa, er reformiert und hält Russland an straffen Zügeln. Der andere Putin ist der KGB-Mann, der nach dem Motto agiert, ich zeig’s euch. Dem ersten Putin müssen wir helfen, dem zweiten dürfen wir nichts erlauben. Aber nur durch vernünftiges solidarisches Agieren, ruhig, ohne Tamtam und Aufschrei. Aber derzeit reissen wird nur an der Leine."

( kurier.at ) Erstellt am 20.03.2016